crime scene

Die Frauen schön willig, die Männer mit Halskrause

John Banville, einer der bekanntesten Autoren Irlands, entspannt sich von der hohen Literatur gern unter Pseudonym – mit dem Schreiben von Kriminalromanen, die unter dem Namen Benjamin Black erscheinen. Dass Banville drin ist, wo Black draufsteht, ist kein Geheimnis. Wer Krimis gern solide literarisch mag, kann ziemlich risikolos zum Black-Label greifen. Banvilles/Blacks neues Werk jedenfalls ist ein ausnehmend gelungenes Stück Entspannungsliteratur; eines, dessen Autor sich sehr versiert aus verschiedenen Genretöpfen bedient, sodass am Ende vielleicht kein reinrassiger Kriminalroman dabei herausgekommen ist, aber auf jeden Fall eine hochgradig unterhaltsame, dabei intelligente und historisch informierte (sowie informierende) Lektüre. Perfekt für eine gemütliche Stunde in der Badewanne, aber auch in der überfüllten U-Bahn von Nutzen, weil man sich damit – gedanklich – hervorragend ganz schnell ganz woanders hinbeamen kann.

Bloß weg aus der grau verregneten nördlichen Großstadt des 21. Jahrhunderts. Hinein ins winterlich verschneite Prag der Renaissancezeit: Ende des 16. Jahrhunderts kommt der junge Gelehrte Christian Stern nach Prag, um am Hof Rudolfs II. Karriere zu machen. Das wird ihm auch erstaunlich schnell gelingen; allerdings unter reichlich spektakulären, dramatischen Umständen: Denn gleich in seiner ersten Nacht in der fremden Stadt findet Christian in einem pittoresken Gässlein auf der Prager Kleinseite die Leiche einer jungen Frau.

Die Tote, so stellt sich bald heraus, war nicht irgendwer, sondern eine Geliebte des Königs. Rudolf II., der an Astrologie glaubt, hält Christian für einen ihm von Gott Gesandten und beauftragt den jungen Mann, den Mörder zu finden. Der naive Amateurdetektiv findet sich alsbald in einer unübersehbaren Gemengelage von Hofintrigen und Heimlichkeiten wieder und beginnt zudem eine Affäre mit Rudolfs mächtiger Konkubine Caterina Sardo. Das ist einerseits nicht ganz ungefährlich, scheint seine Situation aber zunächst sogar zu befördern …

Benjamin Black: "Alchimie einer Mordnacht". Aus dem Englischen von Elke Link. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 384 Seiten, 20 Euro

John Banville lässt Benjamin Black voll in die Schatzkiste des historischen Gothic-Genres greifen: Schöne – nicht zuletzt schön willige – Frauen, mächtige Männer mit Halskrausen und viele andere zweifelhafte Gestalten mit unbekannten Absichten bevölkern höchst lebendig diesen Roman, in dem stets hinter der nächsten Ecke das Böse zu lauern scheint. Teils sind die Figuren erfunden, teils historisch, teils von historischen Persönlichkeiten inspiriert (in seinem Nachwort gesteht Banville unter anderem, dass er der echten Caterina Sardo, die eine sehr ehrenwerte Person gewesen sei, Abbitte leisten müsse angesichts der Figur, die in seinem Roman unter demselben Namen agiert).

Wer der Mörder der schönen Magdalena war, wird mit der Zeit fast nebensächlich, zumal auch noch ein anderer Mord geschieht und man angesichts des Figurenreichtums und der verschiedenen Handlungsnebenstränge die Anfangsfrage ein klein wenig aus dem Blick verliert. Das ist einem Spaziergang in der Prager Altstadt nicht unähnlich, wo man ja auch an jeder Ecke verheißungsvoll nach links und rechts ins Gewirr der niemals gerade verlaufenden Gassen gezogen wird und am Ende auf jeden Fall nicht dort herauskommt, wo man eigentlich hinwollte.

In Prag lauert das Böse: Benjamin Black greift voll in die Schatzkiste des historischen Gothic-Genres

Bei Benjamin Black allerdings wird natürlich am Ende der Mörder gefunden. Aber nicht die Auflösung ist das Schönste an diesem Roman, sondern unbedingt der kunstvoll gewundene Erzählweg dorthin. Katharina Granzin