Kulturelle Aneignung beim ESC

Einmal Exotik zum Anziehen, bitte

Kulturelle Aneignung ist eine rassistische Praxis. Warum ist es dennoch so schwer, kritische Haltungen zum Thema zu entwickeln?

Sechs Frauen tragen verschiedenfarbige chinesische Seidenkleider und halten Fächer

Mehr als Mode: Der Qipao ist Teil kultureller Identität – und die lässt sich nicht so einfach ablegen Foto: reuters

BERLIN taz | In meinem Kleiderschrank hängt ein seidener Qipao. Das traditionelle chinesische Kleidungsstück mit Schlitzen an den Seiten, dem schmalen Stehkragen und den runden Stoffknöpfen, die man mit etwas Geschick durch die Schlaufen auf der gegenüberliegenden Seite drücken muss. Mein Qipao ist schwer, er ist ein Erbstück. Eingenäht in der Nackenpartie verblasst das Markenschildchen einer Seidenfabrik aus Schanghai.

Netta Barzilai trägt während ihres Auftritts beim diesjährigen Eurovision Song Contest keinen Qipao, sondern ein Gewand, das einem japanischen Kimono ähnelt. Nach der Show gerät sie in die Kritik: Sie habe sich der kulturellen Aneignung schuldig gemacht, indem sie vor dem Hintergrund goldener Winkekatzen, mit stigmatisierendem Make-Up und ihrer exotisierenden Kleiderwahl performt habe.

Natürlich bleibt dieser Aufschrei nicht unwidersprochen. Netta ist die ideale Sympathieträgerin unserer Zeit. Ihr Song „Toy“ und ihre unangepasste Haltung haben eine feministische Botschaft. Vor dem ESC wurde die israelische Sängerin zudem selbst Opfer einer homophoben und antisemitischen Boykottkampagne, was ihren Sieg politisch und gesellschaftlich noch wichtiger macht.

Kritiker*innen von Barzilais Performance wird vorgeworfen, auf Biegen und Brechen etwas Faules an der glänzenden Gewinnerin zu suchen. Aber Showbusiness hin oder her, es ist berechtigt zu fragen: Warum musste Barzilais Auftritt in die Asia-Klischeebox getunkt werden? Und warum löst allein der Verweis auf kulturelle Aneignung solche Gegenwehr aus?

Eine Antwort auf die erste Frage lautet: Exotism sells. Im Falle der „asiatischen Exotisierung“ läuft dieser Slogan im gleichen Programm wie unser aller Faible für sexualisierende Inhalte. Das sexualisiernde Bild der asiatischen Frau wurde im Westen über Jahrhunderte hinweg gehegt und gepflegt. Giacomo Puccinis Oper Madame Butterfly ist ein prominentes Beispiel für die gleichzeitige Faszination und Verzerrung von „der Asiatin“ auf der Bühne. Auch asiatische Frauenfiguren in Hollywoodfilmen entsprechen meist entweder dem Klischee der unterwürfigen Liebhaberin, der schüchternen Streberin oder einer Tiger-Mom-Domina. Obwohl es im Fall von Barzilais ESC-Auftritt vermutlich nicht um die Reproduktion dieser Bilder ging, so taugte das Japan-Setting doch zumindest als andersartige Kulisse.

Der Unterschied zwischen Austausch und Ausbeutung

Mit der Frage nach der Abwehrhaltung ist es komplizierter, wie so oft, wenn der moralische Zeigefinger ins Spiel kommt. Gerade weil Menschen einordnen, zuordnen und vorverurteilen, ist es schwer, eine Haltung zum Thema der kulturellen Aneignung zu entwickeln.

Kulturellen Austausch und somit auch den Handel mit und die Weitergabe von kulturraumtypischen Objekten hat es schon immer gegeben. Das ist jedoch nie im luftleeren Raum geschehen, sondern im Kontext von Kolonialherrschaft, (Kultur-)Imperialismus und den impliziten ungleichen Machtverhältnissen – der „Austausch“ ist daher im Kern kein Austausch, sondern oft gewaltsame Ausbeutung. Die Mächtigen nehmen und entscheiden in der Regel einseitig darüber ob sie im Gegenzug etwas dafür geben wollen, und falls ja, was.

Kulturelle Aneignung bedeutet daher nicht, auf gleichberechtiger Ebene ein spezifisches Gut auszutauschen und gleichermaßen dessen Wert und Herkunft zu schätzen. Sie bedeutet: Wir nehmen etwas, das uns nicht gehört, verarbeiten es weiter, deuten es um. Dieses Privileg ist nicht allen vorbehalten.

Materielles und geistiges Eigentum darf entweder gar nicht oder nur unter gewissen Bedingungen vervielfältigt, verändert oder zu kommerziellen Zwecken genutzt werden. Auf Identitäten lässt sich diese Logik nicht übertragen, weil sie – glücklicherweise – immer fluider und vielfältiger werden. Meinen Qipao trage ich selten, was weniger der Tatsache geschuldet ist, dass er kaum alltagspraktikabel ist. Vielmehr widerstrebt es mir, mich in ein Stück Stoff zu kleiden, das mich als „irgendwie asiatisch“ markiert und damit einen Teil von mir extrem verzerrt und vereinfacht.

Kein bloßes Rede- und Verhaltensverbot

Im konkreten Fall von Netta Barzilai geht es indes nicht darum, dass sie als Weiße keinen Kimono tragen darf. Diese zu kurz gedachte Deutung hält sich in Antirassismusdebatten hartnäckig. In den USA wurden unter anderem Beyoncé, Rihanna und Selena Gomez dafür kritisiert, sich mit Auftritten in traditionellen Kleidungsstücken fremde Kulturgüter angeeignet und Stereotype reproduziert zu haben.

Natürlich tragen Asiat*innen auch Jeans und auch nicht-weiße Menschen können rassistisch handeln. Dennoch ist das nicht das gleiche, wie aus einer herrschenden Position heraus Minderheiten zu karikieren und sich über Objekte und Kleidung ungefragt Bestandteile ihrer kulturellen Identität anzueignen. Dieser Kontext ist entscheidend: Marginalisierte können sich in der Regel nicht aussuchen, welchen Teil ihrer Identität sie tragen wollen. Ein angeblich an der Hautfarbe erkennbarer Migrationshintergrund lässt sich nicht ablegen wie ein Kostüm.

Bezeichnend am Auftritt der ESC-Gewinnerin war letztlich nicht die Show an sich, sondern der Umgang mit den kritischen Reaktionen darauf. Warum erkennen wir es nicht an, wenn eingedampfte Asienreferenzen Betroffene wütend machen und verletzen? Wie enttarnen wir rassistische Strategien, die kritischen Stimmen unterstellen, sie würden persönliche Freiheiten durch Rede- und Verhaltensverbote beschneiden wollen? Die Frage lautet nicht, ob die Debatte über kulturelle Aneignung Sinn macht, sondern wie.

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