Neues Album der Jazzsängerin Holly Cole

Was für den faulen Nachmittag

Klassisch, aber gut: „Holly“, das neue Album der kanadischen Jazzsängerin Holly Cole bietet bewährten Jazz mit Pop-Appeal.

Sängerin mit Mikro im Scheinwerferlicht

Jazzsängerin Holly Cole, hier bei einem Auftritt in Hamburg Foto: Imago/Future Image

Man hatte sich für gesättigt gehalten, ja fast schon immun dieser Art von Musik gegenüber. Von gutem Stoff aus dem Great American Songbook wimmelt es nun mal in der Plattensammlung, und auf einige der Stücke und Interpreten kommt man durchaus gerne zurück – daher waren Zweifel angebracht, angesichts des neuen Albums der kanadischen Künstlerin Holly Cole.

Die 55-jährige Sängerin hat das klassische Jazzrepertoire schon immer mit unerschrockenem Pop-Appeal dargeboten und damit auch Hits aus der Ära der Tin Pan Alley das allzu Wertkonservative ausgetrieben. Vor über 20 Jahren traute sie sich mit „Temptation“ ein Album mit lauter Tom-Waits-Covern. Das war mutig und ist mehr als gutgegangen.

Also dann, reingehört – und auf Anhieb drangeblieben bis zum Schluss. Für ihr neues Werk, schlicht „Holly“ betitelt, würde ich Frau Coles halbe Backlist drangeben.

Das liegt auch an der neuen Band, die Holly Cole beim Löwenanteil der Songs im Rücken hat. Was etwa der Pianist und Organist (für einmal in dieser Reihenfolge) Larry Goldings abliefert, ist unverschämt vielseitig und geschmackssicher. Mal haut er wie ein Stride-Pianist in die Tasten, mal begleitet er sparsam und elegant, auf „Teach me Tonight“ zieht er an der Hammond B3 genüsslich alle Zuckerwasserregister.

Live: 2. 2. Worpswede, Music Hall; 3. 2. Mainz, Frankfurter Hof; 4. 2. Hannover, Pavillon; 7. 2. Berlin, Quasimodo; 9. 2. Leipzig, Peterskirche; 10. 2. Halle, Opernhaus

Mustergültige Interpretationen

Goldings hat sich an der Seite von John Scofield nach oben gespielt und ist hier auch für die Arrangements verantwortlich. Eine Überraschung ist auch der Posaunist Wycliffe Gordon, der auch als Holly Coles Gesangspartner mit Jimmy-Scott-Timbre in Erscheinung tritt. Als Bläser holt er Scott Robinsons Tenorsax-Soli, die wie auf einem Luftkissen dahinschweben, wieder auf den Boden der Tatsachen herunter.

Und dann ist da die Sängerin selbst: bezaubernd wie eh, aber auch hörbar in den allerbesten Jahren angekommen. Wie sie, je nach Song und Text, in alle denkbaren Rollen schlüpft, wie ihre Phrasierung die Message von Mose Allisons „Your Mind is on Vacation“ bis zur unmissverständlichen Kenntlichkeit durchknetet, das ist dann doch entschieden antikonservativ. Auf diese Weise lässt man sich („Your Mouth is working overtime“) gerne für dreieinhalb Minuten zur Schnecke machen, im nächsten Song ist ohnehin wieder alles anders. Bei „Lazy Afternoon“ liegt man entspannt in der Sonne und hört hinter Stimme und Orgel zwischen den Tupfern von Trommel und Gitarre das sprichwörtliche Gras wachsen.

Was dieses anspruchsvolle Repertoire der Stimme abverlangt, interpretiert Holly Cole so mustergültig wie ihre großen Vorgängerinnen, aber bei allem Respekt auch so unbefangen, dass man selbst bei einem Klassiker wie Gershwins „I was doing all right“ nicht vor Ehrfurcht erstarrt. Holly Cole & Co. glänzen, ohne dafür schuften zu müssen.

Ganz weit vorn im Regal

Im Kleingedruckten taucht dann eine Produzenten-Eminenz auf: Russ Titelman, inzwischen freischaffend, hat Holly Coles Band zusammengetrommelt, gesellte der Chefin bei drei Songs aber auch wieder ihr altes Trio um den Pianisten Aaron Davis bei. Was bei „Holly“ sonst noch auf sein Kerbholz geht, ist schwer auszumachen, aber Produzenten sind bekanntlich dann am besten, wenn sie am Gelingen eines Albums einfach nicht ganz unschuldig sind.

Neulich beim Herumlungern in einem der innerstädtischen Elektrokaufhäuser, wo man neben CDs inzwischen wieder Vinyl erwerben kann, sah ich „Holly“ ziemlich weit vorne im Regal der Jazz-Charts platziert. Ein gutes Zeichen.

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