der rote faden

Der Franz, der Merz und die verzweifelte Suche nach Bernie S.

Foto: Helena Wimmer

Durch die Woche mit Robert Misik

Irgendeine tschechische Zeitung schrieb dieser Tage, an Angela Merkel werden wir uns bald mit einer ähnlichen nostalgischen Verklärung erinnern, wie wir es heute bei Kaiser Franz Joseph tun, und dieser Satz ist auf so vielen Ebenen irgendwie Dings.

Schon beginnend damit, dass die Tschechen doch unbedingt aus dem Völkerkerker der Mo­narchie ausbrechen wollten und das ja vor ziemlich exakt 100 Jahren auch schafften; die Tschechen mögen ja vieles sein, aber so richtig verzweifelt darüber, dass sie ihren eigenen Nationalstaat haben, sind sie ja doch auch nicht. Also Franz-Joseph-Nostalgie?

Außerdem haben Merkel und Franz Joseph doch eher wenig gemein. Franz Joseph war ein Konservativer in einem vielleicht sogar guten Sinn des Wortes, kein Reaktionär, nicht einmal ein besonders ausgeprägter Antimodernist, sondern einer, der sich sorgte, dass man die Untertanen mit zu viel Veränderung besser nicht überfordern sollte. Änderte sich doch ohnehin alles viel zu schnell zu seiner Zeit, man denke nur an Eisenbahnen, elektrischen Strom, die Gründerzeitbauten, Gustav Mahler, die Fotografie, die Erfindung der Nervosität und so seltsame Lehren wie die Psychoanalyse.

Kaiser

Aber vielleicht steckt ja eine Wahrheit in dem Vergleich, denn Merkel ist eine seltsame Figur. Radikale Modernisiererin, wenn man das aus der Binnensicht des Konservativismus betrachtet. Die bräsige Kohl-CDU hat sie erheblich entstaubt. Sie hat dem Konservativismus ordentlich etwas zugemutet, wofür dieser sie aus vollem Herzen hasste.

Als Konservativenchefin war sie radikal, als Kanzlerin das Gegenteil. Es ist keine besonders bemerkenswerte Idee von ihr in Erinnerung. Man wusste aber auch und gerade darum, dass sie für keine zusätzlichen Krisen sorgen würde, und ebendas machte sie in einer unruhiger werdenden Welt gewissermaßen zur Verkörperung der Stabilität.

Jetzt ist also das Land im Friedrich-Merz-Hype, ist zu lesen. Wo die das herhaben, die das behaupten, fragt man sich staunend. Ein verbitterter Sixtysomething, der nicht verwinden kann, vor fast zwanzig Jahren gegen eine Pfarrerstochter aus dem Osten untergegangen zu sein, der soll die Ansage für die Zukunft sein? Unterstützt von anderen Verbitterten? Das glaubt ihr wirklich, ihr Unionsleute und Medienkommentatoren?

Psychoanalyse

Es gibt ja sogar ein paar Fantasten, die glauben, mit „Merkel weg, Merz da“ wäre die AfD um ihr Thema gebracht und der populistische Spuk würde sich verziehen. Sehr putzig. Wer das glaubt, hat von der populistischen Propagandamaschine nichts verstanden. In Handumdrehen würde sie natürlich auch Merz zum Repräsentanten eines abgehobenen Establishments erklären, der mit Privatjets rumfliegt und auf der Nato-Payroll steht und eine Marionette der Bilderberger ist.

Überall hoffen sie auf einen Heiland, die Unionsleute glauben jetzt für ein paar selbstsuggestive Wochen, das wäre Merz. Ausgenommen Jens Spahn natürlich, der glaubt, er wäre der deutsche Sebastian Kurz. Irgendwann wird ihm jemand sagen müssen, dass er nur Jens Spahn ist.

In der SPD hätten sie auch gern einen Heiland, sie hatten ja vergangenes Jahr für ein paar Wochen geglaubt, der Messias wäre zurückgekehrt und er hieße Martin Schulz, aber das war ja dann auch nur ein Irrtum. Selbst Peer Steinbrück meint jetzt schon, die Partei brauche einen Bernie Sanders, und wenn schon Peer Steinbrück das meint, dann steht die Welt nicht mehr lange. Auch Sigmar Gabriel gibt irgendwelche Ratschläge, was er tun würde, wenn er SPD-Chef wäre (war er’s nicht mal?).

Sixtysomething

Ansonsten gründete er mit seinem ehemaligen österreichischen Kollegen Werner Faymann gerade eine Firma, wie alle Ex-Sozialdemokraten, und vielleicht hat die Glaubwürdigkeitskrise der Sozialdemokratien ja auch damit zu tun, dass sie, kaum aus dem Amt geschieden, gleich mal ihre Netzwerke versilbern müssen. Aber ist nur so ein Gedanke.

Bedauerlicherweise findet sich kein Kandidat für die Bernie-Sanders-Rolle in der SPD, also sagen wir, eine Person, die seit 40 Jahren das Gleiche sagt und deswegen glaubwürdig ist und irgendwie dem Apparat fern und bescheiden geblieben ist und die auch reden kann. Dass es mit Andrea Nahles eigentlich nicht mehr geht, da sind sich alle einig, die man fragt.

Versilbern

Leider ist kein Ersatz in Sicht. Kein verborgenes Talent, das sich die letzten Jahrzehnte im Wald versteckt gehalten hätte. Ich hab echt viele Sozen in den letzten Wochen befragt, und niemanden fiel einer oder eine ein. Gut, einer sagte, nachdem ich lang genug gebohrt hatte: „Heiko Maas.“ Okaaaaay. Eine Yanis-Varoufakis-Gedächtnislederjacke hat er ja schon.

Ich glaube, Erhard Eppler wird den Job machen müssen, geht leider nicht anders. Oder ­Gesine Schwan.

Nächste Woche Saskia Hödl