Tunnelbesetzer am Hambacher Forst

Es waren Tim und Elmo

Einen Tag lang haben zwei Männer die Räumung verzögert, weil sie sich in einem Stollen verschanzten. Nun kamen sie raus.

Lageplan Hambacher Forst Illustration: Infotext Berlin

HAMBACHER FORST taz | Der Sauerstoff im Schacht wird knapp, die Feuerwehr ist da und Fachleute der Grubenwehr, die sich mit Stollen auskennen. Bei den polizeilichen Räumungsarbeiten im Hambacher Forst haben zwei Waldbesetzer die weitere Räumung von Baumhäusern über einen Tag lang verzögert – weil sie sich in einem selbstgebuddelten Stollen versteckt hielten, in den selbst Rettungskräfte lange nicht vordringen konnten.

Bereits am Freitag hatten Baumbesetzer in der Baumhaussiedlung „Oaktown“ den Rückzug von schwerem Gerät gefordert und darauf hingewiesen, dass sich in einem unterirdischen Tunnelsystem Blockierer befinden sollen. Davon unbeeindruckt hatte die Polizei, die seit Donnerstag im Hambacher Forst versucht, Baumhäuser zu räumen, ihre Maßnahmen zunächst weiter durchgeführt.

Noch am Freitagabend um halb acht, als die Polizei die Hütte lange gesichert hatte, hatte die Pressestelle der Polizei Aachen die Auskunft gegeben, am Schachtdeckel hätte sich ein Besetzer festgekettet; ansonsten gäbe es keine Anzeichen dafür, dass sich im wohl zwei bis drei Meter langen Schacht Menschen befänden.

Dann forderte die Polizei die Feuerwehr an sowie Fachberater für Bergbau und Geologie, die die Stollen für akut einsturzgefährdet erklärten. Auch die CO2-Werte am Eingang des Stollens, seien besorgniserregend, sagte eine Feuerwehrsprecherin vor Ort der taz. Die Feuerwehr setzte Teleskopkameras ein und versorgte den Schacht mit Sauerstoff.

Hubsteiger und Harvester rangierten trotzdem weiter im Umkreis der Hütte. In einem Bereich, „den wir als Gefahrenbereich deklariert haben“, so der Sprecher, „wird kein schweres Gerät eingesetzt.“ Allerdings hatten die Rettungskräftediesen Bereich nur geschätzt: „Wir wissen nichts über den Verlauf dieses etwaigen Tunnels, die Länge ist rein spekulativ derzeit“, hieß es noch am Samstag.

Die Maßnahmen gestalteten sich am Samstag so schwierig, dass die Polizei zunächst von weiteren Baumhausräumungen absah – und auch in der Baumhaussiedlung „Oaktown“, die zu den größten Baumhaussiedlungen im Hambacher Forst zählt, kaum Fortschritte erzielen konnte.

Polizisten und Feuerwehrmänner stehen im Hambacher Forst und versuchen Aktivisten aus einem komplizierten Tunnelsystem zu holen.

Räumung verzögert: Polizisten und Feuerwehrmänner versuchen, Aktivisten aus einem komplizierten Tunnelsystem zu holen Foto: dpa

Aushöhlungen in vier und zehn Metern Tiefe

Erst am Sonntagmorgen, noch in der Nacht, konnten Einsatzkräfte der Grubenwehr offenbar Sichtkontakt zu den Besetzern aufnehmen, die sich Tim und Elmo nennen. Die Feuerwehr Kerpen teilte am Sonntagmorgen mit, die beiden Braunkohlegegner seien überzeugt worden, freiwillig herauszukommen, weil die Situation lebensbedrohlich und eine Rettung schwer möglich sei. Nach Angaben der Polizei hatten sie sich in zwei Aushöhlungen aufgehalten, die in vier und zehn Meter Tiefe in den Schacht eingebaut waren.

Seit Donnerstag sind Mitarbeiter von RWE und Polizei sowie Waldarbeiter, Kletterexperten und Rettungsteams im Hambacher Forst teils mit Hebebühnen und schwerem Gerät im Einsatz, um die dutzenden Baumhäuser zu räumen, die Klimaaktivisten dort als Orte des Widerstands teils in zehn bis 25 Metern Höhe eingerichtet haben. Der Wald soll geräumt werden, damit der Energiekonzern RWE die Bäume roden kann, um die benachbarte Kohlegrube auszuweiten. Dagegen demonstrierten am Wochenende wieder hunderte Menschen rund um den Hambacher Forst.

Mehrere hundert Menschen folgten am Samstag einem Aufruf der „Aktion Unterholz“. In unterschiedlichen Gruppen versuchten die Klimaaktivisten sich Zugang zum Wald zu verschaffen – und wanderten teils Kilometer lang durch die umliegenden Orte und Felder. Meist wurden sie dabei von der Polizei gestoppt, die den Wald mit hunderten Beamten strengstens abgeriegelt und ein weiträumiges Gebiet rund um den Hambacher Forst zur Gefahrenzone erklärt hat.

Ein Waldspaziergang

Einigen dutzend Menschen gelang jedoch der Zugang zum Wald. Einige von ihnen errichteten auf Waldwegen Holzbarrikaden aus Baumstämmen und morschen Ästen und gruben mit Hacken und Spaten Erdlöcher auf Wegen aus, die den Polizeiautos die Durchfahrt durch den Wald erschweren sollten. Die Polizei war unter anderem mit Räumpanzern und Polizeihunden im Wald präsent. In Baumhäusern hielten sich weitere Aktivisten verschanzt.

Für Sonntag erwarten die Umweltaktivisten weitere Proteste. Dann soll am Mittag ein sogenannter Waldspaziergang in den Wald hinein führen, zu dem sich nach Angaben des Veranstalters bereits tausende Menschen angemeldet hätten. Bei einer weiteren Aktion namens „Aufbäumen“ wollen Umweltaktivisten am Sonntag junge Bäume in den Wald hinein bringen und diese dort pflanzen.

Die Aktivisten fordern von der Landes- und Bundesregierung, die Klimaziele von Paris ernstzunehmen und einzuhalten. Sie fordern das Ende der Kohleverbrennung sowie den Erhalt des Waldes als Zeichen für einen raschen Ausstieg aus der Kohle. Die Bundesregierung hat eine „Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ eingerichtet, in der ein mögliches Ausstiegsszenario aus der Kohleenergie entwickelt werden soll.

Von den geplanten Protesten am heutigen Tag berichtet taz-NRW-Korrespondentin Anett Selle im Livestream. Dieser ist hier oder über ihr Twitterprofil zu sehen.

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