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Es geht um Respekt! Christoph Maria Herbst hat den Knigge gelesen

Der hat wohl seinen Knigge nicht gelesen! Eine Feststellung, die man dieser Tage des Öfteren macht. Und nicht, weil einer den Weißwein in einem Rotweinglas serviert. Sondern weil sich jemand, sei es ein Staatsmann oder die Nachbarin, seinem Gegenüber respektlos, intolerant und rücksichtslos benimmt. Die Zementierung einer herrschaftlichen Etikette war ja gerade nicht das Ansinnen des Adolph Freiherrn Knigge, als er 1788 – ein Jahr vor Ausbruch der Französischen Revolution – den Leitfaden „Über den Umgang mit Menschen“ publizierte. Es ging ihm darum, mit seinen Hinweisen über „den äußeren Anstand und schickliche Manieren das gesellschaftliche Zusammensein zu erleichtern und angenehm zu machen“. Ausdrücklich warnt er vor der häufigen Verwechslung von vernünftigen allgemeingültigen Übereinkünften mit blind ausgeführtem und eingefordertem Gehorsam gegenüber herrschaftserhaltenden Vorschriften.

Knigge (1752–1796) war ein Verfechter der Aufklärung, seinen adligen Standesgenossen galt er deshalb als Verräter. Neben diversen Anstellungen bei Hofe komponierte, übersetzte und verfasste er nicht nur viel gelesene Romane, sondern vor allem pädagogische, politische und satirische Schriften, in denen er sich unter anderem für eine republikanische Verfassung aussprach.Auch wenn er seinen Adelstitel ablegte, biederte er sich in seinen praxisbezogenen Schriften keineswegs an niedrigere Stände an. Dabei ist klar, dass er aus der Perspektive des sozial Höhergestellten schreibt. Er stellt das Recht Adliger auf Herrschaft in Abrede und lobt, der „redliche Handwerker“ sei vornehmer als der „faule Minister“, und fordert eine entsprechend respektvolle Behandlung des sozial niedriger Gestellten ein. Wenn er in einem Nebensatz anmerkt, dass man ja auch nie wisse, inwiefern dieser einem noch nützlich sein könnte, schimmert allerdings doch feudaler Habitus durch.

Mit zugewandter Stimme belehrt Christoph Maria Herbst in seiner Rolle des Knigge, man solle „von niemandem fordern, sich nach unseren Sitten zu richten“, jeden seinen Gang gehen lassen. Was so isoliert nach haltlosem Laisser-faire klingt, ist tatsächlich eine Forderung nach gegenseitigem Respekt, dem Zugeständnis der Meinungsfreiheit. Herbsts Lesetempo lässt Raum für eigene Überlegungen zum Thema – zusätzlich befördert durch die vortrefflich passende Einspielung kurzer Auszüge aus Carl Philipp Emanuel Bachs „Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen“.

Knigge gibt konkrete Verhaltensanweisungen – man soll niemandem den Rücken zukehren, gereichte Teller annehmen, damit niemand die Mühe hat, etwas in der Hand behalten zu müssen, auch nicht hinter dem Rücken flüstern, so dass ein Dritter es auf sich beziehen könnte – und argumentiert soziologisch. In Bezug auf die von ihm befürwortete Religionsfreiheit schreibt er: „Was des einen Aufklärung ist, ist des anderen Verfinsterung; schone Vorurteile, die anderen Ruhe gewahren; lerne Widerspruch ertragen und bleibe kaltblütig, respektiere, was anderen ehrwürdig ist.“ Sätze, die heute anders klingen als 1788, aber global erstaunlich aktuell sind. Ohnehin zieht man beim Hören von Knigges Ermahnungen zur Einhaltung moralisch-sittlicher Standards allenthalben Querverbindungen zum aktuellen Tagesgeschehen, zum Gebaren von Staatspräsidenten oder den Pöbeleien in den sozialen Medien. Im Kapitel „Vom Umgang mit sich selber“ erscheint Knigge als Achtsamkeitsapostel before the fact: „Sorge für die Gesundheit deines Körpers und deiner Seele, aber verzärtele beide nicht.“

Knigge tritt nicht oberlehrerhaft auf, was sicherlich zur großen Popularität seines Werks schon bei seinen Zeitgenossen beigetragen hat. Christoph Maria Herbst konterkariert dieses Verdienst allerdings an einigen Stellen, in dem er seiner Lesung verhaltene Ironie mitgibt und so eine gewisse Distanz zu den Adressaten herstellt und den erhobenen Zeigefinger aufblitzen lässt. Würden die Ideale dieses Plädoyers für ein aufgeklärtes „Leben und leben lassen“ von allen gelebt werden, ginge es in der Welt um einiges friedlicher zu. Sylvia Prahl

Adolph Freiherr Knigge: „Über den Umgang mit Menschen“. Gekürzte Lesung mit Christoph Maria Herbst, 2 CDs mit Booklet, ca. 2 Std. 36 Min., Audio Verlag, Berlin 2019, 14,99 Euro