„Ich weiß nicht, ob ich solidarisch sein muss“

Nach dem Rauswurf von Adolphe Binder ist Bettina Wagner-Bergelt die neue Intendantin des Tanztheaters Wuppertal. Ein Gespräch über die neue Herausforderung und Angriffe von rechts

Die große Pina Bausch (1940–2009), Kultfigur der Tanzszene, nach ihr wurde das Tanztheater Wuppertal benannt Foto: Wolfgang Kunz/FOTOFINDER

Interview Astrid Kaminski

Seit Monaten steht das Tanz­theater Wuppertal Pina Bausch im Rampenlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit. Im Sommer 2017 trat mit Adolphe Binder zum ersten Mal nach Pina Bauschs Tod eine von außen bestellte Intendantin die künstlerische Leitung des Ensembles an. Im Sommer 2018 beschloss der Beirat ihre sofortige Kündigung. Als Grund dafür wird öffentlich vor allem ein lückenhafter Spielplan für die Saison 2018/19 genannt. Von anderen Vorwürfen, die aus einem internen Dossier stammen, das im Frühsommer in Teilen der Presse zugespielt wurde, ist inzwischen keine Rede mehr. Die Wuppertaler Rundschau hat unterdessen den Durchstecher an die Presse benannt. Die entlassene Intendantin Adolphe Binder, die zuvor das GöteborgsOperans Danskompani in die Weltspitze zeitgenössischer Ballette positioniert hatte, klagt gegen ihre Kündigung. Der Prozess läuft. Gleichzeitig wurde mit Bettina Wagner-Bergelt gerade eine neue Intendantin bestellt. Wie positioniert man sich in dieser Situation zum Geschehen und den Verstrickungen rund um das berühmteste deutsche Tanz-Ensemble?

taz: Es gibt aktuell wohl keine schwierigere Tanz-In­ten­dant*in­­nen­stelle in Deutschland als die am Tanztheater Wuppertal. Aber Sie haben, als Sie gefragt wurden, sofort ­zugesagt – obwohl Sie im Moment noch mit dem Programm für Bauhaus 100 beschäftigt sind. Ist das der Job Ihres Lebens?

Bettina Wagner-Bergelt: Ja, das ist der Job meines Lebens! Ich habe nicht darauf gewartet. Wie Sie richtig sagen, bin ich aktuell noch beschäftigt, aber als man mich vor etwa fünf Wochen zum ersten Mal fragte, ob ich mir das vorstellen könnte, war es ganz klar. Das ist der Platz in Deutschland, der mich am allermeisten interessiert, der das zusammenfasst, womit ich mich lange beschäftigt habe, was ich gut kenne … Ich denke aber nicht, dass es der schwierigste Intendantenjob überhaupt ist.

Nein?

Aktuell wird ein großer Hype draus gemacht, gerade von der Presse. Aber das Ensemble hat seine Stücke seit Pina Bauschs Tod auf höchstem Niveau gezeigt, es tritt weiterhin mit großem Erfolg in der ganzen Welt auf. Insofern ist das Ensemble sehr stabil, sehr widerstandsfähig – auch wenn aktuell die Situation meiner Vorgängerin so heiß diskutiert wird.

Sie fangen am 1. Januar in Wuppertal an. Aber Sie waren nun schon öfters dort. Wie ist die Stimmung aktuell?

Was meine Aufnahme angeht, habe ich sie als sehr positiv erfahren. Ich habe das Gefühl, alle sind in Aufbruchstimmung und es gibt keine Angst davor, was jetzt werden wird. Wie gesagt, ich halte das Ensemble für sehr stabil.

Hat das Ensemble sich Ihnen gegenüber im Gespräch zur ­gekündigten Intendantin Adolphe Binder verhalten?

Nein. Und auch ich habe das nicht gemacht, denn ich kenne Adolphe Binder überhaupt nicht. Beziehungsweise, ich kenne sie nur als Intendantin des Balletts in Göteborg, wo ich manchmal hingefahren bin, um mir Stücke anzuschauen. Aber persönlich kenne ich sie nicht und ich denke, dass es von außen sehr schwierig ist, zu beurteilen, was sich in Wuppertal in Bezug auf sie abgespielt hat. Ich mische mich nicht ein. Mir ist das Ensemble und die Frage, wie wir es zukunftsfähig erhalten, wichtiger, also das, was vor uns liegt. Darauf freue ich mich und ich denke, die anderen auch.

Dadurch, dass Sie den Job angenommen haben, positionieren Sie sich natürlich. Ansonsten hätten Sie bis zu einer Klärung des Falls den Job allein aus Solidarität nicht angenommen?

Ich weiß nicht, ob ich solidarisch sein muss mit jemandem, von dem ich gar nicht weiß, in welcher Situation er sich bewegt hat. Kündigungen gibt es natürlich häufiger.

Das Leitungsmodell im Tanztheater Wuppertal hat mit für die ungute Situation gesorgt. Die künstlerische Intendantin unterstand dem Geschäftsführer sowie später sogar einem von der Stadt zusätzlich eingesetzten Prokuristen. Immerhin wurden Sie nun in gleichberechtigter Position mit dem neuen Geschäftsführer Roger Christmann eingestellt. Die Stadt hat also gelernt?

Das war zumindest von vornherein klar, als es um meinen Vertrag ging. Etwas anderes hätte ich nie akzeptiert. Ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung, wie wichtig die künstlerische Unabhängigkeit für eine gute Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung ist.

Wie sehen Sie die Rolle des für 58 Millionen, unter anderem mit Bundesmitteln, neu geplanten Pina Bausch Zentrums? Es soll bis 2024 fertig sein. Dann soll auch das Ensemble dort einziehen. So ein Zentrum für den Tanz ist in Deutschland einzigartig.

Absolut. Und das gilt es zu gestalten. Das Pina Bausch Zentrum heißt nicht Tanzzentrum, sondern explizit nach Pina Bausch. Das heißt, dass die Bausch-Foundation und das Ensemble dort eine wesentliche Rolle spielen werden. Mein Kollege Roger Christmann und ich sind da sehr konkret verpflichtet, uns inhaltlich mit der Planung zu beschäftigen. Das heißt: Wie soll das Ensemble aufgestellt sein? Wie wollen wir uns in der Stadt positionieren? Sie haben es gesagt: So ein Zentrum ist das erste und einzige in Deutschland. In der Regel ist es in Deutschland ja eher so, dass Tanzkompanien an Mehrspartenhäusern geschlossen werden, während das Theater weitergeführt wird. So ein zentraler Fokus, mit dem das Zentrum in Wuppertal platziert wird, ist eine riesige Chance für den Tanz, ein großes kulturpolitisches Signal, auch für andere Städte.

In Bezug auf das Zentrum gibt es eine Personalie, die zumindest die Presse sehr stutzig gemacht hat. Der auf Krisen-PR spezialisierte Kommunika­tionsstratege des Zentrums, Ulrich Bieger, hatte laut Wuppertaler Rundschau die Akten der Geschäftsführung des Tanztheaters gegen Adolphe Binder an die Presse durchgestochen. Haben Sie eine Meinung dazu, warum das Zentrum ein Interesse daran haben könnte, Binder wegzukriegen?

Nein. Damit ist so viel Spekulation verbunden. Mich da einzumischen ist mir aus tiefster Seele zuwider. Ich kenne diese Menschen ja auch alle nicht und hoffe einfach, dass es irgendwann geklärt ist. Persönlich will ich mich nicht wappnen gegen irgendjemanden, weder intern noch extern.

Sie sind im guten Kontakt mit Pina Bauschs Sohn Salomon. Er hat die Rechte an den Stücken und steht der von Ihnen erwähnten Bausch-Foundation vor. Welche Rolle spielt er in den Entscheidungsprozessen?

Die Stiftung ist ein unglaublicher Fundus an Materialien, an Erfahrungen, an Bild- und Videodokumenten, kurz: für alles, was gebraucht wird, was im Tanztheater passiert. Insofern muss diese Zusammenarbeit eng sein.

Bettina Wagner-Bergelt

Foto: Britta Pedersen/dpa

begann ihre Theaterlaufbahn 1981 am Theater am Turm in Frankfurt am Main, der ersten festen Bühne für freie Produk­tio­nen. Ab 1998 arbeitete sie am Bayerischen Staatsballett, zuletzt 16 Jahre lang als Co-Direktorin an der Seite von Ivan Liška, und kümmerte sich dort vor allem um zeitgenössisches Repertoire und das Education-Programm. Nach der Übergabe der Direktion an Igor Zelensky entschied sie sich 2017 wieder für die selbstständige Arbeit und übernahm das Festivalprogramm des Jubiläumsjahres Bauhaus 100 (Januar 2019). Im November wurde sie als künstlerische Direktorin ans Tanztheater Wuppertal berufen.

Gibt es ein künstlerisches Mitspracherecht der Stiftung?

Was heißt hier Mitspracherecht? Es geht um einen wichtigen Partner. Ich wäre dumm, wenn ich den außen vor ließe.

Die Zusammenarbeit ist als rein institutionelle gedacht?

Nein, auf keinen Fall. In der Kunst geht es immer um Menschen. Wenn man nicht mit Menschen arbeiten will, sie einbeziehen, dann macht man keine Kunst, dann kann man auch Brötchen verkaufen.

Es geht in der Kunst aber oft auch um Politik. In letzter Zeit hat die sich gerne ein­gemischt und Stimmung gegen Intendant*innen gemacht, nicht nur in Wuppertal, sondern auch in Berlin oder im Kontext der Ruhrtriennale. Wie steht es um die Freiheit der Kunst?

Ich denke, wir sind in einer schwierigen Situation, insbesondere im Hinblick auf die massiven Angriffe von rechts auf alles Internationale, Offene, Experimentelle. Dagegen müssen sich die Kulturinstitutionen zunehmend behaupten, diese Aufgabe müssen sie zunehmend wahrnehmen, sich zusammenschließen und einen Diskurs führen. Dass es im Herausbilden von Haltungen auch zu Missverständnissen kommt, ist unabwendbar. Schließlich mussten wir uns jahrzehntelang mit solchen Fragen überhaupt nicht beschäftigen, wir haben darin keine Erfahrung. Nun ist das anders.

Bei den Beispielen, die ich aufgezählt habe, ging es um Politik, die zwischen den Linken und CDU angesiedelt ist.

Das waren natürlich sehr unterschiedliche Fälle. Aber wir dürfen nicht naiv sein. Letztendlich entscheiden die Politiker; wenn wir Glück haben, sind es Fachgremien. Und ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass Berufungen nicht nur Chefsache sein sollten. Dennoch müssen wir uns immer im Klaren darüber sein, dass es, sobald Kunst institutionalisiert wird, nicht mehr nur um die Kunst geht, sondern viele außerkünstlerische Interessen eine Rolle spielen.