Neue Zielgruppe für Wissenstransfer

Forschung mit Mehrwert

Bisher wurden Forschungsergebnisse vor allem in der Wirtschaft genutzt. Der Transfer in Richtung Gesellschaft wurde vernachlässigt.

Ausstellungsobjekt: urban gardening

Urban gardening im deutschen Pavillon auf der Expo 2015 in Mailand Foto: imago/Gustavo Alabiso

Die Wissenschaft hat ihre Forschungsergebnisse in den letzten Jahrzehnten vor allem in Richtung Wirtschaft transferiert, um dort für technische Innovationen zu sorgen. An einem Transfer in Richtung Gesellschaft bestand nur geringes Interesse, was sich aber nun zu ändern beginnt. In Berlin fand in dieser Woche die erste wissenschaftliche Konferenz über „Soziale Innovationen“ statt, veranstaltet von der Technischen Univerdsität Dortmund und dem Karlsruhe Institut für Technologie.

Innovationen für die Gesellschaft seien „keine Modeerscheinung“, sondern markierten einen „Paradigmenwechsel im Innovationssystem“, betonte Kongressorganisator Jürgen Howaldt von der Sozialforschungsstelle der TU Dortmund.

In einer internationen Untersuchung über „soziale Innovationen als Treiber für sozialen Wandel“ („SI-Drive“) wurden von den Wissenschaftlern 1.005 gesellschaftliche Neuerungen in den Bereichen Erziehung, Bildung, Energie, Gesundheit und nachhaltiger Entwicklung indentifiert und analysiert. 46 Prozent der Projekte werden von zivilgesellschaftlichen Nichtregierungs-Organisationen betrieben, 45 Prozent sind im öffentlichen Sektor angesiedelt und bekommen Unterstützung aus Geldern öffentlicher Einrichtungen.

„Es braucht engagierte Menschen, die sich für die Zukunft einsetzen“, erklärte Bundesforschungsministerin Johanna Wanka zur Eröffnung der Tagung. Ihr Haus fördere die Entwicklung sozialer Innovationen durch mehrere Programme. Auch das neue Förderkonzept „Innovative Hochschule“ wolle den Transfer in die Gesellschaft stärken. Es gehe darum, ,,eine „neue Kultur der Innovationsfreudigkeit“ enstehen zu lassen, so Wanka vollmundig, was auch durch neue „innovationsorientierte Kommunikationsstrukturen“ unterstützt werden solle.

Die Ludwig Maximilian-Universität München hat innerhalb ihrer Transferstelle den „Arbeitsbereich Gesellschaftliche Innovationen“ eingerichtet. „Wir wollen mit diesem neuen Schwerpunkt solche Forschungsprojekte sichtbar machen, die einen gesellschaftlichen Mehrwert haben“, erklärt Laura Janssen von der Transferstelle. Dabei werden vor allem die Sozial- und Geisteswissenschaften in Blick genommen, die bisher eine geringe Transferquote aufweisen.

Das „Matching“ beginnt

Soeben wurde ein inneruniverunsitäres „Scouting“ abgeschlossen, bei dem danach gesucht wurde, wo es Forschungen gibt, die eine Berührung mit den 18 „Grand Challenges“, den Weltentwicklungszielen der Vereinten Nationen für 2030, haben. Bei 206 Projekten in 71 LMU-Lehrtstühlen wurde man fündig. „Jetzt beginnt der Matching-Prozesse mit den gesellschaftlichen Akteuren “, an die die universitären Wissensangebote herangetragen werden, sagt Janssen. Der erste Schwerpunkt liegt auf pädagogischen Projekten zur Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie zur Forstwissenschaft.

Das eben erst im Mai gegründte „Bonn LAB“, ein sozialer Mitmach-Treffpunkt im Stadtteil Beuel, wurde von Christoph Zacharias von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg vorgestellt. Angestossen von einer Architekturstudentin, die ein leerstehendes Ladenlokal anmietete, sei diese Innovation „autonom aus der Zivilgesellschaf entstanden“, so Zacharias. Das Programm folgt dem Prinzip der „Agora“: regelmäßigen Veranstaltungen von Engagierten zu unterschiedlichen Themen.

Der erste Effekt der Zusammenkünfte ist eine Vertrauensbildung. Bisher sahen sich die Menschen im Kiez auf der Straße oder beim Bäcker, „aber sie redeten kaum miteinander.“ Im Bonn-Lab werden diese Gespräche möglich, „Nachbarschaft“ bekommt eine neue soziale Dimension. Die beliebtesten Themenfelder sind Bildung und Integration, IT-Hilfe und soziale Verantwortung von Unternehmen sowie Urban Gardening.

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