Hurrikan-Falschmeldungen via Twitter

Wirbel um Sandys Troll

Wegen Falschmeldungen über die Schäden des Hurrikans hat ein Republikaner seinen Wahlkampfleiter gefeuert. Die Empörung in New York ist groß.

Drollig: Die New Yorker ließen sich von den via Twitter gestreuten Fehlinformationen über den Sturm die Halloween-Nacht nicht verderben.   Bild: dpa

Er nannte sich auf Twitter ComfortablySmug – zu deutsch: behaglich arrogant. Doch mit der Behaglichkeit ist es für Shashank Tripathi vorbei. „Ich möchte den Menschen von New York eine ehrliche und tief empfundene Entschuldigung anbieten“, schreibt er in seiner vorerst letzten Nachricht auf Twitter. Seinen Job ist er los und jetzt wird sogar eine Anklage gegen ihn diskutiert.

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Was ist geschehen? Während der Sturm Sandy auf die Stadt zusteuerte und ganze Stadtviertel evakuiert wurden, hatte Tripathi unter dem Deckmantel der Anonymität auf Twitter immer wieder Falschmeldungen verbreitet, die die Situation immer noch etwas schlimmer schilderten, als sie tatsächlich war.

So meldete er, dass der Handelssaal der New Yorker Börse überflutet sei oder dass der Gouverneur von New York in Manhattan festsitze. Er verkündete auch, dass die E-Werke vorsichtshaber den Strom abschalten würden. An sich keine spektakulären Nachrichten, aber in der angespannten Erwartung der Naturkatastophe traf Tripathi einen Nerv.

Hunderte von Nutzer glaubten die Meldungen und verbreiteten sie weiter. Die Nachricht von der überfluteten Börse fand sogar ihren Weg in die Berichterstattung von Nachrichtensender CNN und dem Weather Channel.

Vom Reporter enttarnt

Das Glück wendete sich jedoch für Tripathi, als Reporter Jack Stuef dem Autoren der Falschmeldungen nachrecherchierte und ihn aufgrund der von ihm geposteten Fotos recht schnell als ehemaligen Hedgefonds-Analysten und obendrein als Leiter der Wahlkampagne eines Republikaners für das US-Repräsentantenhaus identifizierte.

Zunächst dachte Tripathi, dass seine Twitter-Scherze unbeschadet überstehen könne, verlangte sogar eine Entschuldigung für das Outing. Doch die mediale Empörung kochte schnell hoch, so dass sich der Chef Tripathis schnell von dem Kampagnenmanager distanzierte.

Ein New Yorker Stadtrat forderte gar die Staatsanwaltschaft auf, Ermittlungen gegen Twitter-Lügner einzuleiten. Doch dass Tripathi tatsächlich gegen das Gesetz verstoßen hat, ist unwahrscheinlich: direkte Folgen seiner Falschmeldungen sind nicht bekannt und Lügen an sich ist keine Straftat – zumindest nicht in den USA. In Großbritannien hingegen klagen Staatsanwälte derzeit immer wieder vermeintliche Trolle an, weil sie geschmacklose Scherze machten.

Mit Lügengeschichten profiliert

Tripathi war bei weitem nicht der einzige, der den Sturm nutzte, um sich mit Lügengeschichten zu profilieren. In den sozialen Medien war geradezu ein Wettbewerb ausgebrochen, wer die schlimmsten Katastrophen-Bilder posten konnte. Reuters-Mitarbeiter Jack Shafer spricht von Desaster-Pornos. Dabei waren viele der am meisten verbreiteten Bilder falsch oder zeigten Szenen, die nichts mit Sandy zu tun hatte.

Eine normale Gewitterwolke über New York sieht zuweilen imposanter aus als ein ausgewachsener Sturm. Besonders lehrreich scheinen Tripathis 15 Minuten Ruhm für die Medien nicht gewesen zu sein. So beschwert sich auf der Plattform LinkedIn ein gleichnamiges Mitglied darüber, dass sein Profil von Medien wie Yahoo News und Forbes als das des echten Übeltäters verlinkt worden sei: „Ich danke für die ganze Google-Aufmerksamkeit, aber ich bin erschüttert darüber, was heutzutage als Journalismus verkauft wird.“

 

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