Über Snobismus vieler seiner Anhänger

Proust als Waffe im Klassenkampf

Ein Essay über überwältigende Leseerfahrungen beim Werk des Schriftstellers Marcel Proust - und den Snobismus vieler Proustianer.

Ein Leben von kaum glaublicher Banalität: Marcel Proust. Bild: dpa

Das Erscheinen der Proust-Biografie von Jean-Yves Tadié auf Deutsch, mehr als zehn Jahre nach der Originalausgabe, ist mir zum Anlass geworden, meine eigenen Erfahrungen mit Proust im Spiegel dieses Werks Revue passieren zu lassen.

Jean-Yves Tadié, auf dessen Proust-Biografie sich dieser Essay bezieht, ist unbestritten einer der ganz großen Kenner Marcel Prousts. Er betreute die kritische Pléiade-Ausgabe der "Recherche", an ihr orientieren sich inzwischen alle Übersetzungen dieses Werks. Dass es zwölf Jahre brauchte, diese maßgebliche Biografie ins Deutsche zu übertragen, lag auch an der Verbissenheit des Übersetzers Max Looser; zudem starb Looser 2006, was Nachbearbeitungen des Anmerkungsteils nötig machte. Michael Kleeberg ("Karlmann", "Das Tier, das weint") lebt als Schriftsteller in Berlin. Seine Proust-Übersetzungen "Combray" und "Eine Liebe Swanns" erschienen 2002 bzw. 2004 bei Liebeskind. DRK

Im Laufe der Jahre, die ich in Frankreich lebte, war mir aufgegangen, worin sich dieses Land von meiner Heimat unterschied. Nennen wir diesen Unterschied Kontinuität und Einheit. Frankreich wirkte auf mich wie das vom Strand aus betrachtete Meer: unter dem Einfluss des Wetters und der Gezeiten in ständigem Wandel begriffen und doch immer dasselbe. Es gibt dort jahrhundertealte Kontinuitätslinien. Die Klammer, die alles zusammenhält, ist das Land, genauer gesagt, die Topografie. In ihr folgt das Leben seinen jahreszeitlichen Gezeiten, und alles ist mit allem verbunden: Politik und Literatur, Musik und Philosophie, Malerei und Kino, Revolte und Reaktion, Paris und die Provinz.

Auch Marcel Prousts Leben fügte sich ganz selbstverständlich in Traditionen und stand in Kontinuitäten, es ist nur sein solitäres Oeuvre, das aus ihnen herausfällt. Aber in Frankreich gehört Proust genauso zum Patrimoine, zum Kulturerbe, wie irgendein anderer. Auch er selbst, der es sich verbat, ein literarischer décadent oder Impressionist genannt zu werden, hätte nie bestritten, aus einer Tradition zu kommen, der des Grand Siècle, und sein Ehrgeiz war lediglich, der Nachfolger der Mémorialistes und Moralistes zu sein, ein Sittenschilderer und Analytiker aus dem Geist des Duc de Saint Simon, Madame de Sévignés und Balzacs.

Der Familienhintergrund Prousts ist ebenfalls etwas, was jeder Franzose mühelos nachvollziehen kann. Väterlicherseits die Provinz, das kleine Ladengeschäft, aus dem der Vater flieht, um in der Metropole als Leistungsethiker zu reüssieren und ins große Geld einzuheiraten. Mütterlicherseits die jüdische Großbourgeoisie, der Finanzhandel, die Verbindungen ins politische Milieu und die Vorliebe fürs Theater. Man muss sich den Ton in der Großfamilie Weil-Proust vorstellen wie eine Mischung aus Offenbach-Operette, Woody-Allen-Film und Philip-Roth-Roman - überbordende Zärtlichkeit und Verwöhnung, Ödipuskomplexe, Kosenamen und Wortspiele, Frivolität, Ehrgeiz und Trägheit, Galanterie, scharfes Denken und Agnostik - eine Welt, die sich im assimilierten französischen Judentum bis heute nicht geändert hat.

Alles existiert nach wie vor, die Strukturen, in denen Proust lebte, genau wie die, die er in seinem Werk beschrieben hat. Ich brauchte mich nur an die Steinfliesen auf dem Boden der Kathedrale von Auxerre zu erinnern, um die überquellenden Honigwaben der Kirche von Combray zu sehen (und daher auch übersetzen zu können), und meine Nachbarin im burgundischen Dorf Pesselière, Lucette, war eine der unzähligen Inkarnationen von Françoise. Auch sie hatte ihr ganzes Leben lang für Herrschaften gekocht und geputzt und verballhornte das Französisch ebenso wie Marcels Köchin. Sie erzählte, sie sei in Paris im "Jardin dAlimentation" gewesen (statt dAcclimatation), und beschloss ihre Sätze mit einem fatalistischen "tant pire" (statt pis), all das mit den rollenden Zungen-R, die noch in den 30er Jahren das Chanson beherrschten.

Ja, alles ist noch im Alltag greifbar, sehbar, hörbar, auch die Großbourgeoisie, der Snobismus, der Adel, die Rhetorik der Politiker, die Dialektik Paris - Provinz, und all das macht aus Proust eine so selbstverständliche Erscheinung. Umso schlechter war ich daher auf die Sichtweise auf ihn vorbereitet, die in Deutschland herrscht. Das begann mit einem Gespräch, das ich nach meiner ersten Lektüre der "Recherche" mit einem deutschen Freund führte, der die Übersetzung gelesen hatte. Meine Ekstase angesichts der modernen Gewagtheit des Werks, der harten Stilbrüche, der Komik - die Beschreibung der Verdurins, die Sprachticks des Dr. Cottard - erntete nur Befremden. Nein, von Komik und Humor habe er nichts mitbekommen, was er an Proust schätze, sei der stille Fluss der Satzperioden, die "Fin-de-siècle-Patina seiner Sprache". Worauf ich nun wieder aus allen Wolken fiel. Welcher stille Fluss? Und vor allem welche Patina? Die gesamte französische Gegenwartsliteratur mag patiniert sein, aber doch nicht er!

Zehn Jahre später meinte Luzius Keller, der Proust-Spezialist und Herausgeber der "Frankfurter Ausgabe" dazu, es sei keine Fin-de-siècle-Patina, die auf der Rechel-Mertensschen Übersetzung liege, sondern eine "Adenauer-Patina", der muffige Geruch einer prüden und verlogenen Zeit, die alles zu glätten, zu verharmlosen, zu verschweigen und mit historischem Edelrost zu überziehen versucht habe. Jedenfalls wurde bei jenem dialogue de sourds der Gedanke geboren, die "Recherche" einmal selbst zu übersetzen. Zum Glück ahnte ich nicht, worauf ich mich damit einließ.

Es ging damit los, dass ich allerorten hörte, ich sei ein "Wagnis" eingegangen, habe mich "getraut" und dergleichen mehr. Ich verstand zunächst überhaupt nicht, was damit gemeint war. Denn es ist zwar eine extrem komplexe Arbeit, einen solchen Text zu übersetzen, aber er beißt nicht. Das Ganze ist ein ernstes literarisches Spiel, bei dem man der nie erreichbaren Perfektion mehr oder weniger nahe kommt, aber unter einem Wagnis stelle ich mir etwas anderes vor.

Der ein oder andere Kritiker sagte mir dann, er sei mit meiner Übersetzung "überhaupt nicht einverstanden", konnte aber nicht erklären, warum nicht, verständlicherweise, denn die Qualität und Genauigkeit verschiedener Übersetzungen gegeneinander abzuwägen ist ein philologisches Mikado, mit dem ein Feuilletonredakteur, der einmal im Jahr in der Provence Urlaub macht, nun wirklich überfordert wäre.

Im Laufe der Lesungen fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen. Es wurde gemurmelt, wenn ich den Raum betrat, ich wurde misstrauisch gemustert, und wer immer mich ansprach, versuchte mich mit seinem Wissen über Proust zu beeindrucken. Sie wussten, mit welchem Besteck er an welchem Novembertag welchen Jahres zu Abend gegessen hatte, und kannten die französischen Adelsgeschlechter bis ins dritte Glied. Sie besaßen Reliquien des Meisters, die ab und zu vorgezeigt wurden und berührt werden durften. Der Text war dagegen fast nebensächlich.

Es muss irgendwann ein proustisches Konzil von Nicäa stattgefunden haben, bei dem postuliert wurde, dass alle deutsche Proust-Beschäftigung von Ernst-Robert Curtius ausgehe, von ihm auf Eva Rechel-Mertens gekommen sei und exklusiv vom Hause Suhrkamp und der Proust-Gesellschaft verwaltet werde. Nun verstand ich, worauf sich das Gerede von "Wagnis" und "Nicht einverstanden" bezog. Aufs Prinzip. Nicht wie ich gearbeitet hatte, stand infrage, sondern dass ich mich ohne die Kaution eines der deutschen Starverlage und ohne Mentor aus dem deutschen Proust-Serail (Tadié, mit dem ich mich bei der Arbeit mehrmals ausgetauscht hatte, hätte hier wenig gezählt) an einem vermeintlichen Privateigentum vergriff.

Was sie davon hatten, ihren Proust keinem zu gönnen, wurde mir nach einer Lesung in Zürich klar. Der Schweizer Kritiker, der moderierte, erging sich, als er die achtungsvolle Höflichkeit zwischen Keller und mir bemerkte, in Schmeichelworten und Komplimenten an uns beide. Einige Monate später schrieb er dann eine Hymne auf die abgeschlossene "Frankfurter Ausgabe" und qualifizierte darin in einem Nebensatz meine Arbeit ab; angesichts dessen, was er von Keller und anderen zu ihr gehört hatte, eine ziemlich dreiste Lüge.

Die Erklärung für dieses Verhalten wie auch für den Typus jenes Mannes fand ich in der "Recherche" selbst, wo jede Facette des Menschlichen dargestellt ist. Er war Legrandin und hatte eine Güterabwägung getroffen: Wer hat die Macht? Auf wessen Trittbrett fahre ich vorteilhafter? Steißwackelnd, Bücklinge und Kratzfüße vollführend in Zürich, tat er hinterher in seinem Artikel genau wie der Snob von Combray so, als kenne er mich nicht.

Die deutschen Snobs

Ja, da hatte ich einen Snob vor mir gehabt, allerdings einen, der in den geistigen Adel einheiraten möchte, in die Suhrkamp-Kultur, und sich für dieses Ziel krümmt und verbiegt. Und da wusste ich denn auch, was mir an diesen deutschen Proust-Jüngern so missfiel. Schlimmer kann man Proust im Grunde nicht missbrauchen, als ihn zum Distinktionsmerkmal im postmodernen Klassenkampf zu machen. Und deshalb weiß ich auch nicht, ob eine mehr als 1.000-seitige Biografie über Proust wirklich das ist, was diese Leute brauchen. Noch mehr müßiges Wissen über den Menschen, das dann bei Dinnerpartys verbreitet werden kann und darüber hinwegtäuscht, dass die Lektüre des Werks 20 Jahre zurückliegt oder nie stattgefunden hat?

Fast wäre es mir lieber, statt Tadiés Biografie wären die Bücher des irrsinnigen Privatgelehrten Christian Gury auf Deutsch erschienen, einer Art Lacanien auf LSD, der die gesamte "Recherche" aus dem Geist eines skatologischen Schülerulks heraus interpretiert und in Titeln wie "Proust und die Furzkünstlerin" seinen Pipi-Kaka-Humor analysiert oder seine bekannte Vorliebe fürs Café-Concert der Jahrhundertwende und dessen sehr derbe Sänger dazu nutzt, als wahres Vorbild des Barons de Charlus den Bänkelsänger Charlus und seine schweinischen Couplets zu nennen. Am Grunde von Prousts Werk liegt seiner Ansicht nach die "contrepèterie", eine bis heute in Frankreich beliebte Form der Wortspielerei mit meist zweideutigem Inhalt. Wie Gury Charlus contrepetriert, das werde ich nicht übersetzen, ich weiß, wo meine Grenzen liegen: "So stecken in Palamède (de Charlus) auch ma pédale und pet malade."

Entscheidend ist nicht, ob man dieser Lesart anhängt, sondern dass man mit (und über) Proust lachen darf. Dass es blödsinnig ist, bei der Nennung seines Namens plötzlich nur noch ganz leise aufzutreten und zu flüstern, als befinde man sich im Zimmer eines Sterbenden. Dass es der Wahrheit seines Lebens und vor allem seines Werks vollkommen widerspricht, einen moribunden Nostalgiker in ihm sehen zu wollen.

Verstehen wir uns nicht falsch, Tadiés Summa ist großartig. Er ist ein Fährmann, dem man sich getrost anvertrauen kann. Er kennt den Strom, den er mit ruhiger Sicherheit und Zielgenauigkeit durchfährt, wie kein Zweiter. Seine Sprache fließt ruhig und klar und cartesianisch dahin. Nur, unter uns gesagt, warum soll man das lesen?

Prousts Leben ist, verglichen mit dem eines Staatsmannes oder Entdeckers, von kaum glaublicher Banalität und Einförmigkeit. Auch fast jeder große Schriftsteller des 20. Jahrhunderts hat eine packendere Biografie, man muss gar nicht bis zu Conrad oder Hemingway gehen.

Kurz gesagt hat Proust in seinen ersten 30 Lebensjahren eine ereignislose Existenz geführt und nach dem Tod seiner Eltern in den folgenden 20 nur noch darüber geschrieben. Und jede Begebenheit aus der ersten Lebensperiode, Theaterbesuch, Lektüre, Freundschaft, Reise, Konzertaufführung, bezieht ihr Interesse einzig aus der literarischen Transformation. Wie bei keinem anderen Schriftsteller der Weltliteratur ist das ganze Leben im Text aufgegangen, vom Text aufgesogen, sodass sein Tod mit dem Abschluss des Textes nur folgerichtig ist. Es war nichts mehr übrig.

Millionen Menschen haben die Gemälde Vermeers betrachtet, ohne dass der "petit pan de mur jaune" sie in Ekstase versetzt hätte, Millionen haben Saint-Saëns gehört, ohne eine ganze Weltanschauung an einer kleinen Phrase aufzuhängen, Millionen sind in Venedig und anderswo über Kopfsteinpflaster gestolpert, ohne dass dies irgendwelche Assoziationsketten in Gang gesetzt hätte, Millionen stippen ein Gebäck in ihren Tee, und nichts geschieht. Dieses Buch kann man eigentlich nur aus zwei Gründen lesen. Um mit den daraus gewonnenen Kenntnissen anzugeben oder um von ihm schnellstmöglich zur "Recherche" zu gelangen. Wer dieses Buch richtig liest, wird nie mit ihm zurande kommen, weil er eigentlich alle zwei Seiten unterbrechen muss, um Proust selbst zur Hand zu nehmen und, sich festlesend, zu erleben, welche Funken er aus dieser oder jener banalen Erfahrung oder Begegnung geschlagen hat.

Auch die Schlüssellochfragen kann es nicht - und will es vielleicht aus französischer Diskretion auch nicht - beantworten. Musste Proust denn nicht, um zu dem exemplarischen Schilderer von Liebe und Eifersucht zu werden, der er war, selbst ein reiches oder ein verruchtes oder ein geheimes perverses erotisches Leben haben? Was ist denn nun gelaufen mit den Jugendfreunden wie Reynaldo Hahn oder den Bediensteten wie Agostinelli? Und im Puff, für den er sich schon als Jugendlicher Geld erbat? Und jene stimulierenden Rattenschreie? Wir erfahren es nicht, können nur spekulieren, dass die Wahrheit vermutlich nahe beim Nullpunkt liegt und die Sublimation nahe bei 100 Prozent.

Denn das eigentliche Mysterium muss auch diese Schriftstellerbiografie - wie jede - schuldig bleiben: der Verwandlung von Leben in Literatur auf den Grund zu gehen, den kreativen Prozess sichtbar zu machen oder gar zu erklären. Auch Tadié kann uns nicht erklären, warum das Genie gerade aus diesem Mann gesprungen ist und was geschehen ist, damit irgendwann diese Sätze auf dem Papier standen. Er kann nur konstatieren: Hier die Quelle, dort das Resultat. Wer des Wunders teilhaftig werden will, muss den Roman lesen.

Proust ohne Scheuklappen

Denn nicht nur erklären die Lebensstationen nicht die stupende Durchdringung der menschlichen Psyche, es ist das Phänomen zu bestaunen, dass auch die lebenden Modelle den literarischen Gestalten nicht das Wasser zu reichen vermögen. Ein Robert de Montesquiou bleibt blass gegenüber dem Baron de Charlus, ein Charles Haas ist ungleich langweiliger als Swann, und für eine Laure Haymann kann man sich nicht im entferntesten so interessieren wie für Odette de Crécy.

Wer Tadiés Buch ohne Scheuklappen liest, wird aber genauso wie bei der Lektüre von Prousts Briefen oder von Tadiés Essays "Von Proust zu Dumas" feststellen, wie viel Witz und Komik, wie viel Lust an Gelächter und Spott und Scherz, auch wie viel "höhere Heiterkeit" dieses Leben und dieses mit größter Disziplin dem körperlichen Verfall abgetrotzte Werk zu einem Besitz für jeden machen.

Zu hoffen ist, dass am Ende der Lektüre, vor allem aber einer neuen Lektüre Prousts selbst jene Erschütterung eintritt, wie sie Thomas Manns Tonio Kröger beim Lesen von Schillers "Don Carlos" empfindet, an der Stelle, wo der König geweint hat, nur unter umgekehrten Vorzeichen, wenn man nämlich feststellen muss: Proust hat gelacht. Gelacht? Proust gelacht? Ja, das hat er, sagt es allen Hans Hansens, allen Bewahrern des lieb gewonnenen Klischees vom moribunden Asthmatiker in seiner Korkgruft. Proust hat gelacht.

 

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