Anstoßen mit O-Saft?

Kann ich einen ganzen Monat auf Alkohol verzichten? Oder bin ich zu sehr daran gewöhnt? Programme wie der „Dry January“ können dabei helfen, das Trinkverhalten zu überprüfen

Rauchen und Trinken, beides zusammen erhöht das Gesundheitsrisiko beträchtlich Foto: Phillip Gätz/plainpicture

Von Stefanie Uhrig

Der gute Wein zum Abendessen, eine Whiskeyprobe hier, ein Sektempfang da – Alkohol gehört in unserer Kultur praktisch dazu. Eher wird man schief angesehen, wenn man darauf verzichtet.

Diesem Trend arbeitet vor allem eine Organisation in Großbritannien entgegen: „Alcohol Change UK“ veranstaltet unter anderem seit einigen Jahren den „Dry January“ (Trockener Januar). Dabei soll man den kompletten Monat auf Alkohol verzichten und bekommt verschiedene Arten der Unterstützung, wenn man sich anmeldet. Von einer App, mit der man seine erfolgreichen Tage und dadurch gespartes Geld und Kalorien nachverfolgen kann, über einen Blog mit Tipps bis zu einem Podcast für Inspirationen ist alles dabei.

In den Medien gibt es verschiedene Berichte darüber, wie sinnvoll der Trockene Januar wirklich ist. Es scheint einige positive Effekte zu geben. Zumindest kurzfristig führt er beispielsweise dazu, dass man besser schläft und sich allgemein wohler fühlt. Manche nehmen ab, und „Alcohol Change UK“ unterstreicht, dass man nebenbei auch Geld spart. Zwar trinken die meisten Menschen ab Februar wieder, viele davon aber mit größerem Bedacht als vorher – so zumindest die eigene Einschätzung.

Eine Gefahr sieht Ian Hamilton vom Department of Health Sciences der York University darin, dass man den Trockenen Januar als Ausrede nimmt, um das restliche Jahr sorglos zu trinken. Allerdings glauben andere Experten, dass die Teilnehmer den alkoholfreien Monat dazu nutzen, um ihr Trinkverhalten kritisch zu betrachten. So können sie auch über den Januar hinweg einen besseren Umgang mit dem Alkohol mitnehmen. Hamilton führt außerdem an, dass ein kompletter Entzug für diejenigen gefährlich sein kann, die bereits abhängig sind. Sie bräuchten unbedingt ärztliche Begleitung bei einem solchen Versuch. Aber mal ehrlich: Werden ausgerechnet diese Menschen den Trockenen Januar mitmachen? Möglich ist jedenfalls, dass man es gerade durch den Versuch merkt, wenn man tatsächlich Hilfe benötigt.

Die Statistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt in jedem Fall, dass die Menschen in Deutschland dringend an ihrem Alkoholkonsum arbeiten müssen. Jährlich misst die WHO, wie viel reiner Alkohol getrunken wird. Im Jahr 2016 waren es 11,4 Liter für Erwachsene in Deutschland über 15 Jahre – im internationalen Durchschnitt bereits eine beachtliche Zahl.

Der aktuelle WHO-Report zeichnet ein noch düstereres Bild. Danach kommen auf jeden Deutschen im Jahr 2017 stolze 13,4 Liter reiner Alkohol. Damit liegen wir weltweit auf Platz 4, hinter der Republik Moldau, Litauen und der Tschechischen Republik. Und kein Kontinent kommt auch nur annähernd an Europa heran.

Warum wird Alkohol dann immer noch so zelebriert? Ein Problem scheint eine verzerrte Wahrnehmung der Gefahren zu sein, vermutet Wolfgang Sommer, Psychiater und Suchtforscher am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. „Ich bin immer wieder überrascht, wie wenige Menschen wissen, wie schädlich Alkohol wirkt: auf den Organismus insgesamt, auf das Verhalten, auf das Leben.“ Man nehme den eher aktiven Lebensstil wahr, das freudvolle Genießen, und überhaupt wolle man seine Entscheidungsfreiheit behalten. Die negativen Seiten würden meist als Randerscheinung hingestellt. Dabei ist nachgewiesen, dass übermäßiger Alkoholkonsum mit über 200 Krankheiten zusammenhängt, beispielsweise Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Schlaganfall und Infektionskrankheiten. Kombiniert man das Trinken mit anderen schädlichen Angewohnheiten wie dem Rauchen, sind die Auswirkungen noch verheerender.

Verstärkt wird die Unwissenheit wohl dadurch, dass man oft unterschätzt, wie viel man eigentlich trinkt. Dabei könnte der Trockene Januar helfen, indem er die Aufmerksamkeit auf das Trinkverhalten lenkt. Wenn man dann nach dem alkoholfreien Monat bewusster damit umgehen möchte, stellt sich natürlich die Frage: Wie viel Alkohol ist in Ordnung?

Wolfgang Sommer ist da skeptischer. An eine „sichere“ Menge glaubt er nicht

Eine definitive Antwort darauf gibt es freilich nicht. Aber Richtlinien können zumindest helfen. Die deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) empfiehlt Männern, höchstens 24 Gramm reinen Alkohol pro Tag zu trinken. Das entspricht etwa einem halben Liter Bier oder 0,3 Liter Wein. Frauen sollten sogar nur die Hälfte davon zu sich nehmen. Zusätzlich rät die DHS, an zwei Tagen pro Woche keinen Alkohol zu trinken und komplett auf Rauschtrinken zu verzichten, also das Trinken von größeren Mengen bei einer Gelegenheit.

Die Meinungen der Alkoholforscher zu einer solchen Untergrenze sind geteilt. Einige glauben, dass eine geringe Menge Alkohol kaum echte gesundheitliche Schäden verursache.­ ­Wolfgang Sommer ist da skeptischer. An eine „sichere“ Menge glaubt er nicht. Unterstützung findet er in einer Studie britischer Forscher, die 2017 zeigten, dass bereits wenig Alkohol pro Tag Veränderungen im Gehirn auslöst. Allerdings muss man mehr bedenken als die wissenschaftlichen Studien. Zum Beispiel die Tatsache, dass nicht jeder Mensch das Ziel hat, sein Verhalten oder seine Gesundheit zu verbessern oder sich den Weingenuss verderben zu lassen. Da ist es schon ein Fortschritt, den Konsum einzuschränken – ein „Alles oder nichts“-Ansatz würde mit Sicherheit nicht so viele Menschen erreichen wie die Empfehlungen der DHS.

Was hilft, weniger zu trinken, sind die negativen Effekte von Alkohol, die jeder kennt: der Kater. Allerdings gibt es Menschen, die ihn nicht so stark zu spüren bekommen wie andere. Genau diese Personen sind besonders in Gefahr, immer mehr zu trinken, denn ihnen fehlt ein wichtiger Regulator. Beunruhigend sind in dem Zusammenhang Studien, die nach wirkungsvollen Gegenmitteln für den Kater suchen. Sicher, manch einer würde ein Heilmittel begrüßen. Aber gerade dann ist es wichtig, dieses deutliche Zeichen nicht zu unterdrücken. Stattdessen müsste man sich fragen, ob es nicht doch Zeit wäre für eine Auszeit.

Für diejenigen, die den Januar verpasst haben, die ihr Trinkverhalten aber einmal kritisch betrachten wollen: Der Monat spielt natürlich keine Rolle. In Australien und Neuseeland gibt es stattdessen den Dry July. Hier in Deutschland kann man zwar nicht unbedingt auf eine koordinierte Unterstützung wie in Großbritannien hoffen. Aber solange man noch nicht abhängig ist, sollte auch ein Pakt mit Freunden oder ein Selbstversuch ausreichen.