„Twin Peaks“ auf arte: Mit Männern leben
„Twin Peaks“ mit dem Wissen um den Pelicot-Prozess wiedergesehen, ist noch ein Stück unheimlicher. Oder sagen wir besser: realistischer?
Wem es vorher nicht aufgefallen war, dem wurde bei der Lektüre von Manon Garcias „Mit Männern leben: Überlegungen zum Pelicot-Prozess“ klar, dass wir uns mit diesem Prozess in einen Inzestkosmos begaben. Inzest als Herrschaftsprinzip, als Verbrechen, das Herrschaft etabliert und perpetuiert, prägte die Familie rund um Gisèle Pelicot.
In der Serie „Twin Peaks“ von David Lynch und Mark Frost, derzeit wieder auf Arte zu sehen, hat ein Vater seine Tochter getötet. Im Sterben erzählt er verklausuliert von einem an ihm als Kind begangenen Missbrauch: Ein Geist habe ihn geöffnet, sei in ihn eingedrungen, habe ihn später schreckliche Dinge tun lassen.
Ist das Wahnsinn – oder was sonst? Das Ermittlerteam ist sich nicht einig. Der einheimische Sheriff Truman findet den Vater „completely insane“, es fällt ihm schwer, die Sache mit dem bösen Geist zu glauben, trotz allem, was er in den mystisch-dunklen Wäldern seiner Heimat an der Grenze zu Kanada schon gesehen hat.
Drei Staffeln in der arte-mediathek
Der FBI-Mann Cooper, eine Art Engelsgestalt, antwortet mit einer inzwischen zum Klassiker gewordenen Frage: „Is it easier to believe a man would rape and murder his own daughter? Any more comforting?“
Reale Welt
Was im südfranzösischen Mazan geschehen ist, wurde im US-amerikanischen „Twin Peaks“ bereits erzählend vorweggenommen. Das Mythische und Unheimliche an „Twin Peaks“ ist eben nicht nur dem Farbgenius von David Lynch und der Musik Angelo Badalamentis geschuldet – am Ende ist „Twin Peaks“, so unheimlich, weil es ein radikal realistisches Werk ist, das die Frage stellt: Wenn das die reale Welt ist, wie sollen wir in ihr leben?
So wie Manon Garcia eben die Frage stellt, wie sie nach diesem Prozess, den sie vor Ort beobachtet, nach Hause fahren und ihr heterosexuelles Eheleben wieder aufnehmen: wie sie eben weiterhin mit Männern leben soll.
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