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Leistungsideologie im GolfAb zum medizinischen Boxenstopp

Matsch und Wind verhindern das Golfen? Dann eben die Leistungsreserven analysieren und Baustellen angehen. Auch Gol­fe­rIn­nen sind jetzt Maschinen.

N un also auch wir Golferinnen und Golfer. Wir erklären uns zu Maschinen. Respektive bekommen wir gesagt, welche zu sein. Das Golfmagazin, eine Fachpublikation aus Oberhaching, geht voran: Jetzt, wo die Plätze Winterschlaf halten, wenn Matsch und Wind das Spiel verhindern, bräuchten wir den „Boxenstopp für Körper & Kopf“. Denn: Diese Jahreszeit biete doch „ideale Voraussetzungen, um körperliche Baustellen anzugehen, Leistungsreserven zu analysieren und langfristig in die eigene Spielfähigkeit zu investieren“.

Es gebe dafür Kliniken mit „High-End-Diagnostik“ und „konkreten Handlungsoptionen für Training, Alltag und Langlebigkeit“. Ab mit uns also zum medizinischen Boxenstopp. Reifen- und Ölwechsel machen lassen, Lackschäden ausbessern. Her mit der TÜV-Platte für die neue Saison. Nicht dass wir vorzeitig auf einem Schrottplatz landen und auf die Himmelswelten hoffen, wo es aber womöglich gar keine Golfplätze gibt.

Die Begriffe passen zu Fußballspielern, die lange schon zu Automobilen geworden sind, wie wir ReporterInnen immer wieder erzählen. Die Kicker müssten „mehr Gas geben“ und „im Rückspiegel auf Gegner aufpassen“, dann „endlich die Handbremse lösen“, danach „einen Gang höher schalten“. Autosprech, als hätten die Aktiven ein Verbrenneraggregat inside. „Jetzt muss er auf die Überholspur kommen.“ Wer schwächelt, möge „Energie nachtanken“. Und dann bitte „den Turbo einschalten“. Alles tausendfach schon gehört. Und wir haben uns auch schon selbst zum Selbstbeweger erklärt: „Wo stehst du?“, fragt jemand den Autofahrer zur Begrüßung. Antwort: „Ich steh' da drüben.“

Jetzt also Golf. Einfach spielen, für Spaß und Plaisier? Nein, das Golfmagazin empfiehlt den „kompakten Gesundheits-Check über medizinische Retreats bis hin zu neuen Erkenntnissen aus Muskel-, Rücken- und Gehirnforschung“. Ganzkörper-Inspektion also. Zu stärken sei etwa das vegetative Nervensystem, „unser körpereigenes Gaspedal“. Das innere Automobil möge man dabei strategisch angehen wie einen Wirtschaftsbetrieb: „Wer jetzt klug investiert, startet auch nachhaltiger in die neue Saison.“

Mehr Greenwashing geht kaum

„Nachhaltig“, hier sogar gesteigert zu nachhaltiger, ist besonders wichtig: Nachhaltig als Zauberwort unserer Zeit, mit dem man alles verkaufen kann. Greenwashiger geht kaum. Früher sollten Reinigungsmittel ein Produkt nicht nur sauber, sondern rein waschen. Heute wäscht „nachhaltig“ alles nachhaltig wie nichts.

Das Golfblatt preist einzelne Privatspitäler als Boxenstopps an, als wären es Anzeigen. Das Buff Medical Resort in Konstanz, stellt ein Redaktionstester fest, biete „Auszeit in neuer Dimension“, etwa „die Spiroergometrie mit VO₂max-Messung – ein Goldstandard der Leistungsdiagnostik, den ich bislang nur aus dem Profisport kannte“. Ob der Drive dann präziser kommt? Wichtiger: Das Muskeldysbalancen-Profil könne „frühzeitig Hinweise auf degenerative Erkrankungen wie Demenz geben“.

Ja, GolferInnen erkranken seltener und später an Demenz, das ist bekannt. Hurra! Ob das aber wirklich an Golf selbst liegt oder an anderen Faktoren wie Sozialdasein oder Ernährung, weiß man nicht. Beworben wird auch die Tagesklinik Years Medical Center in Berlin, gelegen am Ku’damm, die als Start-up (auch ein wichtiges Modewort) „Check-up mit Tiefgang“ bietet. Der Tester stellte zudem fest, „dass sämtliche Untersuchungen konsequent auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Studien basieren“, alles „durchweg state of the art“.

Kann man bei den Kosten des Boxenstopps auch erwarten. „Das umfangreiche Ultimate-Paket“ schlage mit „rund 16.000 Euro“ zu Buche. Kassenleistung? Leider nicht mal für Privatversicherte; nur auf Antrag könnten Teile bezuschusst werden, heißt es. Klingt sehr verlockend. Ich werde dennoch verzichten, weil mir die private Krankenversicherung fehlt, die auch einen homöopathischen Anteil ablehnen könnte. Und Ku’damm ist auch doof. Vielleicht geht der nächste Put auch so gleich rein.

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Bernd Müllender

Bernd Müllender

Sohn des Ruhrgebiets, Jahrgang 1956, erfolgreich abgebrochenes VWL- und Publizistikstudium, schreibe seit 1984 für die taz – über Fußball, Golf, Hambacher Wald, Verkehrspolitik, mein heimliches Lieblingsland Belgien und andere wichtige Dinge. Lebe und arbeite als leidenschaftlich autoloser Radfahrer in Aachen. Seit 2021 organisiere und begleite ich taz-LeserInnenreisen hierher in die Euregio Maas/Rhein, in die Nordeifel und nach Belgien inkl. Brüssel. Bücher zuletzt: "Die Zahl 38.185" - Ein Fahrradroman zur Verkehrswende (2021). "Ach, Aachen!" - Textsammlung aus einer manchmal seltsamen Stadt (2022).
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