der rote faden

Einlullen als Kerngeschäft – denkste, wa?

Foto: Miriam Klingl

Durch die Woche mit Nina Apin

Welche Art von Schauspiel das war, am Dienstag in Fulda, darüber dürften die Meinungen auseinandergehen. Ein Drama an seinem Wendepunkt, kurz vor der Katharsis? Ein Rührstück? Oder ein ziemlich mies gespieltes Schmierentheater? Dass die offizielle Vorstellung des Missbrauchsberichts durch Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz im Kern vor allem eine Performance war, dürfte am Ende allen klar geworden sein, selbst wohlmeinenden Beobachtern, zu denen ich zugegebenermaßen sowieso nicht gehöre. Dafür hatte ich in den letzten Jahren zu viel Kontakt zu Menschen, deren Leben von der Kirche zerstört wurde und die noch immer um Gerechtigkeit kämpfen. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich nie.

Bischofskonferenz

Es kam natürlich anders. Freilich, an warmen Worten des Bedauerns und der Scham, am Ausdruck der Abscheu und des Grausens vor der tausendfach begangenen Gewalt gegen der Kirche anvertraute Kinder und Jugendliche war kein Mangel. So viele Worte können aber ganz schön misstrauisch machen. Oder, wie der Wortkünstler Shakespeare einst so schmallippig anmerkte: „Wo Worte selten sind, haben sie Gewicht.“ Was will man von einer Organisation, deren Kerngeschäft im wortreichen Einlullen von Menschen besteht, denn schon groß erwarten?

Shakespeare

Trotzdem konnte man dieses Schauspiel kaum verfolgen, ohne mit den Zähnen zu knirschen. Denn, wenn dieser billige Gag an der Stelle erlaubt sei: Gottverdammt noch mal! Folgt jetzt mal irgendwas aus der Entdeckung, dass Tausende Kirchenleute das Leben junger Leute zerstört haben? Das Kirchenverantwortliche weiter oben in der Hierar­chie davon gewusst und nichts unternommen haben, um bloß den „guten Ruf“ nicht zu gefährden? Dass Täter sogar befördert wurden, Opfer aber eingeschüchtert und bedroht? Gibt es jetzt Rücktritte? Externe Untersuchungen? Untersuchungsausschüsse? Ach nö. Erst mal werden jetzt – Trommelwirbel! – die Opfer mündlich gebeten, bei der Aufklärungsarbeit zu helfen. Bei welcher Aufklärung noch mal? Ach, richtig, die Bistümer werden jetzt vom Missbrauchsbeauftragten Ackermann hochoffiziell aufgefordert, ihre Akten zu durchkämmen und Fälle zu melden. Und wenn sich jemand nicht beteiligt, beispielsweise das notorische Bistum Regensburg, das sich bisher einfach tot gestellt hat? Dann, so Ackermann, werde das schon unangenehm auffallen. Bedeutungsschweres Nicken von Kardinal Marx. Ui, ui, ui, werden die jetzt alle Angst haben – und sich fürderhin nur noch mit gebotener körperlicher Distanz und zwischenmenschlichem Einfühlungsvermögen ihren Zöglingen nähern. „Denkste, wa?“, würde mein Sohn da rufen. Zum Glück sind ihm die Täterorganisation katholische Kirche und deren bizarre Eigenlogik so fern wie, sagen wir mal, der Uranus.

Radikalität

Komischerweise gar nicht so fern, sondern merkwürdig heimelig fühlte sich dagegen ein taz-internes Schauspiel an, das am Mittwoch in unserem alten Haus an der Rudi-Dutschke-Straße aufgeführt wurde: Zum 40. Geburtstag unserer kleinen Zeitung rückte eine Riege aus GründerInnen an und zeigte uns, wie man so eine klassische linke Zeitung macht: solide Sozialreportage, wettern gegen die Dieselregierung, ein scharfer Empfang für den staatsbesuchenden türkischen Präsidenten und natürlich was gegen die von „patriarchalen Denkmustern“ geprägte Kirche. Schön und vertraut, ja. Aber radikal? Früher war da schon mehr Konfetti, wie man in der zum Geburtstag nachgedruckten Nullnummer gleich nachlesen konnte. Zwei Seiten Reportage aus Nicaragua von Gabriel García Márquez persönlich! Und heute? Unterhalten sich Cohn-Bendit und ­Martin Schulz über Europa. Nun ja. Wer wäre denn so ein ­Márquez für die Zeiten von heute? Nancy Fraser? ­Didier ­Eribon? Sibylle Berg?

Gullydeckel

„Die ganze Lage ist halt nicht mehr so eindeutig wie damals“, murmelte der Nachrichtenchef bekümmert. Ja, mehr Radikalität! Sagt sich so leicht, wenn alles immer komplizierter wird. SPD? Arbeiterklasse? Gibt’s ja so auch nicht mehr. Und darf man noch sagen, dass bei Springer nur Schmierfinken schreiben, jetzt, wo unser hoch geschätzter Ex-Kollege Deniz Yücel für die arbeitet?

Am Donnerstag, als schon alle Gullydeckel für den Erdoğan-Empfang zugeklebt sind, ist die Lage kurz mal ganz eindeutig: Als feststeht, dass die EM 2024 nicht in der Türkei ausgetragen wird, herrscht im Hort der Grundschule Partystimmung. „Ist der jetzt sauer und reist wieder ab?“, will ein Kind wissen. Ein Mädchen sagt: „Klar ist der sauer. Aber er muss jetzt rumschleimen und ganz fair tun, weil sein Geld nix mehr wert ist und er unseres braucht.“ Wow, glasklare Analyse, radikale Haltung. Ich sollte das Mädchen dringend im Blick behalten. Vielleicht schreibt sie uns dereinst zum 50. taz-Geburtstag genau diese eine knackige Analyse zum Zeitgeschehen, die es dann brauchen wird. Bis dahin müssen wir noch durchhalten.

Nächste Woche Robert Misik