der rote faden

Onomatopöie, Mindestlohniiii und Wollibolli

Durch die Woche mit Johanna Roth

Eine der größeren Herrlichkeiten des Universums ist ohne Zweifel die menschliche Sprache. Mindestens 100.000 Jahre ist es her, dass unsere Vorvorvorfahren die Senkung ihres Kehlkopfs abgeschlossen fühlten und sich selbst dadurch bemüßigt, dank des größer gewordenen Rachenraums Laute zu formen, die über den bis dato geäußerten Grundton – vermutlich eine Art Grunzen, Stöhnen, so genau weiß man das natürlich nicht – hinausgingen. Viele Jahrtausende später kennen wir diese Laute als Vokale und Konsonanten. Und obwohl mancher sich unbeirrbar sowohl aufführt als auch ernährt wie ein steinzeitlicher Höhlenbewohner, haben wir unsere Gaumen, Zungen und Lippen weitgehend in 6.500 Sprachen geordnet.

Der schöne Fehler in diesem faszinierenden System, dass sich in unseren Gehirnen Klang und Schrift manchmal nicht recht verknüpfen lassen wollen, bekam einst den knackigen Namen „Onomatopoesie“ (wahlweise auch Onomatopoiie, Onomatopoie oder Onomatopöie, je nachdem, wie nah am Neandertaler man sich gerade fühlt).

Neandertaler

Für die Lautmalerei spricht nicht zuletzt, dass ihr das wohl einzige Wort entspringt, das ausnahmslos alle überall auf der Welt verstehen: O.K. (okay, ok, okee, okeh) ist nichts anderes als die Abkürzung für „oll korrekt“, wie man „all correct“ ja ebenso hübsch schreiben kann, und wurde genau heute vor 180 Jahren, am 23. März 1839, erstmals in der Boston Morning Post erwähnt. (Sollten Sie jetzt langsam misstrauisch werden: Das alles habe ich nicht erfunden! Sondern lediglich die 24 Stunden Wikipedia-Streik am Donnerstag dieser Woche mit exzessiver Lektüre am Freitag kompensiert.)

Vorsicht geboten beim Onomatopoesieren ist allerdings als Frau in der Politik. Es droht sonst Gefahr, dass der Spiegel über 3 Seiten „nicht aus dem Kopf bekommt“, dass eine Parteivorsitzende „Mindestlohniiii“ und „Wollibolli“ in ein Mikrofon gerufen hat. Offenkundig hatte Andrea Nahles, die hier „die Grenzen der Peinlichkeit sprengt“, beim Karneval einfach gute Laune, aber gegönnt wurde ihr das vom Homo politicus nicht zuletzt in der eigenen Partei noch nie.

Uploadfilter

Jede Lautfolge, die ein männlicher Politiker von sich gibt, kommt dagegen besser weg, und sei sie noch so willkürlich. Außer vielleicht bei Axel Voss (CDU), Quasi-Urheber der EU-Urheberrechtsreform. Axel, wie ihn das Internet sogleich liebevoll taufte, gab vor ein paar Tagen ein Interview, das offenbarte, dass der Mann vielleicht besser federführender Berichterstatter für Gurkenkrümmungsrichtlinien geworden wäre als Fachpolitiker für Digitales. So erläuterte er der verblüfften Vice-Journalistin einerseits mit beeindruckender Souveränität Google-Suchrubriken, die es gar nicht gibt, andererseits wusste er nicht genau zu sagen, wie die Umsetzung seiner Idee in Form der sogenannten Uploadfilter aussehen soll, weil: „Ich bin kein Techniker.“

Die Diskussion um die wohl umstrittenste EU-Richtlinie der vergangenen Jahre, die das demokratische Potenzial des Internets erheblich einschränken dürfte, wenige Tage vor der Abstimmung in die gewünschte Richtung zu treiben, erfordert natürlich ein Höchstmaß an Emphase und überzeugender Rhetorik, und auch da lieferte Voss zuverlässig ab: „Man muss schon davon ausgehen, dass das nicht 100 Prozent funktioniert.“

#axelsurft

Man muss außerdem davon ausgehen, dass folgende Fragen nicht völlig fehl am Platz sind: Will er diese Richtlinie wirklich oder war ihm bloß langweilig? War Axel Voss überhaupt schon mal im Internet? Und wenn ja, wie hat er da alleine wieder rausgefunden?

Zum Glück ist die Hilfsbereitschaft der Twitter-Community so groß, dass sie ihm zur besseren Orientierung gleich einen Hashtag einrichtete: #axelsurft. Da muss man nur ein einziges Mal draufklicken und kann dafür ganz oft lachen, zum Beispiel über Axel Voss scrollt nach dem Lesen einer Website wieder ganz nach oben – für den nächsten Besucher“ oder „Axel Voss verlässt Politik, nachdem nigerianischer Prinz ihn per Mail zum Multimillionär macht“.

Rothirsche

Die Sache mit dem Kehlkopf, die uns Hunderttausende Jahre später so viele glückliche Momente bescheren sollte, war im Übrigen keineswegs auf menschliche Wesen beschränkt. Auch beim Rothirsch, so legen es Forschungen nahe, war die Kehlkopfsenkung ein evolutionäres Merkmal. Die Fähigkeit, tieferliegende Vokale zu bilden, diente womöglich der sexuellen Selektion. Oder, mit heutigen Zungen gemalt: Roaaaarrr!

Wie gut, dass Mutter Natur diesen Gedanken nicht weiterverfolgte und sich stattdessen der Hominisation widmete. Das ersparte uns zwar nicht die babylonische Verwirrung, dafür aber einen Jägermeister-Werbespot, in dem animierte, auf eine Holztafel an der Wand montierte Menschenköpfe in Richtung des Zwölfender-Rudels an der Bar „Is’ ja röhrend“ grölen.

Nächste Woche Robert Misik