crime scene

Dov Alfon und seine Lust an Superagenten-Klischees

Bekanntlich müssen in Israel alle jüdischen BürgerInnen erst SoldatIn gewesen sein, bevor sie an ihrer zivilen Karriere feilen können. In den drei (Männer) bzw. zwei (Frauen) Jahren bei der Armee lassen sich vielerlei Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, die auch später im Leben von großem Nutzen sein können. Zum Beispiel beim Verfassen von Agententhrillern.

Dov Alfon, langjähriger Chefredakteur der renommierten Ha’aretz, hat seinen Militärdienst einst bei der „Unit 8200“, einer Aufklärungseinheit der israelischen Armee, abgeleistet. Das trägt jetzt späte Früchte, denn seine Insiderkenntnisse sind auf sehr unterhaltsame Art in seinen ersten Roman eingegangen, dessen Titel ebenfalls „Unit 8200“ ist. Dov Alfon, der derzeit in Paris lebt, wo er als Kind auch aufwuchs, stellt ins Zentrum der Handlung ein ironisch stilisiertes Wunsch-Alter-Ego, einen Sicherheitsdienstoffizier namens Zeev Abadi, der viele autobiografische Details mit seinem Autor teilt, im übrigen „aussieht wie ein Adonis“ und im Laufe der Ermittlungsarbeit eine Art romantischer Fernbeziehung zur wunderschönen jungen Offizierin Oriana entwickelt, die in der Unit 8200 in Israel die Stellung hält, während Abadi in Paris aufräumt.

Dov Alfon: „Unit 8200“. Aus dem Englischen von Gottfried Röckelein. Rowohlt Polaris, Reinbek 2019, 480 Seiten, 16 Euro

Die zunächst, wie es sich für einen Agententhriller gehört, sehr undurchsichtige Handlung setzt damit ein, dass ein junger Israeli auf dem Flughafen Charles de Gaulle entführt und ermordet wird. An der Tat beteiligt sind eine junge Blondine in High Heels und rotem Hostessenkostüm sowie zwei Chinesen im Anzug. Ein müder französischer Kriminalkommissar kurz vor der Pensionierung ist eigentlich zuständig für die Aufklärung des Falles, würde aber nur auf der Stelle treten, wenn nicht der urplötzlich auftauchende israelische Sonderagent Abadi ihm auf die Sprünge helfen würde. Vor allem verfügt Abadi – mit Hilfe von Oriana, die deswegen daheim in der Armee gegen allerlei Widerstände kämpfen muss – über die nötigen Informationen, um den Franzosen aufzuklären, dass offenbar der falsche Israeli umgebracht wurde. Wo aber steckt der richtige: dieser Wladislaw Yerminski, Soldat und IT-Spezialist aus Einheit 8200, der mit demselben Flug gelandet ist wie der Ermordete? Auch der hellsichtige Abadi kann nicht verhindern, dass immer mehr Chinesen auftauchen und immer mehr Leichen gefunden werden. Als Yerminski schließlich gefunden wird, eskaliert die Situation endgültig …

Dov Alfon hat spürbar seine Freude daran, mit den gängigen Versatzstücken des Genres zu spielen. Es gibt: langbeinige Frauen, bildschöne Schusswaffen („Das ist die Pistole aus den ‚Matrix‘-Filmen“, erklärt dem Kommissar sein Stellvertreter), eine Menge Blut, mordlustige Asiaten (versus verschlafene Franzosen), Paris als ästhetische Kontrastkulisse für Mord und Totschlag. Auch eine jüdische Mutter fehlt nicht, die ihren Soldatensohn erst ordentlich mit Hausmannskost stopft, bevor sie ihn losziehen lässt in den Kampf. Der Autor hat keine Angst vor Klischees, im Gegenteil. Er poliert sie sogar noch etwas auf, bevor er sie auf das Silbertablett stellt, das er uns lächelnd entgegenstreckt.

Weil Alfon das so elegant hinkriegt, kommt er mit jeder noch so billigen Männerfantasie durch

Und weil er das so elegant hinkriegt, kommt er mit jeder noch so billigen Männerfantasie durch – und sei es die chinesische Superkillerin mit dem Superbody, die zur Entspannung ihren Leibwächter vögelt (was sie besser hätte bleiben lassen sollen). Am Ende wird es, haha!, aber die Israelin mit dem Superbody sein, die die Schlacht entscheidet. Superfeministisch ist das alles noch lange nicht – und trotz aller Seitenhiebe aufs israelische Polit-Establishment ganz schön patriotisch –, aber definitiv supergut geschrieben. Gegen inhaltliche Einwände könnte der Autor sich jederzeit auf das Prinzip der allumfassenden Uneigentlichkeit berufen. Der doppelte Boden aus einer dicken Schicht Ironie hat die zweifache Übersetzung aus dem Hebräischen ins Englische ins Deutsche jedenfalls sehr gut überstanden. Katharina Granzin