taz.neubau

Konstruktivismus für die taz

Einfach überzeugend zeitlos – wie Wladimir Schuchows Radioturm von 1922 zum Vorbild für die Konstruktion des neuen taz Hauses wurde.

Der Schuchow-Radioturm.

Der preisgekrönte Entwurf des Zürcher Architektenbüros e2a für das neue taz Haus wird mit viel Lob aus aller Welt bedacht. Russische Architekturseiten im Internet heben vor allem die Bezugnahme der Schweizer Architekten auf den Moskauer Schabalowka-Radioturm des Architekten Wladimir Schuchow (1853-1939) hervor.

Tatsächlich sehen Piet Eckert und Wim Eckert für das neue Haus der taz ein außen liegendes Tragwerk vor, das stark an den Konstruktivismus von Schuchow erinnert. Die Gitterstruktur außen ermöglicht innen eine große Flexibilität. Auf zusätzlich aussteifende Bauteile kann verzichtet werden, 13 Meter Innenraum werden stützenfrei überspannt.

„System ohne Hierarchie”

Das Netz als „ein System ohne Hierarchie, in dem jedes Element die gleiche Wichtigkeit hat”, so die Architekten, passt sehr gut zur genossenschaftlich organisierten taz. Die Verfasstheit von Verlag und Redaktion transformiert sich in diesem Haus-Entwurf als sichtbare Zeichen nach außen. Der Radioturm, auf den sich das neue taz Haus bezieht, war seinerzeit groß gedacht, musste aber mit extrem sparsamen Mitteln errichtet werden. Auch diesen Spagat teilt er mit der Gründungsgeschichte der taz.

Anfang der 1920er Jahre erhielt Schuchow den Auftrag für einen 350 Meter hohen Sendeturm. Obwohl der Turm damit höher geplant war als der Pariser Eiffelturm, sollte er nur mit einem Viertel der Menge von Stahl auskommen. Besonders materialeinsparend war die hyperbolische Form der Gitterstruktur, die zu einer äußerst stabilen Konstruktion führte. Aber selbst für diese wirtschaftliche Lösung fehlte wenige Jahre nach der Oktoberrevolution das Material. Gebaut wurde der Turm schließlich mit einer Höhe von 150 Metern, und auch damit war er lange Zeit das höchste Bauwerk Russlands.

In Vergessenheit geraten

Bauten aus der Zeit des Kontruktivismus gerieten schon in der Zeit der UdSSR in Vergessenheit. Heute ist der Investitionsdruck der boomenden Metropole Moskau oft eine stärkere Bedrohung für diese Baudenkmale als ihr technischer und materieller Verschleiß. So sollte der Schuchow-Radioturm noch im Frühjahr 2014 einem Business-Center weichen. Das russische Ministerium für Kommunikation wollte den Turm, der noch immer als Mobilfunkmast in Betrieb ist, demontieren und an anderer Stelle wieder aufbauen.

Der Turm steht. die taz baut

Weltweit forderten Vertreter von Gesellschaften zum Schutze der Bautechnikgeschichte in einem offenen Brief an Präsident Putin ein Moratorium aller Abrisspläne, eine fachgerechte Dokumentation aller Schäden und den Status eines nationalen Denkmals für das Bauwerk. Nachdem die russische Administration zunächst noch Demontagepläne bestätigt hatte, entschied das Moskauer Stadtparlament bereits am 16. Juni in einer nichtöffentlichen Sitzung, die Demontage zum derzeitigen Zeitpunkt nicht auszuführen. Der Turm steht. Die taz baut.

Karl-Heinz Ruch, 60, ist seit der Gründung der taz 1979 ihr Geschäftsführer.