Die Wahrheit

Kampf dem Rhodidunndrumm

Während in Deutschland neuerdings braune Arschlöcher ins Parlament gewählt werden, darf in Irland manch seltsamer Kauz Abgeordneter werden.

Karl freut sich über das bundesdeutsche Wahlergebnis. „Wenigstens müssen wir uns nun nicht mehr so sehr für einige unserer Parlamentarier schämen“, sagt er. Karl stammt aus Deutschland, lebt aber seit 25 Jahren in der Grafschaft Kerry im Südwesten Irlands.

Dort leben sonderbare Menschen, und die Sonderbarsten wählen sie ins Dubliner Parlament. Jahrelang war das Jackie Healy-Rae, ein Kneipier mit Gummistiefeln und Schiebermütze. Inzwischen ist er tot, aber weil seine Söhne Michael und Danny Healy-Rae gewitzt sind, haben sie Vaters ehemaligen Wahlkreis geschickt unter sich aufgeteilt, sodass beide ins Parlament einzogen. Dort sorgen sie mit lustigen Eingaben für Unterhaltung.

Michael hat vor anderthalb Wochen dem Rhododendron den Kampf angesagt. Weil das für Menschen aus Kerry ein schwer auszusprechendes Wort ist, nennt er das Gewächs „Rhodidunndrumm“. Er erklärte es für gemeingefährlich und forderte die Armee auf, dagegen einzuschreiten.

Ein Drittel des 10.000 Hektar großen Nationalparks in Killarney sei inzwischen von Rhododendronbüschen bedeckt. Und die haben es auf Spaziergänger abgesehen. „Man läuft aufrecht los, muss sich dann bücken, um durch die Zweige zu klettern, endet schließlich auf den Knien, verliert die Orientierung und wird verschluckt“, malt er ein botanisches Horror­szenario. Erst neulich habe man zwei Leute mit Hubschraubern suchen müssen, sagt er. Healy-Rae verlangt Steuergelder, um die fiese Pflanze zu bekämpfen.

Sein Bruder Danny beschäftigt sich mit einer Bodensenke in Kerry. Jedes Mal, wenn man sie ausgebessert hat, taucht sie wieder auf. Danny kennt den Grund: Es liege an den Forts der Feen. „Davon gibt es eine ganze Menge in der Gegend“, sagt er, „und ich weiß, dass sie untereinander verbunden sind.“ Am sichersten wäre es, die Straße zu verlegen. Er würde lieber verhungern, als ein Feenfort mit seinem Traktor platt zu machen, denn die Rache der kleinen Wesen wäre fürchterlich.

Riskanter also, als nach ein paar Bieren Auto zu fahren. „Die Landbevölkerung hat doch auch ein Recht auf Abwechslung“, sagt er. „Wissen die Regierenden in Dublin eigentlich, dass auf dem Land nachts keine Eisenbahn fährt?“ Deshalb sei man auf das Auto angewiesen.

Laut Statistik passieren aber elf Prozent der tödlichen Unfälle zwischen sieben und elf Uhr morgens. Liegt es daran, dass Wirte auf dem Land die Sperrstunde ignorieren und die Gäste bis zum Morgengrauen abfüllen? Danny Healy-Rae ist vor ein paar Jahren verurteilt worden, weil er in seiner Kneipe spät nachts Alkohol ausschenkte.

„In Kerry wählen wir Exzentriker ins Parlament“, sagt Karl. „Aber in meiner ehemaligen Heimat wählen sie Nazi-Arschlöcher für Deutschland in den Bundestag.“ Er sinniert: „Daraus kann man vermutlich über beide Länder etwas lernen.“

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc.

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