Laurie Anderson in der Elbphilharmonie

Heitere Avantgardistin

US-Künstlerin Laurie Anderson bespielt für einige Tage die Hamburger Elbphilharmonie. Zum Auftakt gab es tibetische Lieder – ohne viel Exotik.

Laurie Anderson mit E-Geige

Lange vor der E-Zigarette hatte die Künstlerin Laurie Anderson schon eine E-Geige Foto: Peter Hundert Photography/Elbphilharmonie Hamburg

Der Hausherr wirkte milde aufgeregt. Als er mit Laurie Anderson vor die örtliche Presse trat, erzählte Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Hamburger Elbphilharmonie, vom ersten Mal, dass er die New Yorkerin auftreten sah: In den frühen 1980ern war das, in Wien, „O Superman“ war noch nicht lange erschienen und Lieben-Seutter möglicherweise noch in der Schule. Beim Erinnern nun versprühte er noch etwas mehr von diesem stets so merklichen Jungenhaften – da tat einer nicht nur begeistert, er schien’s wirklich zu sein.

Begeisterung aber versprühte auch die Künstlerin: Das war am Freitag vergangener Woche – und Anderson gerade aus London eingetroffen, wo sie mit Brian Eno gearbeitet habe. Dieser sei geradezu neidisch gewesen auf das, was sie nun nach Hamburg führte: „Reflektor“ heißt das Format, bei dem sich ein Künstler ein paar Tage lang in dem Konzerthaus ausleben darf; beziehungsweise, in Andersons Fall, erstmals eine Künstlerin. Für „die Frau mit der elektrischen Geige und dem Vocoder“ nun ist der Konzertsaal wirklich nur ein möglicher Rahmen.

Die inzwischen 71-Jährige war anfangs Bildhauerin, auch davon erzählte sie nun und dass sie dort Wesentliches gelernt habe. Sie war Teil jener hochgradig prekären spezifisch New Yorker Abbruchhauskunstlandschaft, lange bevor das Geld zurückkehrte nach Manhattan, ironischerweise ja gerade auch der Kunst folgend.

Geschichtenerzählerin, gerne auch politisch grundiert

Einen längeren Film hat sie gemacht, vor ein paar Jahren, „Heart of a Dog“, der nun auch zweimal aufgeführt wird. Sie schreibt, für verschiedenste Anwendungen, bezeichnet sich überhaupt als Geschichtenerzählerin, gerne auch politisch grundiert; sie hat aber immer wieder auch technische Gerätschaften mitentwickelt, die sie brauchte für ihre Arbeit – die es aber schlicht nicht gab.

Bekannt geworden aber, mit allen Einschränkungen, die das in ihrem Fall bedeutet, ist Anderson durch ihre Musik: Mit der absurd wenig den Popsong­regeln folgenden Single „O Superman“ hatte sie es 1982 nach ganz oben in die britischen Popcharts geschafft; sein Einsatz unlängst in der TV-Serie „Black Mirror“ mag das Stück für noch mal ganz andere Generationen erschlossen haben.

Soeben erst kam dann auch noch ein Klassik-Grammy ins Haus, für ein nicht mal ganz frisches Album, das Anderson mit dem Kronos Quartet aufgenommen hat: „Landfall“ handelte vom Klimawandel und seinen mörderischen Folgen. Von dem ist längst ja sogar New York City betroffen, und wenn Anderson vor einem Jahr ein dickes Buch „All the Things That I Lost in the Flood“ betitelte, dann hatte das einen ganz realen Hintergrund: Als der Hurrikan „Sandy“ kam, hatte ihr der Atlantik wirklich allerlei eingelagerte Materialien geraubt.

Ein Geist zu Gast in der Elbphilharmonie

Verlust, gerade auch der durch den Tod verursachte, das ist ein großes Thema in Andersons jüngerer Arbeit. Die Versuchung könnte groß sein, das vor allem zurückzuführen auf den Tod ihres Mannes, den 2013 verstorbenen Musiker Lou Reed. Dessen Geist, könnte man sagen, ist mit zu Gast in der Elbphilharmonie: Zum einen kommen in der Feedback-Installation „Listen Behind You“ zwei Tage lang ein halbes Dutzend seiner Gitarren zum Einsatz; dabei könne es etwas lauter werden, teilt das Haus mit, das Ohren schonende Stöpsel verteilen will.

Verlust, gerade auch der durch den Tod verursachte, das ist ein großes Thema in Andersons jüngerer Arbeit

Und für den letzten Abend von Andersons „Reflektor“-Kuratel, den Donnerstag, ist das Stück „Here Comes the Ocean“ angekündigt, in dem zweierlei Ozeanisches zusammenfindet, also die ganz reale Flut und die metaphorische, der Ocean of Lärm.

Eröffnet hat Anderson ihr Gastspiel am Montag mit einem vergleichsweise intimen Abend, der „Songs“ im Titel trug, aber weit entfernt war vom (Kunst-)Lied, für das sich das örtliche Klassikpublikum stets erwärmen kann: In „Songs from the Bardo“ steckt „Bardo“, im tibetischen Buddhismus verstanden als das Dazwischen oder auch der Übergang – zwischen dem einen Leben und einem kommenden. Auch da gab es, neben dem tibetischen Gesang von Tenzin Choegyal, Drones zu hören: stehendes, beinahe mikro­tonales Klanggeschehen, auf ganz andere Weise erzeugt, als Reed es mit seinen Feedbacks tat.

Leicht und heiter

Inhaltlich ist der Abend eine Art Durchdeklinieren von Trauer – beziehungsweise Nichttrauer: Ja, da ist etwas zu Ende gegangen, aber daran festzuhalten wäre falsch. Klingt fernöstlich? Anderson ist bekennende Buddhistin, sagt gerne Dinge wie: Künstlerin sein und Buddhistin, das ist eigentlich ein und dasselbe. Was bei manch anderem aufs Schlechteste esoterisch wirken könnte, missionarisch gar: Bei Anderson kommt’s leicht daher, heiter und mit sich im Reinen.

Und auch wenn Anderson ausdrücklich niemand sein will, der „seine Hits spielt“: Es gab am Montag Momente, wenn sie ihre markante Sprechstimme in Richtung Keller modulierte, ein Verfahren, das sie „Audio Drag“ genannt hat, da konnte man sich erinnert fühlen an damals, an „O Superman“.

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