In Südhessen

… herrschen Weltgeist und Macht

Insignium der Macht: Neubau der EZB in Frankfurt am Main Foto: Paul Langrock

Von Katja Kullmann

Als Arbeitsmigrantin fahre ich oft mit dem Zug quer durch die Republik – vom schlecht gelaunten Nordosten zur milden mittelgebirgigen Mitte hin. Um im südhessischen Wohnzimmer meiner Eltern ein Rippchen mit Kraut zu essen, ein wunderbar unmodisches Stück Fleisch, viel zu blass, um es für ein Instagram-Schaufenster ansehnlich fotografieren zu können.

Wenn wir wieder mal dummschwätzend beeinandersitzen – Merke: Beim Dummschwätzen kann es durchaus clever zugehen! Es ist einfach ein südhessisches Idiom für eine engagierte Unterhaltung –, dann findet der ganze Clan es ziemlich witzig, dass ich in Berlin anschaffen gehe. Im zittrigen Zentrum der Thesendreschereien und Trend-Ausrufungen, in der immer noch armen Kapitale des Who-is-who-Gebabbels. Das ­dicke Geld sitzt bekanntlich woanders – da, wo ich herkomme und wohin ich nun per Spartarif pendele: in Mainhattan.

Knapp fünf Stunden dauert die Fahrt, sie kreuzt das frühere Zonenrandgebiet, und wenn ich zwischen Kassel und Fulda durch lange Tunnel gen Südwesten rausche, lege ich oft meine Stirn ans Waggonfenster und spüre, wie meine Körperspannung nachlässt. Sattgrüne Hügelchen, grellgelbe Raps-Tupfer. Oh, was ist das? Vier Rehe, die Can-can tanzen? Nein, es ist wohl ein rostiges Ackergerät, dort hinten, unter jenem urgesunden Apfelbäumchen. Hauptsache, keine vom Kreiskulturamt geförderte Kunst-Installation!

Je weiter ich so fahre, desto lockerer lassen meine Mundwinkel. Spätestens ab Offenbach hat mein Nasolabialbereich die angemessene Haltung gefunden. Hängende Mundwinkel sind die Basis fürs Hessischsprechen. Als NichthessIn probiere man es einmal: Sprechen Sie folgenden Leitsatz nach, mit möglichst schlapper Unterlippe: Da gehd’s de Mensche wie de Leud. Et voilà, you get the feeling. Das ist Menschenfreundlichkeit, gewürzt mit einer Dosis Stoizismus, dargeboten mit unaufdringlicher Lässigkeit. Das, meine Damen und Herren und andere, ist hessische Existenzphilosophie.

Was HessInnen gern lessisch einstreuen, wenn man ihnen mal wieder grobe Dabbischkeit, also Blödheit, unterstellt: Goethe kam aus Frankfurt. So wie das berühmte Würstchen. Georg Büchner aus Goddelau. Deniz Yücel aus Flörsheim. Fjodor Dostojewski schickte seinen Spieler im Casino von Bad Homburg vor der Höhe ins Verderben.

In Südhessen wurde Weltoffenheit schon praktiziert, lange bevor andere Worte dafür fanden

Nehmen wir die jüngere Vergangenheit: In Frankfurt pumperten schon technoide Detroit-Rhythmen durch die Clubs, während in Berlin noch der Bow­ie-Neubauten-Lederjacken-Kitsch den Ton angab. In den Bars der U.S.-G.I.s lief ohnehin die schärfste Musik. Man denke auch an die Flüchtlingsdramen der 1980er und 90er Jahre am Frankfurter Flughafen. Natürlich auch an die internationale Hochfinanz – jetzt auch mit EZB, halleluja! Und an die nicht minder globale Schattenwirtschaft zu Füßen der Spiegelglastürme. Die Quandt-Familie im Taunus, die Armut am Frankfurter Berg. Die Frankfurter Schule, Adorno un die annern. Häuserkampf, Antisemitismus-Debatten, Fassbinder, Walser. Und bis heute verlässlich auf Sendung: Anja Kohl mit „Börse vor Acht“.

Im Jahr 1989 entstand in Frankfurt das „Amt für multikulturelle Angelegenheiten“, die bundesweit erste kommunale Behörde, die sich um die Integration und Gleichberechtigung aller BewohnerInnen bemühte. Unlängst ergriff Eintracht-Frankfurt-Präsident Peter Fischer das Wort gegen Rassismus. Ja, in Hessen, diesem Durchgangsraum in der Mitte Europas, fand die Globalisierung schon statt, wurde Weltoffenheit schon praktiziert, lange bevor andere überhaupt Worte dafür fanden. Und dabei sind die SüdhessInnen keineswegs mehrheitlich GroßkapitalistInnen, im Gegenteil: Man lästerte schon über Management-Denglisch – Ei em werri bissi, gell? –, lange bevor man anderswo den bitteren Witz darin erkannte.

Die Frau, der Mann von Welt: Sie sind HessInnen. Das sollte man stets im Hinterkopf haben, wenn man auf die nun anstehende Hessen-Wahl blickt. In Hessen wohnen Weltgeist und Macht, und ich würde sagen: Berlin zittert zu Recht.