geht’s noch?

Dumping Deutschland

Die Katastrophenmeldungen der vergangenen Woche zeigen: Die hiesige Öffentlichkeit teilt sich zunehmend in Pöbel und Junker auf. Was würde Greta Thunberg dazu sagen?

Wer gedacht hat, billiger als Lidl und Aldi geht nicht mehr, wird seit Neuestem eines Besseren belehrt. Denn nun hat in Leipzig eine Filiale der sibirischen Discounterkette Torgservis mit dem Namen „Mere“ eröffnet. Hier wird direkt von der Palette ein wirr angehäuftes Sortiment angeboten: riesige Thunfischdosen überall, aber weder Reis noch Nudeln oder Brot. Das merkt mancher jedoch erst nach dem Einkauf, denn die Produkte sind zum Teil nicht einmal auf Deutsch beschriftet. Es ist ein nicht für möglich gehaltener neuer Tiefpunkt im Verhältnis von Mensch und Tier, Pflanze, Geld und Lebensmittel.

Wer Zeuge der Speisung der fünftausend Elenden wurde, die sich am Eröffnungstag, hinter gebrauchten (!) Einkaufswagen hochkant gepresst, durch die Gänge der Konsumhölle schoben, wundert sich über eine scheinbar diametral entgegenstehende Jubelmeldung: Die Geburtenrate in Deutschland ist auch 2018 zumindest regional erneut gestiegen. Doch es handelt sich ganz einfach um Parallelwelten, die kaum noch miteinander in Berührung kommen. Dumpinglöhne, Dumpingpreise und Dosenjunk hier in der Leipziger Vorstadt, Biofenchel für rotwangige Wonneproppen dort in Eppendorf und Pankow.

Wo sich Tagelöhner um Lebensmittelzubereitungen aus Meeresfrüchten wie Delfinen, abgestorbenen Korallen und Plastikflaschen balgen, muss der Kinderwunsch hinter der Schnäppchenjagd zurückstehen. Nähren möchte man den Nachwuchs damit sowieso nicht: weder mit erwähnter Paste, die Spuren von Thunfisch enthalten kann, noch mit dem Käse für 48 Cent oder tschechischer H-Milch für 62 Cent. Lebens­mittel seien Qualitätsprodukte und keine Ramschware, warnt das Portal „agrarheute“, sicher zum hundertsten Mal vergeblich. Welchen Müll der Mensch sich in den Mund schiebt, wird auch vom Mangel an Lohngerechtigkeit diktiert.

Erst im Billigflieger kommen sie zuweilen wieder einträchtig zusammen, der Mere-Pöbel und die Junker aus der Bio Company. Denn nie zuvor waren die Passagierzahlen auf deutschen Flughäfen so hoch wie im Sommer 2018. Nachhaltigkeit ist ja schön und gut, Fuerteventura ist schöner und besser.

Was würde Greta Thunberg dazu sagen? Sie würde garantiert ziemlich laut „Scheiße“ schreien und sich die weiße Mütze tief über die Augen ziehen. Denn mit den rechten Trollen wird sie vielleicht noch fertig, doch das Problem ist die schichtübergreifende Masse.

Uli Hannemann