taz🐾thema

anthroposophie

die verlagsseiten der taz

Stromernte biodynamisch

Das Prinzip „Agrophotovoltaik“: Seit zwei Jahren steht auf Stelzen hoch über einem Acker der Demeter-Hofgemeinschaft Heggelbach eine Photovoltaikanlage

Die Testanlage in Heggelbach: Der Demeter-Landwirt erntet parallel auf zwei Etagen Foto: Olivia Schmid

Von Dierk Jensen

Sehr skeptisch sei er am Anfang gewesen, räumt Thomas Schmid ein. Die Rede ist von der sogenannten Agrophotovoltaik, bei der Solarmodule auf hohen Stelzen in einigen Metern Höhe so installiert sind, dass darunter eine landwirtschaftliche Nutzung (fast) uneingeschränkt möglich ist. Aber nach zwei Jahren Erfahrung auf einer Parzelle des Heggelbacher Demeter-Hofs nördlich des Bodensees zieht der anthroposophische Landwirt ein zufriedenes Zwischenfazit: „Die Ertragseinbußen unter den Photovoltaikmodulen werden trotz der Abschattung durch die Stromernte mehr als kompensiert.“ Deshalb betrachtet Schmid diese Energietechnik „als eine der Lösungen, wie man zukünftig Energie aus der Fläche gewinnen kann, ohne die landwirtschaftliche Nutzung stark zu beeinträchtigen.“

Denn anders als bei bisherigen Freiflächenanlagen, die (außer bei Konversionsflächen) frühere landwirtschaftliche Nutzung verdrängten, will die Agrophotovoltaik die Konkurrenz um die knappe Agrarfläche überwinden. Nahrungsmittelproduktion und grüne Energiegewinnung sind dabei zugleich möglich. Diese „solare Zweifachnutzung“ wird in Japan schon im größeren Stil praktiziert, und in Frankreich werden zurzeit die ersten Anlagen ausgeschrieben. In Deutschland hingegen passiert kaum etwas. Die Testanlage mit 192 kWp Leistung in Heggelbach, initiiert vom Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE), wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, Energiegewinnung und Landwirtschaft gefördert. Erstaunlich, zumal hierzulande schon über 10 Gigawatt Photovoltaikeistung auf Freiflächen installiert worden sind und die Bundesregierung nicht mehr genau zu wissen scheint, wie die Energiewende bewerkstelligt werden soll.

Indessen befürwortet der Bundesverband der Solarwirtschaft (BSW) die Pionierarbeit in Heggelbach ausdrücklich. „Die Produktion von Nahrungsmitteln und Solarstrom zu kombinieren ist ein vielversprechender Ansatz. Angesichts der auch schon bei uns spürbaren Folgen der Erderhitzung und des wachsenden Strombedarfs ist es sowohl ökologisch als auch ökonomisch höchste Zeit, die Potenziale der günstig gewordenen Photovoltaik voll auszuschöpfen, überkommene Barrieren und Beschränkungen zu beseitigen und den Ausbau rasch zu beschleunigen“, so BSW-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig.

„Unglaubliches Potenzial“

Barrieren? Ja, es gibt welche. Zum einen ist eine Agrophotovoltaikanlage nicht nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) förderfähig. Zum anderen gibt es baurechtliche Hürden, da landwirtschaftliche Fläche beim Bau einer Photovoltaik-Anlage zum Gewerbegebiet umgewidmet werden muss. Dann fällt die EU-Agrarbeihilfe weg. Diese Aspekte verhindern bis dato, so Betreiber Schmid, einen wirtschaftlichen Betrieb der neuen Technologie. Dabei beziffert er die Energieerzeugungskosten für eine Kilowattstunde auf nur noch knapp 12 Cent. Wenngleich Stephan Schindele, der das ISE-Projekt leitet, vor Ende der Projektlaufzeit nicht viel vorwegnehmen möchte, hält er vor allem einen generellen Sinneswandel gegenüber dieser neuen Technik für notwendig. Es gebe ein „unglaubliches Potenzial“, hebt der 36-Jährige hervor und hofft, dass Politik und Öffentlichkeit die Chancen erkennen, die die Kombination von nachhaltiger Landwirtschaft und gleichzeitiger Erzeugung von Solarstrom böte.

Und wie sieht es aus mit den Erträgen von Kartoffeln, Sellerie, Winterweizen und Kleegras, die unter der Photovoltaik angebaut wurden? Während beim Klee nur relativ wenige Einbußen registriert wurden, stellte das involvierte Forschungsteam um Petra Högy von der Universität Hohenheim fest, dass die Erntemengen bei den übrigen Früchten um rund 20 Prozent schrumpften. Allerdings meidet Högy voreilige Aussagen, weil keine Vergleichswerte vorlie­gen. So hofft die Agrarwissenschaftlerin sehr, dass es eine öffentliche Anschlussfinanzierung gibt, die eine Auswertung der Beschattungseffekte über einen längeren Zeitraum ermöglicht.

Tatsächlich sah der Bestand unter dem Solardach, „zumindest optisch“, so Landwirt Schmid, während des extrem trockenen Sommers sogar vitaler aus als der unter der freien Referenzfläche. Insofern könnte aus seiner Sicht die Agrophotovoltaik eine Variante sein, wie sich Landwirtschaft in Zeiten des Klimawandels anpassen kann. Zudem unterstreicht der 62-Jährige: „Wir brauchen viel Energie auf unserem 180 Hektar großen Demeter-Betrieb, und die wollen wir im Sinne des Kreislaufgedankens idealerweise selbst auf dem Hof erzeugen. Insofern ist die Agrophotovoltaik für uns ein weiterer Baustein zur Energiewende.“

Im Zuge einer Dekarbonisierung decken die Heggelbacher den kompletten Wärmebedarf mit einem Holzvergaser – teilweise mit Holz aus dem eigenen Wald. Darüber hinaus gibt es Photovoltaik auf den Ställen und eben den Solarstrom vom Acker. Zusammen mit einem Solarstromspeicher strebt man eine 70-prozentige Selbstversorgung mit eigenem Sonnenstrom an. Nun fehlt eigentlich nur noch der elektrische Traktor. „Das kommt“, zeigt sich Schmid optimistisch und hat die Marke „100 Prozent erneuerbar“ fest im Blick.