Schulschließungen wegen Winter: So kalt sollten uns Eis und Schnee nicht erwischen
Statt allzu rasch den Unterricht ins Homeoffice zu verlegen, sollten Bildungsministerien eher überlegen, wie sie Schulwege sicherer machen können.
G anz Nordrhein-Westfalen ist am Montag im Distanzunterricht. Auch in anderen Bundesländern bleiben Schulen dicht. Vielerorts kam die Ankündigung am Sonntagnachmittag. Viele Eltern fragten sich daraufhin im Netz: Wie stellt ihr euch das vor, liebe Bildungsministerien?
Ein Winter ist keine unvorhersehbare Naturkatastrophe, er kommt alle Jahre wieder. Warum ist man darauf nicht besser vorbereitet? Schließlich können nicht alle spontan auf Homeoffice umstellen und nun die Betreuungspflicht erfüllen. Eltern, die zur Arbeit müssen, können jetzt entweder die Kids in die Notbetreuung schicken oder blau machen. Sind die Kinder alt genug, können sie allein zu Hause bleiben. Aber sonst?
Hat die Pandemie nicht gezeigt, wen Schulschließungen am meisten treffen? Nicht jedes Kind hat ein eigenes Zimmer, stabiles Internet oder Eltern, die mit ihm zu Hause lernen. Funktionieren die digitalen Lernstrukturen von damals überhaupt noch oder geht wieder der halbe Schultag drauf, bis alle Schüler erreicht sind? Und das, was man als Lehrkraft für den Tag geplant hatte, so arrangiert ist, dass er aus der Distanz erledigt werden kann? Da fragt man sich, ob die Entscheidungen für die Schulschließungen wohlüberlegt waren, oder es sich eher um Kurzschlussentscheidungen handelt, die irgendwo zwischen Sonntagsblues und Kaffee und Kuchen getroffen wurden.
Eine Studie aus dem Jahr 2018 zeigt, dass 14,4 Prozent ihren Schulweg in unter 10 Minuten zurücklegen und 30 Prozent in maximal 20 Minuten. Es wäre besser gewesen, sich Gedanken darüber zu machen, wie man diese Wege bei kalten Temperaturen sicher machen kann, statt Schulen zu schließen. Winterdienste hätten früher starten können.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Und selbst wenn die Gehwege glatt sind – das war auch früher kein Grund für Schulschließungen. Im Unterschied zu damals besitzen heute fast alle Kinder ein Handy. Sollte also wirklich mal etwas passieren, ist schnell Hilfe gerufen. Traut man Schülern heute nicht zu, dass sie auf glatten Wegen gehen können? Den Eltern nicht, dass sie auf glatten Straßen fahren können? Oder ist man viel mehr darüber besorgt, dass die Infrastruktur dem Wetter nicht gewachsen ist, in Kommunen nicht genug Schneepflüge bereitstehen?
Statt voreilig und aus Angst vor Chaos und Verletzten Distanzunterricht zu beschließen, hätte man auch einfach Schneefrei ausrufen können. Damit wäre zumindest kein Kind in diesen Tagen aufgrund seiner sozioökonomischen Situation zurückgefallen. Ein Winter sollte nichts sein, was einen so kalt erwischt.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert