Maurice Summen über sein neues Album

„Ich bin lieber Strauchdieb“

Der Berliner Musiker und Labelchef Maurice Summen über eine Kindheit an der deutsch-holländischen Grenze, US-Soulmusik und sein neues Album „Bmerica“.

Maurice Summen macht Faxen hinterm Mischpult, um ihn herum weitere Menschen

Tick, tack! Foto: Gabriele Summen

Maurice Summen steckt mitten in den Proben zur Tour seines neuen Projekts Maurice & die Familie Summen. In großer Besetzung mit befreundeten Musikern hat er ein neues Album namens „Bmerica“ eingespielt. Ein bunter Strauß an funkigen Songs, arrangiert vom Keyboarder Michael Mühlhaus. Die Musik klingt selbst dort gutgelaunt, wo Summen von nicht immer ermunternden gesellschaftlichen Stimmungen singt. Von „traurigen Gesichtern“, von der Kommerzialisierung, die nichts gekostet hat, und von der alten Zeit, die der 43-Jährige zurückhaben will, bis ihm Kollege Kryptik Joe (Deichkind) widerspricht. Als Sänger verwandelt sich Summen dabei in eine erstaunliche Mischung aus seinem Vornamensvetter Maurice White von Earth, Wind & Fire und Bernd Begemann. Wie sein Weg bis „Bmerica“ war, erklärt der Musiker, Radiomoderator und Labelbetreiber bei Kaffee in der Küche seines Büros in Berlin-Prenzlauer Berg.

taz: Maurice Summen, Sie sind geboren in Stadtlohn im Münsterland, wo Sie auch in den siebziger und achtziger Jahren aufgewachsen sind. Beschreiben Sie bitte Ihren Geburtsort?

Maurice Summen:Stadtlohn ist eine Töpferstadt in ländlicher Umgebung. Die nördlichste Enklave des Katholizismus in Deutschland. In meiner Kindheit ging von den 17.000 Einwohnern der größte Teil in der einzigen Möbelfabrik am Ort arbeiten. Deren Vorfahren wiederum hatten während des Dreißigjährigen Krieges ihren Glauben mit der Forke in der Hand verteidigt.

Hat Ihnen an der Atmosphäre in der Provinz etwas gefallen?

Die Plattensammlung meiner Eltern! Sie waren Fans von Marvin Gaye und anderen Künstlern des Soullabels Motown, außerdem hatten sie Alben von Sly & the Family Stone und Roxy Music. Ich profitierte auch davon, dass wir gerade fünf Kilometer von der holländischen Grenze entfernt wohnten. Denn direkt dahinter hatte sich im Grenzgebiet eine Importkultur für Popmusik entwickelt und mit ihr entstanden Clubs, in denen diese Musik lief.

Mein Vater schlug sich in Holland als DJ für Soul und Funk durch, nachdem er sich vorher in einer Beat­band ausprobiert hatte. Er spielte mir oft Songs vor, nahm Radiosendungen für mich auf und fuhr mit mir zu den Plattenläden. Und als ich ein bisschen älter war, hat er mich in den Läden abgesetzt und nach ein paar Stunden wieder abgeholt. Zwischen meinen Eltern und mir begann eine Unterhaltung über Musik, die im Grunde nie aufgehört hat. Deswegen kam es selten zu Konflikten. Das gehört zu meinen Kindheitserfahrungen: Musik ist unendlicher Dialog.

Und der hat sich in der Jugend fortgesetzt?

Ja, zum Beispiel in den Räumen von Schützenvereinen. Die konnten Privatleute mieten, um sogenannte „Frei-saufen-Partys“ zu veranstalten. Der Eintritt betrug zehn D-Mark, Getränke waren umsonst. Das zog viele an, die sich kaum für Popmusik interessierten. Am Rand trieben sich ein paar versprengte Psychobilly-Fans herum, die mich auf die Bands The Legendary Stardust Cowboy und die Cramps brachten. Über sie lernte ich die daran angeschlossene, interessante, merkwürdige Welt aus B-Movies und Trash-Obskuritäten kennen.

Wann fingen Sie selbst mit Musikmachen an?

Mit 14. Da bin ich den Mitgliedern meiner späteren Band Die Türen begegnet. Sei es, weil der eine ein Band-T-Shirt trug, der andere eine etwas coolere Frisur und Doc-Martens-Stiefel hatte. Wir standen gemeinsam auf dem Schulhof, hingen nach dem Unterricht in Parks ab und sind schließlich im Übungsraum gelandet.

Wussten Sie, was Sie nach der Schule machen wollten?

Ich hatte keinen blassen Schimmer. Die einen fingen an, wie das so hieß, „irgendwas mit Medien“ zu studieren. Die anderen schrieben sich pro forma ein, hielten sich aber eher selten in der Universität auf. Ich ging nach Oberhausen und wurde „Floorwalker“ eines Plattenladens in einer schrecklichen Shopping-Mall.

Maurice & die Familie Summen: „Bmerica“ (Staatsakt/Caroline International/Universal)

Live: 25. 10. und 26. 10., Golden Pudel Club, Hamburg; 27. 10., Festsaal Kreuzberg, Berlin

Was macht ein Floorwalker?

Er hört sich die Fragen der Kunden an: „Am Samstag lief ein Lied bei ‚Geld oder Liebe‘, das klang ganz toll. Von wem war das?“ Das musste ich dann rausfinden. Oder eine Kundin sagte: „Ich brauche ein Geschenk.“ Dann sollte ich sie musikalisch beraten. Meine Aufgabe war im Großen und Ganzen okay.

Oberhausen war nicht gerade die große, weite Welt, oder?

Nein, irgendwann entwarf ich einen Plan A und einen Plan B. Plan B sah vor, dass, wenn alle Stricke reißen würden, ich Bibliothekar werden könnte. Deshalb begann ich ein Studium in Köln und jobbte nebenbei im MAZ-Archiv des WDR. Beides zusammen stellte sich als so arbeitsintensiv heraus, dass für Plan A – Musikmachen – keine Zeit mehr übrig blieb.

Und da versprach der Umzug nach Berlin die Lösung?

Ja, der bot sich an, weil meine Freunde Ramin Bijan und Gunther Osburg bereits in Berlin wohnten. Ich bin ihnen hinterhergezogen, und auf einmal ging alles sehr schnell. Das Debütalbum meiner Band Die Türen wurde fertig, die Produktmanagerin Myriam Brüger gab uns einen Crashkurs in Labelkunde, bis Osburg und ich eine eigene Plattenfirma namens Staatsakt gründeten. Meine Selbstzweifel nagten weniger, manche Fragen drängten sich nicht mehr so stark auf.

geboren 1974 in Stadtlohn, lebt heute in Berlin und ist ein deutscher Musiker, Musikverleger, freier A&R, Autor und Journalist. Er ist Sänger der Rockgruppe „Die Türen“ und betreibt das Label Staatsakt. Seit Mai 2017 moderiert er neben Bela B., Flake und Francoise Cactus einmal im Monat die Radiosendung "Die Sendung" auf Radio Eins. Am 28. Juli 2017 erschien mit "Zeit Zurück" die erste Single aus dem Solo-Album "Bmerica" unter dem Namen Maurice & Die Familie Summen. Als Gast rapt Kryptik Joe von der Gruppe Deichkind.

Welche Frage war denn für Sie am drängendsten?

Warum kann ich mich nicht mit einem normalen bürgerlichen Lebensmodell arrangieren? Und wenn nicht, gerate ich dadurch auf die schiefe Bahn?

Das ist ja gerade noch mal gut gegangen! Aber warum heißt Ihr Label ausgerechnet „Staatsakt“?

Weil ich mal in einer S-Bahn im Ruhrgebiet saß, als ein Kontrolleur eine ältere Dame angesprochen hatte. Sie fuhr ohne gültiges Ticket oder sie konnte es gerade nicht finden. Der Kontrolleur legte sich mächtig ins Zeug und verlangte ihre Papiere. Sie sagte nur: „Jetzt machen Sie mal keinen Staatsakt daraus.“ Das ist bei mir als geflügeltes Wort hängen geblieben. Auch, weil Staatsakt auffällig viele ts und as enthält, genau wie Ata Tak, der Name meines Lieblingslabels aus Düsseldorf.

Eine Frage zu Ihrem Album „Bmerica“: Machen Sie es sich damit nicht zu leicht? Ziehen Sie mit Ihrer Anverwandlung von Funk und Soul eine Show ab, bei der Sie so tun, als könnten Sie etwas, was James Brown viel besser konnte?

Sie können mich dafür anmaßend finden! Von den Epochen, auf die ich mich beziehe, habe ich keine selbst erlebt und von den kulturellen Erfindungen, die ich nutze, habe ich nicht eine einzige selbst erfunden. Musikmachen lässt mir streng genommen nur eine Wahl. Entweder begehe ich kulturellen Diebstahl und schände Denkmäler oder ich spiele ausschließlich in werkgetreuen Coverbands und verehre in ehrfurchtsvollem Schweigen die Klassiker. Da bin ich lieber Strauchdieb und Schänder. So, genug gelabert, jetzt muss ich ganz dringend ein paar Mails schreiben und sofort nach Kreuzberg in den Übungsraum.

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