Demonstration gegen Rassismus

Abstimmung mit den Füßen

„Unteilbar“: Ein Slogan macht mobil. 40.000 sollten nach Berlin kommen, über 200.000 sind es geworden – was für ein Erfolg!

Ein Junge mit Seifenblasen

Das Gegenbild zum dumpfen Deutschland: am Samstag nahe der Berliner Siegssäule Foto: Sebastian Wells

BERLIN taz | Vielleicht ist es einfach noch zu früh, 12 Uhr am Samstag, keine gute Zeit für BerlinerInnen. Rund um den Alexanderplatz stehen die Lautsprecherwagen locker verteilt in der Sonne, der entgangen zu sein scheint, dass es längst Herbst geworden ist. Dazwischen aber ist noch viel Platz. Grüppchen schlendern etwas ziellos hin und her.

Vor dem Lastwagen, von dessen Ladefläche die RednerInnen der Auftaktkundgebung sprechen sollen, ist nur eine kleine Menge versammelt. Ryanair-Beschäftigte werfen Papierflieger mit ihren aufgedruckten Forderungen über die Köpfe der Anwesenden. Ein Gebärdensprachdolmetscher steht auf der Bühne. 40.000 Menschen hatte das #unteilbar-Bündnis angekündigt. Schon das war niedrig angesetzt. Alles darunter, das weiß jeder hier, würde als Pleite gewertet.

Doch bevor sich unter den Veranstaltern wirklich Nervosität ausbreiten kann, ändert sich das Bild. Auf Twitter machen Meldungen von völlig überfüllten U-Bahnen die Runde. Immer mehr Menschen strömen auf den Platz.

Um 13 Uhr ist auch Jeannette Böhme dabei, die sich am nördlichen Rand des riesigen Platzes mit einer Freundin verabredet hat. Die Sonne knallt, die 38-jährige Berlinerin mit kurzen dunklen Haaren hat eine Jeansjacke umgeknotet, die sie in den nächsten Stunden nicht brauchen wird. Zu diesem Zeitpunkt stehen schon tausende Menschen dicht an dicht. Wer von einer Straßenseite zur anderen kommen will, braucht Geduld.

Von der Taxi-Innung bis zu den Eisbären – viele sind dabei

Schon im Vorfeld war klar, dass diese Demonstration vielfältig werden würde: Über 30 thematische Blöcke haben ihre Teilnahme angekündigt. Die antirassistische Seebrückenbewegung ist dabei und die Berliner Taxi-Innung, es gibt einen Fußballblock und einen, in dem sich AnwältInnen sammeln, die Berliner Eisbären haben genauso aufgerufen wie die Interventionistische Linke oder die SPD.

Leipziger Straße Foto: Sebastian Wells

Bei einem so großen Bündnis blieben Angriffe nicht aus: Teile der Berliner CDU wetterten gegen die Zusammenarbeit mit „Linksextremisten“, andere kritisierten die Beteiligung des Zentralrats der Muslime. Jedoch: Das Bündnis hielt. Die Angriffe schienen abzuperlen.

Und das, ohne die Widersprüche totzuschweigen: „Auf diesem Platz stehen heute auch Menschen, die offen zum Boykott Israels aufrufen. Wie gehen wir damit um?“, sagt Lala Süsskind vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus während der Auftaktkundgebung. Der Antisemitismus, sagte Süskind, „vereint heute viele Gegner der Demokratie“. Juden würden heute in Deutschland auch „von denen angegriffen, angespuckt und beleidigt, die selbst von Rassisten angegriffen, angespuckt und beleidigt werden.“ Wer sich gegen Rassismus wende, müsse sich gleichermaßen gegen Antisemitismus aussprechen.

Jeannette Böhme muss bis zum Start lange warten

Jeannette Böhme steht zwei Stunden nach ihrer Ankunft immer noch an derselben Stelle. Sie wartet darauf, dass sich der feministische Block, in dem sie mitlaufen möchte, endlich in Bewegung setzt.

Dass sie bei #unteilbar dabei sein würde, sei klar gewesen, seit sie im Sommer von der Mobilisierung gehört habe, sagt Böhme, die bei Medica Mondiale arbeitet. Die Organisation ist aktiv gegen sexualisierte Kriegsgewalt und setzt sich dafür ein, dass Überlebende eine angemessene Unterstützung erhalten.

„Ich bin ein politischer Mensch“, sagt sie, „aber ich bin nicht jedes Wochenende auf Demos unterwegs.“ Auf die Frage nach ihrer letzten Demonstration muss sie eine Weile überlegen: Vor ein paar Jahren in Köln war das, sagt sie schließlich. So ganz genau erinnert sie sich nicht, worum es ging – aber mit dem Rechtsruck hatte es wohl schon damals zu tun.

Unterwegs am Potsdamer Platz

Es ist nicht so, dass es an Gelegenheiten gemangelt hätte in den letzten Jahren, gegen rechtes Gedankengut auf die Straße zu gehen. Aber diese Demonstration heute ist etwas anderes: Als die Demospitze gegen 15 Uhr die Straße des 17. Juni erreicht, hat sich das Ende des Zugs am Alexanderplatz, dort, wo Böhme steht, noch nicht einmal in Bewegung gesetzt. Viereinhalb Kilometer Route liegen dazwischen.

Die kühnsten Hoffnungen übertroffen

40.000 Menschen hatte das Bündnis erwartet, auf mehr als 50.000 gehofft. Ob es vielleicht auch 100.000 werden könnten, war in den Tagen zuvor diskutiert worden, als immer mehr Menschen in Berlin den Eindruck hatten, es gebe niemanden in ihrem Bekanntenkreis, der für diesen Samstag etwas anderes geplant habe. Doch es sind noch viel mehr: Nachdem sie anfangs von 150.000 gesprochen hatten, korrigieren die Veranstalter ihre Zahl später auf 242.000 Menschen. Die Leipziger Forschungsgruppe Durchgezählt hat die Zahl berechnet, die Polizei gibt keine eigene Angabe heraus. Wer die Demonstration an sich vorbeiziehen lässt, dem erscheint eine Zahl von deutlich über 200.000 realistisch.

Als es auch für Jeannette Böhme endlich losgeht, nickt sie: „Erste Hürde genommen“, sagt sie zufrieden. Einige kapitulieren nach der langen Warterei in der Sonne da bereits: Ein Paar überlegt, bis wohin es wohl mitlaufen werde. „Ich find das nicht okay“, sagt Böhme halb im Scherz: „Wenn schon, denn schon.“

Gute Stimmung auf dem Weg zur Siegessäule Foto: Sebastian Wells

Das Datum von #unteilbar habe sie sich sofort in den Kalender eingetragen. Sie mache sich große Sorgen über das, was gerade in Deutschland passiere: „Der wachsende Antifeminismus, der mit dem Rechtsruck einhergeht, ist eine Bedrohung“, sagt sie. Rechtspopulistische und konservative AkteurInnen versuchten gerade, Frauen ihre Selbstbestimmungsrechte über den eigenen Körper wieder zu nehmen, sagt Böhme. „Aber ein Frauenbild von 1933 ist 2018 nicht hinnehmbar.“

Nun ist sie mit einer Freundin vom Gunda-Werner-Institut für Geschlechterdemokratie unterwegs, die ihrerseits mit fünf, sechs weiteren Personen verabredet ist. Im Gewühl ist das pinkfarbene Stoffbanner des Instituts, das drei Menschen an Holzstöcken hoch über ihren Köpfen tragen, eine gute Orientierung. „Feminismus ist #unteilbar“ steht darauf.

Zwischen Trommeln, Musik und Redebeiträgen muss man schreien, um sein eigenes Wort noch zu verstehen. Das Wummern der Bässe aus den verschiedenen Lautsprechern geht ineinander über, manche halten sich die Ohren zu, aber fast alle scheinen ihre gute Laune zu behalten. Weite Teile der Demonstration laufen ganz ohne offensichtliche Begleitung der Polizei – für Berlin ein ungewohntes Bild.

Als an der Siegessäule die Abschlusskundgebung beginnt, stehen hier nur einige Tausend vor der Bühne – der Rest ist noch lange nicht angekommen. So viele haben aufgerufen, so viele wollen sprechen: 44 Punkte umfasst das Programm der Abschlusskundgebung, fast sechs Stunden soll es dauern.

Eine Demonstration für alle

„Ja, so groß hatte man das nicht erwartet“, sagt am Abend Sabrina Zajak. 2013 hat sie das Institut für „Protest und Bewegungsforschung“ gegründet, deren Vizechefin sie bis heute ist. Ihre Erklärung für die Resonanz lautet, dass der Aufruf auf die Frage der Teilhabe gesetzt hat. „Da kommen die streikende Ryanair-Stewardessen und der von Abschiebung bedrohte Kosovare zusammen“, sagt sie, „beim Gefühl, nicht teilhaben zu können.“ Die Menschen würden spüren, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt zu zerbrechen drohe. „Das bedroht grundlegende Normen und Werte und da sagen eben viele: Hey, so nicht.“

Ist die Klammer aber am Ende nicht so weit gefasst, dass nach diesem Tag alles wieder in Partikularität zerfällt? Zajak glaubt das nicht. Für sie sind Ereignisse wie #unteilbar „kulturelles Handeln“, das Bewegungen nach vorne bringt. „Bewegungen müssen in den Köpfen ankommen“, sagt sie und die Geschichte zeige, dass es Tage wie dieser Samstag seien, „die langfristig eine breite Bewusstseinsbildung ermöglichen“.

Auch Böhme ist mittlerweile an der Siegessäule angekommen. „Ich bin ganz schön platt“, sagt sie. Sie sei sehr beeindruckt von der Demonstration: „Man hat gemerkt, dass die Leute ein Anliegen haben“, sagt sie. Sie empfinde es als „total stärkend“, „dass so viele Menschen auf die Straße gegangen sind: „Ich bin sehr erleichtert, dass die Mehrheit der Menschen offenbar nicht ins Jahr 1933 zurück will.“ #unteilbar sei etwas, was im Gedächtnis bleiben werde: „So ein breites Bündnis gibt es nicht oft – und so ein klares Zeichen gegen rechts und für soziale Gerechtigkeit auch nicht.“

Dass Breite nicht Beliebigkeit bedeuten muss, merkt man am Programm der Abschlusskundgebung. Dort gibt es überwiegend Deutliches, eindeutig Linkes und wenig Weichgespültes zu hören. „Es geht hier nicht darum, ein Zeichen zu setzen. Es geht um eine soziale Bewegung, die nachhaltig wirken soll“, sagt etwa die Publizistin Carolin Emcke. „Wir kämpfen nicht nur darum, dass die AfD verschwindet. Wir kämpfen für eine ganz andere Gesellschaft“, sagt die Moderatorin Thelma Buabeng später, und Zehntausende applaudieren.

„Überwältigend“, nennt Anna Spangenberg den Tag. Seit zehn Jahren leitet sie das brandenburgische Aktionsbündnis gegen Fremdenfeindlichkeit in Potsdam, in den letzten Wochen war sie vor allem die Sprecherin von #unteilbar.

Der Aufruf habe sich bewährt. Jüdinnen und Muslime hätten gemeinsam gesprochen. Auf solche Dinge komme es doch an, sagt sie. Es sei „fünf vor zwölf“ heißt es in dem Video, das das Bündnis vor der Demonstration gemacht hat. Was würde denn um zwölf geschehen, wenn es nicht noch schnell abgewendet wird? Spangenberg überlegt kurz. Dann sagt sie dasselbe wie die Bewegungsforscherin Zajak: Dass der soziale Zusammenhalt zerbreche. Und ist das, was heute passiert ist, genug, um das zu verhindern? „Es war ein Höhepunkt und wir hoffen, dass es auch ein Auftakt war“, sagt sie.

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