Kommentar Krise der Kanzlerin

Merkels wunderbare Fehler

Auf den letzten Metern ihrer Kanzlerinschaft wird Angela Merkel trotz ihrer vielen Krisen sympathisch. Und könnte noch einiges bewegen.

Angela Merkel hat die Augen zu, als würde sie schlafen

Auf einmal wirkt die kühle Kanzlerin menschlich Foto: dpa

Angela Merkels Macht besteht dieser Tage darin, nicht sofort entmachtet zu werden. Sie hat aber nicht mehr die Macht, ihre Gegner – es sind auffällig viele Männer – auf Distanz zu halten. Keiner muss fürchten, dass eine Regierungschefin, die ihre Zukunft schon hinter sich hat, ihm die Karriere verbaut.

Tatsächlich wäre es besser, die Kanzlerin ginge bald. Weil mit ihr die Regierung von Krise zu Krise wackelt. Weil neue Köpfe neue Motivation bringen können. Und weil die Situation, dass Merkel lauter linke Fans und lauter konservative Feinde hat, der politischen Kultur schadet: Wenn Linke und Umweltbewusste eine CDU-Vorsitzende verteidigen, die die Mieten nicht bremst, die den Hartz-IV-Satz einfriert und die Autoindustrie davonkommen lässt, dann entkoppelt das in bizarrer Weise Sachfragen von der Machtfrage.

Mit der Krise der Kanzlerin – das registrieren ihre Kritiker jetzt erfreut – geht einher, dass sie Fehler begeht. Die einst übermächtige Strategin hat sich schon wieder verkalkuliert, lästern dann die Leute in Politik und Medien. Merkel, die berühmte Risikominimiererin, ist wieder reingefallen, hoho! Merkel, die Meisterin der Macht, hat ihr Gespür für die Menschen verloren, hehe!

Vielleicht ist das falsch. Vielleicht riskiert die Frau, die so lange und so gern taktierte, gegen Ende mehr als früher. Vielleicht erkennen wir jetzt, wer Angela Merkel ist.

Merkel gegen rechts

Nehmen wir mal die Fehler: Konservative kreiden ihr an, dass sie sich zu den Hetzjagden in Chemnitz sehr früh und sehr deutlich geäußert hat, ohne detailliert zu wissen, was ­passiert war. Sie wandte sich gegen rechts. Genau wie sie den Abgeordneten Martin Hohmann 2003 aus der Unionsfraktion warf, nachdem der von den Juden als Tätervolk gesprochen hatte. Genau wie sie 2007 Günther Oettinger zum Kotau zwang, nachdem der Hans Filbinger vom Nationalsozialisten zum Widerstandskämpfer umgedeutet hatte.

Vielleicht riskiert die Frau, die so lange und so gern taktierte, gegen Ende mehr als früher. Vielleicht erkennen wir jetzt, wer Merkel ist

Genau wie sie sich 2014 schon früh gegen die Kälte und den Hass von Pegida wandte. Heute hat Merkel viel weniger politischen Kredit als damals. Am Montag nach den ersten Naziattacken von Chemnitz, als die Faktenlage sich gerade erst zusammensetzte, da ging sie ein Risiko ein. Es war ihr wichtig, schnell einzugreifen.

Oder der Fehler, dass sie Volker Kauder ins Rennen um den Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gehen ließ, in der es schon lange grummelt und gärt. Sie hätte die Gelegenheit nutzen können, als der spätere Sieger Ralph Brinkhaus sehr früh zu ihr kam und fragte, ob sie nicht lieber ihn vorschlagen wolle. Taktisch wäre es klug gewesen, in diesem Moment Kauder auszumustern.

Aber mit ihm arbeitet sie ewig zusammen, er verkörpert die Allianz, die die baden-württembergische CDU einst mit Merkel einging. Kauder, der Konservative, hat sich immer wieder für sie verbogen. Die Kanzlerin hat ihren Weggefährten nicht aufs Altenteil geschickt. Sympathischer Zug.

Kaum Eiskönigin mehr

Die Frau, die der Stern einst als Eiskönigin auf dem Titel präsentierte, zeigt Schwäche, zeigt Nerven, sie redet mit einem Mal über Irrtümer und Niederlagen. Die Machtanalytikerin Merkel wird in ihren taktischen Fehlern kenntlich.

So war es im Grunde schon 2015, als sie die Grenze nicht dicht machte. Sie schuf der Republik und sich selbst Probleme für Jahre. Aber sie tat, was sie für richtig hielt, sie ließ die Flüchtlinge nicht mit Knüppeln und Wasserwerfern zurückweisen. „Dieser wunderbare Fehler“, so hat es der Liedermacher Wolf Biermann kürzlich geschrieben. Und so ist es.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Was haben wir von den sympathischen letzten Zügen der Angela Merkel? Diese Kanzlerin könnte auf ihren letzten Metern etwas wagen. So wie Barack Obama, der am Ende seiner Präsidentschaft Kuba die Hand reichte. Sie könnte mutige Entwürfe zu Europas Erneuerung vorlegen. Sie könnte sich mit den Energiebossen anlegen und etwas gegen die Erderhitzung tun. Wer Fehler in Kauf nimmt, kann mutig sein. Ist der Ruf erst ruiniert, regiert es sich ganz ungeniert.

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Jahrgang 1974, schreibt gerne über Parteien und Personen, Machtfragen und Merkel, Debatten und Demokratie. Hat seit 2005 über alle Bundestagswahlen und etliche Landtagswahlen berichtet. Kommentare, Interviews, Porträts.

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