Fachkräftemangel im Badesektor

Flüchtlinge springen ins kalte Wasser

Qusay Alkhafaji und Yasar Alansari arbeiten als Rettungsschwimmer in Waldkirch. Trotz der Islamdebatten sind sie gern gesehen.

Sie haben sich angefreundet: Rettungsschwimmer Yasar Alansari (l.) und Qusay Alkhafaji (r.) Foto: Stefan Pangritz

WALDKIRCH taz | Qusay Alkhafaji steht auf dem Dreimeterturm im Freibad von Waldkirch. Er holt tief Luft. Der Blick auf den Schwarzwald, die grünen Berge. Von hier oben kann er den Frieden sehen. Er dreht sich um, schließt die Augen. Jetzt ist er wieder in Bagdad auf der As-Sarrafia-Brücke. Eine zerstörte Stadt. 55 Grad Hitze. Der Schweiß perlt von seiner Stirn in den Tigris. Mit an der Brücke stehen seine Frau und sein anderthalbjähriger Sohn. Dann der Sprung. Rückwärts. Ein Salto. Luft. Bilder rauschen an Qusay Alkhafaji vorbei. Die Übernachtfahrt mit dem Schlauchboot. Der Balkanmarsch. Ungewaschen. Das Ankommen in Deutschland.

Und dann:

Das eiskalte Wasser. Erleichterung. Viel kälter als der Tigris. Qusay Alkhafaji taucht auf. Im Freibad in Waldkirch. Vier Kinder sitzen auf der Bank neben dem Becken und klatschen. Etwas skeptisch, mit verschränkten Armen, steht Yasar Alansari daneben: „Immer die gleiche Show.“ Er nickt. Gleich geht ihre Schicht los. Yasar Alansari, 22 Jahre alt, und Qusay Alkhafaji, 27, sind beste Freunde und beide arbeiten in Waldkirch seit vier Wochen als Rettungsschwimmer.

Waldkirch, das ist eine kleine Stadt im Breisgau. Hier, rund zwanzig Minuten mit dem Zug von Freiburg, ist die Welt in Ordnung. Keine Arbeitslosigkeit, intaktes Kleinstadtleben mit belebter Fußgängerzone und gewachsener Nachbarschaft, die 21.000 Einwohner zählt. Das Freibad im Stadtteil Kollnau ist der neue Stolz. Früher gab es in Waldkirch sogar zwei Bäder. Die waren alt. Dann entschied man sich für eines mit modernstem Standard. Einziges Problem: ausgebildetes Personal finden, um das Bad zu betreiben.

Unbekanntes Fachvokabular

In Deutschlands 6.500 Bädern herrscht akuter Fachkräftemangel. Zu Beginn der Freibadsaison wurden 2.500 unbesetzte Stellen beklagt. Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) warnt vor schließenden Bädern und verkürzten Öffnungszeiten. Zudem könnten immer weniger Kinder schwimmen.

Als die Kanzlerin vor einem Jahr „Wir schaffen das“ ausrief, besänftigte sie den Wirtschaftsflügel der eigenen Partei mit dem Argument, man brauche Zuwanderung, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Kann die Lücke in den Schwimmbädern mit den neuen Einwohnern gefüllt werden?

Die Vermittlung in Waldkirch lief über den Deutschunterricht, den Yasar Alansari und Qusay Alkhafaji besuchten. Dort erzählten sie der Deutschlehrerin, dass sie gern schwimmen. Ein paar Wochen später landeten sie bei Gerhard Bienen, Vorsitzender der DLRG Waldkirch. Ein großer, kräftiger Herr mit leichtem Akzent: „Technisch haperte es, haben wir aber hinbekommen.“ Um als Rettungsschwimmer zu arbeiten, mussten die Flüchtlinge das Rettungsschwimmabzeichen absolvieren: 25 Meter tauchen, mit Kleidung schwimmen, Rücken, Kraulen, Erste-Hilfe-Kurs. Hinzu kam ein Theorietest, in dem es um das Verhalten im Freibad geht.

„Das war schwer. Wir kannten ja viele Begriffe gar nicht“, sagt Yasar Alansari, der vor zehn Monaten von Syrien nach Deutschland kam. Gerhard Bienen und andere paukten ehrenamtlich Vokabeln und Verhaltensregeln mit den Flüchtlingen.

Kein Burkini in Sicht

Natürlich gab es auch in Waldkirch Bedenken. Den ganzen Sommer über gab es deutschlandweit Meldungen von sexueller Belästigung in Freibädern. Die rechte Facebookseite „XY-Einzelfall“ listet 160 Vorfälle in diesem Jahr, von „üblen Sex-Attacken“ war in der Bild-Zeitung die Rede.

Zahlen gibt es bei den Bundesländern nur zu ausermittelten Fällen und die zeigen bundesweit keine Veränderung in Relation zu den Vorjahren. Und in Waldkirch? „Hatten wir noch nicht“, sagt Bademeister und Chef Dany Stephan. Auch einen Burkini hat er noch nicht gesichtet. Im nächsten Jahr wolle man eine Tafel mit Regeln aufstellen, auch auf Arabisch. Weil eben viele der Flüchtlinge noch nicht gut genug Deutsch können.

Dass hier vieles anders als im Heimatland läuft, sehen auch Yasar Alansari und Qusay Alkhafaji. Sowohl in Irak wie in Syrien werden Freibäder nicht gemischtgeschlechtlich geöffnet. Für beide war das anfangs neu, wie so vieles, was sie in Deutschland kennengelernt haben. Von der Pfandmaschine, den Brötchen, dem ganzen Papierkram bis zu den fehlenden Schüssen.

„Das war wie ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt Yasar Alansari. Er sitzt auf der Liegewiese und schaut umher. Ein älteres Pärchen in Badekleidung küsst sich. „Das ist verrückt“, er zieht die Augenbrauen hoch.

Ein Freund hat ihm erzählt, er habe ein Mädchen getroffen und das beim ersten Treffen geküsst. Das käme für ihn nicht in Frage. Regelmäßig telefoniert er mit seiner Mutter in Syrien, die fragt, ob er sich auch anständig benehme.

Perspektive: ungewiss

Yasar Alansari ist Alawit, wie auch der Diktator Syriens Baschar al-Assad. Die Religionsgemeinschaft gehört zur den eher liberalen Auslegungen im Islam. Der zurückhaltende Syrer trägt ein Tattoo am Oberarm und trinkt auch manchmal Alkohol. Der „Islamische Staat“ macht mit der Minderheit kurzen Prozess. Bis jetzt ist die Terrormiliz noch nicht bis zu seiner Heimatstadt Latakia vorgedrungen. Die Küstenstadt blieb vom Kriegsgrauen des Landes eher verschont, trotzdem massakrieren andere Dschihadisten und Rebellen Alawiten auch dort. Unbedingt will er im friedlichen Schwarzwald bleiben. Er denkt trotzdem viel an seine Heimat. „Erinnerungen sind das einzige Land, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“ Manchmal entsteht wahre Poesie aus seinem holprigen Deutsch.

Um in Deutschland anzukommen, strengt er sich an. Wochenlang ist er jeden Tag ins Freibad gegangen, um für die Prüfung zu trainieren. In Syrien hat er Marketing studiert, hier könnte er sich vorstellen, Physiotherapeut zu werden oder auch die dreijährige Ausbildung zum richtigen Schwimmmeister anzutreten. Doch noch ist die Perspektive ungewiss. Auch wenn bei seinem Hintergrund vieles dafür spricht, dass er bleiben kann, er hat noch keinen offiziellen Flüchtlingsstatus.

Bei Qusay Alkhafaji sieht es komplizierter aus. Auch seine Interviews für den offiziellen Flüchtlingsstatus stehen noch aus. Im Irak hat er eine Familie, die er nach Deutschland holen will. Auf seinem Handy gibt es einen Ordner mit Tausenden Fotos seines kleinen Sohns, den er noch nie persönlich gesehen hat. In Bagdad arbeitete er als Rechtsanwalt. Wenn er hier den Weg vom Abitur bis zum zweiten juristischen Staatsexamen gehen würde, wäre er bei Berufseinstieg weit über 30. Derzeit unvorstellbar für den jungen Vater.

Beide wollen jetzt erst mal Deutsch lernen und ihren Job so gut wie möglich machen. Noch bis Ende September hat das Bad geöffnet. Danach müssen sie überlegen, wie es weitergeht.

„Wir müssen auch mal rauswerfen“

Die beiden stehen am Rand des Nichtschwimmerbeckens. Geschreie, Geplansche. Ein Kind springt immer wieder vom Beckenrand. Yasar Alansari will nur verwarnen, der Jurist Qusay Alkhafaji ist strenger. „Wir müssen auch mal rauswerfen“, sagt er. „Die fragen dann immer, warum, und wir erklären.“ Wenn es dazu kommt, wird das mit dem Bademeister abgesprochen.

Yasar Alansari musste schon eine bewusstlose Rentnerin aus dem Wasser ziehen, da ging es gleich in den Erste-Hilfe-Raum. Ansonsten: Bienenstiche, Streitereien unter Jugendlichen, Rangeleien am Springturm – Tagesgeschäft. Viele der Badegäste kennen die neuen Rettungsschwimmer. Besonders Qusay Alkhafaji ist ein gesprächiger Typ, der im Freibad mit Sonnenbrille den Rentnern zuwinkt.

Beide fühlen sich im Breisgau absolut wohl, betonen sie immer wieder. Miles Burger und Pavelos Wacker, ebenfalls Rettungsschwimmer in Waldkirch, stehen gerade zwischen Abitur und Studium: „Die beiden haben sich schnell eingelebt.“ Das Arabisch sei hilfreich, sagen sie. Die Zahl der Flüchtlinge im Bad ist überschaubar, man nehme aber den anderen Badegästen die Angst vor den neuen Einwohnern. Auch zum Filmschauen haben sich die Rettungsschwimmer mit Yasar Alansari schon mal verabredet.

Keine Anfeindungen von rechts

Bei der Landtagswahl im März erreichte die AfD in Waldkirch zehn Prozent. Fünf Prozent weniger als das Gesamtergebnis in Baden-Württemberg. Yasar Alansari und Qusay Alkhafaji sagen, sie haben noch nie eine rechte Anfeindung erlebt.

Auch in ihrer Nachbarschaft gebe es keine Probleme. Yasar Alansari wohnt ein paar Orte entfernt, allein, Qusay Alkhafaji lebt in einem ehemaligen Hotel mit anderen Flüchtlingen.

Beide kennen ihre Nachbarn, und ihre Nachbarn kennen sie. Fallen sie einerseits im Kleinstadtleben auf, gibt es andererseits auch mehr Interesse, Teilnahme an ihrem Schicksal. Im Breisgau, den Ortschaften mit Einfamilienhäusern, Vorgärten und schicken Autos, grüßt man sich auf der Straße.

Wie fast jeden Abend sitzt Qusay Alkhafaji im Garten seiner Unterkunft. Die beiden Rettungsschwimmer rauchen Wasserpfeife und blicken auf die Kühe vor den dunkelgrünen Bergen des Schwarzwaldes. Die Sonne geht unter. „Da vorne. Noch vor den Kühen, da gibt es frische Milch“, zeigen sie. Mit einem Nachbarshund geht Qusay Alkhafaji abends am Waldrand gern spazieren. Sein Handy vibriert. Die Nachbarin Jessica hat geschrieben. Sie kommt öfter mal abends auf einen Tee vorbei und erzählt mit ihm und den anderen Flüchtlingen, was es Neues in der Nachbarschaft gibt.

Qusay Alkhafaji ist an diesem Abend mit seinem derzeitigen Leben zufrieden. „Nur mein Sohn und meine Frau müssen noch nach Hause kommen.“

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben