Nackte Oberkörper

Zieht euch was an!

Am Strand – okay. Aber im Supermarkt vor der Fleischtheke? Nackte männliche Oberkörper sind eine reine Machtdemonstration.

Ein junger Mann mit Latzhose und nacktem, tätowiertem Oberkörper

Das Können allein erzeugt noch keine Berechtigung, etwas auch zu tun Foto: Mean Shadows/Unsplash

Es gibt zivilisatorische Errungenschaften, die sollten wir nicht einfach so aufgeben. Völlig unverständlich ist es etwa, dass immer noch Menschen mampfend durch die Gegend laufen, wo doch der Tisch oder tischartige Möbel längst erfunden wurden, an denen man sich – am besten auch noch in Gesellschaft – niederlassen kann, um sich in Ruhe zu stärken.

Genau diesem Problem haben wir uns schon vor Jahren am Beispiel des Wraps gewidmet, also jenes massenhaft vor allem an Bahnhöfen oder anderen Knotenpunkten unserer mobilen Gesellschaft ausliegenden Teigfladens mit Füllung („Das obere Ende der Wickel“, taz vom 21. Januar 2012), den sich die Gehetzten stopfend zuführen, und der, auch wenn er seine Vorbilder scheinbar in vielen Esskulturen findet, was aber allein aus Marketingkalkül behauptet wird, nur für diesen Zweck erfunden wurde.

Leider hatte unser Abgesang auf den Wrap damals keinen durchschlagenden Erfolg, viel zu häufig wird er noch gekauft und verzehrt und dementsprechend auch in großen Stückzahlen hergestellt.

Aber wir probieren es erneut und schreiben optimistisch gegen einen weiteren Zivilisationsbruch an, der vor allem in den – hoffentlich bald zurückliegenden – heißesten Wochen des Jahres zu beobachten ist: Männer, die mit nacktem Oberkörper unterwegs sind, und zwar zum Teil weit außerhalb des geschützten Raums ihrer Behausung, wo sie ja wirklich rumlaufen können, wie sie wollen.

Es geht also um den Körper, allerdings wirklich nur ums Obenrum, denn fürs Untenrum ist bekanntlich die Kollegin Margarete Stokowski in glänzender Weise und unerreicht kompetent („Untenrum frei“, Reinbek bei Hamburg 2016).

Obenrum frei am Strand? Noch nachvollziehbar

Und die alljährlich aufkommende Aus­ein­an­dersetzung über die Frage, ob Männer kurze Hose tragen dürfen/sollen oder nicht, verläuft ebenso alljährlich dann auch wieder ungeklärt im sommerlichen Sande. Sie ist aber auch viel weniger relevant, denn das nackte Obenrum steht für so ungleich viel mehr; neben der Abkehr von einem mühsam errungenen zivilisatorischen Fortschritt ja auch für eines der großen Themen unserer Zeit: die Gleichberechtigung.

Wir alle haben es zuletzt sehr häufig mit­erleben müssen: Männer entledigen sich ihrer Oberbekleidung, wenn sie sich in die Öffentlichkeit begeben. So sieht man sie nicht nur im Kontext von Urlaub und Müßiggang etwa in Strandnähe, was noch einigermaßen und mit viel gutem Willen nachvollziehbar wäre, die Sache aber insgesamt nicht besser machen würde, sondern man erlebt sie auch obenrum frei bei Verrichtung ihres Alltags.

Auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen, auf dem Rad, joggend, im Supermarkt vor der Fleischtheke und nicht selten auch, wenn sie im Kreis von Freunden und der Familie unterwegs sind. Da läuft dann ein Halbnackter umgeben von den Seinen, sie sommerlich-leicht angezogen – aber eben: angezogen –, die Kinder auch, weil sie sich so viel Rücksichtslosigkeit noch nicht trauen.

Obenrum frei woanders? Schlicht unsolidarisch

Klar, es ist heiß, die Kleidung mag am Körper kleben, jeder möchte dagegen etwas tun, aber nicht jede kann so agieren, wie es Männer können. Frauen, die oben ohne außerhalb von Stränden und Badeseewiesen oder der Nackertenwiese im Münchner Englischen Garten anzutreffen sind, könnten sich viel weniger ungestört frei bewegen, sie würden begafft, Unholde würden ihr Nacktsein als Einladung missverstehen, sie würden vor Gerichte gezerrt – und dass, obwohl sie wahrscheinlich diejenige Gruppe von Menschen bilden, die im Großen und Ganzen sich besser zu benehmen und den zivilisatorischen Grundkonsens stärker zu beachten weiß.

Sich verhüllen, nicht sofort alles von sich preisgeben, den anderen ehren, dem anderen gegenüber rücksichtsvoll auftreten, ihn nicht belästigen, und mit Schönheit – die es ja auch gibt beim männlichen Körper – nicht protzen, sich vor Umwelteinflüssen schützen, das auch, aber das betrifft einen ja nur selbst. Alles andere im Zusammenhang mit Nacktheit berührt den anderen, und deshalb war es gut, dass der Mensch, nachdem er sein Fell abgelegt hatte, sich gleich wieder etwas angezogen hat.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Männer, diese leider immer noch oft tumben Wesen, verlassen diesen Konsens, sobald es mal unangenehm – zu warm – wird, und ziehen sich obenrum im öffentlichen Raum aus, einfach weil sie es können. Und genau diese Gesinnung, die reine Machtdemonstration ist, tragen sie vor sich her, und dabei ist es ihnen offenbar egal, dass manch einen vom Hängebauchschwein nur noch der aufrechte Gang unterscheidet, und andere ob ihrer Körperbemalung von einer schmuddelig und schon lange nicht mehr frisch beklebten Litfaßsäule allein die Tatsache, dass sie nicht nur immer an einer Stelle stehen. Weitere körperliche Unschönheiten, die Männer auf diese Weise präsentieren, lassen wir pietätvoll beiseite.

Ob sie es können oder nicht, ob sie meinen, es zu können oder nicht, sie sollten es lassen. Weil das Können allein noch keine Berechtigung erzeugt, etwas auch zu tun, und weil an heißen Tagen ein solidarischer Akt gegenüber all denen, die ebenfalls gern luftiger unterwegs wären, es aber niemals wagen dürften, ein feiner Zug wäre.

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Geboren in Göttingen, hat Geschichte und Soziologie in Bielefeld, Madrid und München studiert, war auf der Henri-Nannen-Schule in Hamburg, anschließend Lokalreporter der Berliner Zeitung und deren Nahostkorrespondent in Tel Aviv und Ramallah. Nach der Rückkehr freier Journalist in Oldenburg und Gründer des leider eingegangen Onlinemagazins Oldenburger Lokalteil. Leitet seit 2013 das taz-Wochenendressort.

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