Arme Redakteure

Der Sender Radio Hamburg bezahlt seine Angestellten nicht nach Tarif. Dagegen protestieren nun Redakteur*innen. Die neue Betriebsvereinbarung reicht ihnen nicht

Nicht die, die Radio machen, verdienen Foto: Drew Patrick Miller/unsplash

Der Countdown läuft. In großen, weißen Ziffern verrinnen die Sekunden auf der Internetseite wirsindradio.hamburg. Was passiert, wenn die Zeit am Mittwoch abläuft, wollen die Redakteur*innen, die öffentlich gegen ihren Arbeitgeber Radio Hamburg protestieren, nicht verraten. Sie fordern, dass Radio Hamburg mit Ver.di und dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV) einen Tarifvertrag abschließt. Sie wollen mehr verdienen. Die Geschäftsführung will jedoch nicht mit den Gewerkschaften sprechen.

„Wir wissen, dass die Firma extreme Gewinne macht“, sagt Markus Brilsky, der als Redakteur bei Radio Hamburg arbeitet und Mitglied der Tarifkommission ist. Laut Rechenschaftsbericht waren es 2016 rund 5,7 Millionen Euro Gewinn. Die Mitarbeiter*innen würden daran nicht beteiligt, sagt Brilsky. „Im Gegenteil: Wir werden nicht einmal nach Tarif bezahlt.“

Am Donnerstag haben sich der Betriebsrat, dem Brilsky ebenfalls angehört, und die Geschäftsführung auf eine Betriebsvereinbarung geeinigt. Die Mitarbeiter*innen bekommen nun 250 Euro monatlich mehr. Der 41-Jährige wird daher 4.000 Euro Brutto verdienen. „Nachdem wir die Tarifforderung erhoben haben, sind sie plötzlich mit Geld um die Ecke gekommen“, sagt Brilsky. Trotzdem läge er noch rund 700 Euro unter dem Gehalt, dass ihm mit einem Tarifvertrag zustände. Bei anderen Kolleg*innen seien das bis zu 1.000 Euro.

„Der Unmut unter den Kollegen ist massiv“, sagt auch Thomas Gleixner, der als langjähriger Abteilungsleiter zwar besser verdient, sich aber für die anderen Redakteur*innen einsetzt. „Wir lassen uns das nicht mehr gefallen.“ Zwar habe Radio Hamburg teilweise Prämien gezahlt, seit 2014 aber nicht mehr die Inflationsrate ausgeglichen. „Seitdem werden wir faktisch ärmer“, sagt Gleixner.

Der Geschäftsführer von Radio Hamburg, Marzel Becker, will darüber nicht mit den Gewerkschaften sprechen. „Es wird keinen Tarifvertrag geben“, sagt er. Das Tarifsystem sei in einer so dynamischen Branche nicht mehr zeitgemäß. „Wir sind ohne die Gewerkschaften in den letzten 15 Jahren gut klargekommen und wir werden es auch jetzt ohne sie schaffen.“ Er setze vielmehr auf individuelle Lösungen in dem Betrieb mit 34 Mitarbeiter*innen – so wie die nun geschlossene Betriebsvereinbarung. Die sehe neben der Gehaltserhöhung auch eine Reduzierung von 38 auf 37,5 Wochenstunden und mobile Arbeitsformen vor. „Das ist für alle Beteiligten eine gute Lösung.“

Betriebsrat Brilsky hat das Angebot in eine Zwickmühle gebracht. „Wir können uns als Betriebsrat nicht dagegen stellen, wenn die Mitarbeiter mehr Geld bekommen“, sagt er. Trotzdem klaffe da die große Lücke zu den Tarifverträgen – ohne dass das Unternehmen in wirtschaftlicher Not sei. Die Forderung der Tarifkommission sei deshalb nicht von der Vereinbarung beeinflusst.

Der Radiosender war 2003 aus der Tarifbindung ausgestiegen. „Die Geschäftsführung hat damals der Belegschaft versprochen, dass sie nicht schlechter dastehen würden“, sagt Stefan Endter vom DJV. Dass Radio Hamburg sich nun weigere, an den Verhandlungstisch zu kommen, sei den Mitarbeiter*innen gegenüber respektlos. „Die Angebote, die die Geschäftsführung macht, sind einmalig, sie können keinen Tarifvertrag ersetzen“, sagt Endter.

„Wir wissen, dass die Firma extreme Gewinne macht“

Markus Brilsky, Redakteur

Tarifflucht sei in der Medienbranche nicht uncharakteristisch, sagt Lars Stubbe von Ver.di. „Bei Radio Hamburg gibt es aber kein einziges wirtschaftliches Argument dafür, dass nicht regelmäßig Lohnerhöhungen in Form eines Tarifvertrages bezahlt werden können.“

Die Mitarbeiter*innen finden im Netz klare Worte: „Während sich die Gesellschafter Millionengewinne ausschütten, haben wir kaum etwas davon“, heißt es in einem Video. Der Sender hat nicht nur eine Gegendarstellung ins Netz gestellt, sondern auch versucht, die Webseite der Redakteur*innen sperren zu lassen. Das Amtsgericht wies das ab. Für Brilsky ein kleiner Erfolg: „Wir wollen verdienen, was unsere Arbeit wert ist.“

Auch die taz bezahlt ihre Mitarbeiter*innen nicht nach Tarif.