Interview: Jean-Claude Ndjakanyi

"Wie in einem schlechten Krimi"

Jean-Claude Ndjakanyi, Anwalt des ermordeten Menschenrechtlers Floribert Chebeya in der Demokratischen Republik Kongo, enthüllt die Hintergründe des Mordes.

Engagiert bis zum Schluß: Der kongolesische Menschenrechtsaktivist Floribert Chebeya auf einem Seminar in Kinshasa im Januar dieses Jahres.  Bild: ap

taz: Herr Ndjakanyi, Sie waren ein persönlicher Freund des ermordeten Floribert Chebeya und Rechtsanwalt seiner Menschenrechtsvereinigung Voix des Sans-Voix. Nun sind Sie in Belgien und sagen, Sie werden bedroht. Was ist geschehen?

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Jean-Claude Ndjakanyi: Eine afrikanische Frau rief mich an und sagte, "sie" hätten erreicht, was sie wollten, aber jetzt sei ich dran. Sie sprach wie in einem schlechten Krimi, wo man anonym anruft und sagt: "Jetzt sind Sie dran."

Und warum sind Sie dran?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anwalt der Menschenrechtsvereinigung "Voix des Sans-Voix" in Brüssel. Vertritt auch die laufende Rassismusklage gegen den Comic "Tintin im Kongo"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Floribert war im März in Belgien, und wir haben über die Massaker gesprochen, die Kongos Sicherheitskräfte 2007 und 2008 in der Provinz Bas-Congo begingen. Ich bat ihn, mir seine Unterlagen zu schicken, damit ich in Belgien Klage gegen Innenminister Denis Kalume, gegen Polizeichef John Numbi und gegen den Bas-Congo-Polizeichef Shalwe Ruashi Raus einreichen kann. Diese Klage war in Arbeit, als Floribert getötet wurde. Ich habe sie am 5. Juni eingereicht und mich am 10. Juni im Namen von VSV als Nebenkläger konstituiert, denn das war Floriberts Wille vor seinem Tod. Die juristische Basis ist das belgische Prinzip der universellen Jurisdiktion. Shalwe besitzt die belgische Staatsbürgerschaft. Wenn ein Mitglied einer Tätergruppe Belgier ist, kann die belgische Justiz die gesamte Gruppe verfolgen.

Nun hat Kongos Regierung wegen der Ermordung Chebeyas mehrere hohe Polizeibeamte suspendiert, darunter Polizeichef Numbi, und einige festgenommen. Was sagen Sie dazu?

Ich bin etwas erstaunt. Erst fand man in Floriberts Auto angeblich Kondome und Frauenhaare, man wollte sein Andenken beschmutzen. Manche Medien schrieben sogar von einem natürlichen Tod. Wenige Tage später sagt die Staatsanwaltschaft, es war Mord, und dann sagt Regierungssprecher Lambert Mende, es war Totschlag. Das ist alles problematisch. Zum Zweiten ist Chebeyas Fahrer noch immer spurlos verschwunden. Man weiß noch immer nicht, unter welchen Umständen Chebeya ermordet wurde. Ich weise darauf hin, dass es in einer Polizeistelle geschah. Das ist ein erschwerender Umstand. Wir fordern eine internationale Untersuchungskommission.

Was sind die Lücken in der kongolesischen Untersuchung?

Wenn man eine Leiche findet, muss die Staatsanwaltschaft Indizien sammeln, den Tatort besichtigen und die materiellen Beweise dem Untersuchungsrichter vorlegen. Aber im Falle Floribert hat die Polizei einfach die Leiche mitgenommen und in eine Leichenhalle gebracht. Und die Polizisten, die Geständnisse abgeliefert haben, tun dies nicht gegenüber dem Untersuchungsrichter, sondern gegenüber Präsident Kabilas Sicherheitsberater Pierre Numbi. Wir haben keine Garantie, dass die Präsidentschaft neutral in dieser Sache ist; sie könnte ja beteiligt sein.

Wie beteiligt?

Laut den vorliegenden Polizeigeständnissen gab Polizeichef John Numbi den Befehl zum Mord an Floribert Chebeya mit Billigung von höchster Stelle.

Also vom Innenminister?

Die höchste Stelle im Kongo ist der Präsident.

Chebeyas Freunde wollten ihn ursprünglich am 30. Juni beisetzen, wenn Kongo 50 Jahre Unabhängigkeit feiert. Ist das keine Provokation?

Ich weiß nicht, wer hier wen provoziert. Chebeya wurde ermordet, weil er für eine gerechte Sache eintrat, nämlich Freiheit für dieses Land, und das beste Datum, um dessen zu gedenken, ist der Unabhängigkeitstag, wo wir uns alle daran erinnern, wie wir vom Kolonialismus befreit wurden und sagen durften, was wir dachten. Wir haben das Datum nicht als Provokation gewählt. Diejenigen, die ihn ermordet haben, sind die Provokateure.

Aber die Behörden haben das nicht zugelassen.

Sie haben sogar der Leichenhalle vom Krankenhaus Mama Yeko, wo er lag, den Strom abgeschnitten, damit Floribert schneller verwest und man ihn am 26. Juni begraben musste. Was für ein Zynismus! Die Präsidialgarde hat die Leichenhalle besetzt, tagelang durfte die Familie nur das Gesicht sehen, mit Blut an Nase, Ohren und Mund.

In dieser Stimmung soll Belgiens König zum 30. Juni nach Kinshasa fahren …

Ich weiß nicht, was der König vorhat. Sicherlich wird er den Mördern die Hände schütteln. Aber es gäbe etwas anderes. Wir haben einen Kranz gekauft, und wenn Belgiens König auf der Seite des Volkes stehen will, sollte er diesen Kranz auf Floribert Chebeyas Grab legen.

 

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