„Stoiber hat noch eine Rechnung offen“

Biograf Peter Köpf erklärt, wieso der bayerische Wahlsieger immer noch unbedingt Bundeskanzler werden will, weshalb er das Präsidentenamt verschmäht und warum er womöglich bis 2013 Ministerpräsident bleiben könnte

taz: Herr Köpf, mit seinem gestriegen Sieg hat Edmund Stoiber die Wahlerfolge seines Ziehvaters Franz Josef Strauß übertroffen. Hat er sein Ziel jetzt erreicht?

Peter Köpf: Nicht ganz. Jetzt strebt er wohl einen zweiten Anlauf aufs Kanzleramt an – wenn die anderen ihn lassen.

Die „anderen“ möchten ihn in das Amt des Bundespräsidenten drängen. Bekommen sie ihn doch noch weich?

Das halte ich für ausgeschlossen. Das ist nicht sein Amt. Repräsentation ist nicht seine Stärke. Das schafft er nicht mal im Trachtenjanker beim Schützenverein irgendwo in Bayern. Aber wie man Macht erwirbt und Macht erhält, das weiß er.

Aber die Kanzlerfrage stellt sich erst 2006. Wer erinnert sich dann noch an die Landtagswahl 2003?

Der Zeitfaktor ist in der Tat kaum kalkulierbar. Früher konnte man eine Kanzlerkandidatur drei oder vier Jahre im Voraus planen. Heute ist das nicht mehr vorauszusagen. Aber Stoiber möchte es nach dem relativen Erfolg des vorigen Jahres noch mal probieren. Er hat gesehen, dass ein Bayer eben doch eine Chance hat. Wenn er es schafft, hätte er Strauß wirklich übertroffen. Da hat er noch eine Rechnung offen.

Der Triumph in Bayern reicht dafür nicht aus?

Bayerischer Ministerpräsident war Strauß schließlich auch. Allerdings einer, der weniger Lust hatte, dieses Amt auch auszuüben. Damals musste Stoiber immer für ihn die Arbeit machen. Strauß hat sich dafür nie bedankt. Stoiber war für ihn ein nützlicher Lakai. Das nagt an ihm, und es befördert seinen Ehrgeiz.

Mit welchen Methoden wird er vorgehen? Wird ihn der Erfolg zu ungebremster Aggressivität verleiten – oder wird er sich lieber als Moderator profilieren?

Eher das Zweite. Der Erfolg gibt ihm weiteres Selbstbewusstsein. Er ist klug genug, jetzt nicht abzuheben. Aber das starke Wahlergebnis verleiht ihm die Autorität, sich immer wieder in die Bundespolitik einzumischen. Daran hat er seit den letzten Wahlen Spaß gefunden. Aber er wird jetzt nicht fordern, dass er noch mal kandidiert. Da werden ihm seine Berater schon sagen, wie man so etwas einfädelt.

Sie sehen also nicht die Gefahr, dass er jetzt abhebt und deshalb Fehler macht?

Das würde mich überraschen.

Wird er bei den anstehenden Reformen auf Blockade setzen?

Schwer zu sagen. Er hätte eigentlich keinen Anlass, der Regierung das Geschäft abzunehmen. Angesichts der Stimmung in der Bevölkerung ist allerdings auch eine Blockadehaltung schwer zu vermitteln. Er wird wohl zwischen den beiden Polen lavieren, je nach Opportunität.

Und wie wird er seine Ansprüche gegenüber den CDU-Konkurrenten Merkel und Koch anmelden?

Er wird zumindest mit durchgedrücktem Kreuz durch die Landschaft marschieren und den anderen auf diese Weise zeigen, dass er nach wie vor bereitsteht.

Falls es mit dem Kanzleramt niemals klappt: Bleibt Stoiber dann bis 2013 Ministerpräsident, wie manche Beobachter schon voraussagen?

Da ist er ein bisschen wie Kurt Biedenkopf, der sein Amt ebenfalls nicht aufgeben wollte. Auch Stoiber glaubt: So gut wie er kann das keiner.

Da müsste man ihn aus der Staatskanzlei schon hinaustragen?

Ich fürchte, ja.