Chancen Susanne Heinke vom Bonner Institut für Konversionsforschung weiß, wie man richtig umnutzt. Ein Gespräch über Bürgerbeteiligung, Abrüstung und Pferdebunker

„Nur keine Endzeitstimmung!“

Interview Gareth Joswig

taz: Frau Heinke, Sie kennen sich aus mit Flächenkonversion, also der zivilen Umnutzung von militärischen Liegenschaften. Was ist aus Ihrer Sicht schlechte Konversion?

Susanne Heinke: Schlechte Konversion vereinbart nicht die verschiedenen Interessen: Man darf nicht intransparent einseitige Investoren-Interessen durchsetzen – nach dem Motto: erst Handeln und dann Denken. Ein berühmtestes Beispiel dafür ist der Cargolifter in Brandenburg: Da wurde in ein Lastenluftschiff-Projekt auf ehemaligem militärischen Gelände sehr viel Geld gesteckt und es ist gigantisch gescheitert. Aber immerhin ist dort inzwischen mit dem Themenpark „Tropical Islands“ in der riesigen Luftschiffhalle ein Naherholungsgebiet entstanden, das den regionalen Tourismus und die Bedürfnisse der Bevölkerung einbezogen hat und deswegen akzeptiert ist.

Wie sehen Sie Projekte wie im schleswig-holsteinischen Kappeln? Dort ist an der Schlei aus einem Marinehafen ein Luxusresort inklusive Yachthafen entstanden.

Es kommt darauf an, wie die Leute vor Ort beteiligt waren und inwieweit soziale Bedürfnisse abgedeckt sind. Konversion ist gut, wenn sie mischt und sowohl soziale Mietwohnungen schafft als auch Eigentum. Angesichts der Wohnungsnot könnten ehemalige Kasernengelände durchaus helfen.

In ländlichen Konversionsgebieten dürfte Wohnraum allerdings nicht so knapp sein wie in der Stadt.

Im ländlichen Raum gibt es natürlich andere Bedürfnisse: Der Schutz von Natur und Freiräumen ist hier wichtig. Das ist besser als irgendwelche Gewerbegebiete aus dem Boden zu stampfen. Ebenso kann man große ländliche Konversionsflächen für regenerative Energiegewinnung nutzen.

Was braucht es, damit ein solcher Strukturwandel gelingt?

Es braucht Fantasie, gute Ideen und ein Quentchen Mut. Konversionen sind immer eine große Chance: Auch Grünzüge, Biotope und Tourismuskonzepte sind schöne Lösungen.

Es ist allerdings nicht immer leicht: Nehmen wir das niedersächsische Bergen. Dort waren auf einem Schlag über 10.000 britischen SoldatInnen und ihre Familien weg, zehn Jahre früher als gedacht. Woher soll da Mut kommen?

Susanne Heinke

Foto: BICC_Frommann

Jahrgang 1959, ist seit 1999 am Bonner International Conversion Center (BICC) und seit 2003 dessen Sprecherin. Sie organisiert internationale Workshops zu Konversion und publizierte zur Umnutzung von militärischen Liegenschaften im urbanen Raum sowie Flucht und Vertreibung in Asien.

Für die Gemeinden ist es natürlich erst mal ein Schock, wenn das Militär geht. Arbeitsplätze verschwinden und der Einzelhandel ist gefährdet. Das war so nach der großen Konversionswelle in den 1990ern ebenso wie nach den Bundeswehrreformen 2004 und 2011. Aber wir warnen immer: Nur keine Endzeitstimmung. Man muss den Abzug von Militär als normalen Bestandteil eines Strukturwandels betrachten. Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum von 2010 befasste sich mit den regional-ökonomischen Auswirkungen der letzten Bundeswehrreform und nannte sie „marginal“.

Was ist ein Idealbeispiel?

Es gibt viele Beispiele: Köln verdankt dem Abzug belgischer Truppen seinen Boom als Medienstandort. In Lüneburg hat die Hochschullandschaft von Konversion profitiert. Mein Lieblingsbeispiel ist jedoch der Nato-Bunker in Kevelaer, Twisteden. Die Schließung 1993 war eine reine Katastrophe für die Kommune. Das Gelände sah aus wie eine überwucherte Pyramidenlandschaft und bestand nur aus grasbewachsenen Bunkern. Jetzt ist dort ein Traberpark. Nach einer Tierschutz-Begutachtung wurden die Bunker zu Pferdeställen umgerüstet: Pferde fühlen sich wohl im Halbdunkel und mögen es, wenn es nicht so heiß ist. In anderen Bunkern züchtet der größte Gemüsezüchter der Niederlande Champignons. Einige sind sogar familiengerechte Ferienwohnungen geworden. Niemand hätte das am Anfang für möglich gehalten.

In Deutschland sind Rüstungsausgaben und Soldatenanzahl aktuell wieder erhöht worden. Droht der Konversion damit das Ende?

Nein, die Entwicklung läuft parallel. Konversion in der Fläche bleibt: Die Bundeswehr will zwar zusätzliche 14.300 Soldaten und 4.400 zivile Haushaltsstellen, aber bis 2020 sollen trotzdem 37.000 Hektar Militärgelände aus Bundeswehr-, britischen und US-Beständen frei werden.

Konversion kam aus der Friedensbewegung der Achtziger und wollte die Welt nach dem Ende des Kalten Krieges umbauen. Sie beinhaltete immer auch die Rüstungskonversion. KritikerInnen sagen, dieses Thema ist heute in der Forschung unterrepräsentiert.

Auch unser Institut ist 1994 nach dem Kalten Krieg im Friedenskontext gegründet worden – damals ging es mehr um Waffenabrüstung, aber auch heute ist uns das noch wichtig. Sigmar Ga­briel hat als Wirtschaftsminister zwar das Thema Rüstungskonversion mal wieder erwähnt, aber Exporte nach Saudi-Arabien finden nach wie vor ungehemmt statt. Wir betreiben seit 2002 eine öffentliche Datenbank mit kritischen Länderberichten über deutsche Rüstungsexporte. Besonders Waffenlieferungen in Länder wie Oman, Libyen und Saudi-Arabien sind angesichts der Menschenrechtslage und dem dortigen Konfliktpotenzial äußerst kritisch zu sehen. Wir wollen die Politik in diesem Sinne beraten. Aber letztlich hängen Rüstungsexporte auch vom Wähler ab. Wir haben uns seit den Neunzigern auch als Friedens- und Konfliktforschungsinstitut weiterentwickelt. Und auch Fluchtforschung und Gewaltkonflikte sind heute wichtige Themen für uns.

Kann Konversion auch bei der Aufnahme von Geflüchteten helfen?

Das hat sie bereits: Zur schnelleren Unterbringung hat es seitens der Bundesregierung eine Verbilligungsrichtlinie gegeben. Seitdem darf die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ehemalige Liegenschaften aus Bundeswehrbesitz mietzinsfrei an Kommunen übergeben, um dort Flüchtlinge unterzubringen. Circa 47.000 Plätze wurden so an 80 Standorten geschaffen. Dabei handelte es sich meist um Orte für die Erstaufnahme.

Sind Kasernen in der Pampa nicht der falsche Ort für Geflüchtete?

Nein, es dürfen natürlich keine Zeltstädte außerhalb entstehen. Um Unterbringungen muss es drumherum eine Infrastruktur geben und die Räume müssen sich für eine wohngerechte Unterbringung eignen. Aber städtische Kaserne mit zentraler Lage bieten sich durchaus an. In Nordrhein-Westfalen haben wir Feldforschung gemacht in 34 Unterkünften. Das Ergebnis aus 220 Interviews. Wo es Konflikte gab, lag es in der Regel am System der Unterbringung: Es fehlen Rückzugsräume, Privatsphäre und Sicherheit vor sexualisierter Gewalt. Das Wohnen muss dahingehend verändert werden, dass es alle diese Dinge gibt. Konversion ist da eine Chance.

Kaum vorstellbar, dass man auf Kasernengelände schön wohnen kann.

Längst nicht alle Gebäude der Bundeswehr sind hässlich: In Oldenburg etwa gibt es mitten in der Stadt ein schönes Kasernengebäude aus der Gründerzeit. Die Frage bleibt aber, wie solche Filetstücke der Liegenschaftskonversion genutzt werden: ob nur die Wohlhabenden sich dort einkaufen können oder es einen städtischen Dialog über eine gemeinschaftliche Nutzung gibt. Vor allem in der urbanen Konversion gibt es noch viele Möglichkeiten – eine Verbilligungsrichtlinie gibt es im Übrigen auch für den sozialen Wohnungsbau.