Wenn das Handy weiß, wo man sich aufhält: SMS an das gesamte Adressbuch
Mobile soziale Netzwerke setzen voll auf Lokalisierungsfunktionen, die in immer mehr Handys stecken. Aber müssen Internet-Bekanntschaften stets informiert werden, wo man steckt?
Seit Jahren schwärmen Handy-Hersteller und Mobilfunkanbieter schon davon, was man alles mit so genannten "Location Based Services" anfangen könnte: Wenn das Multimedia-Telefon in der Hosentasche erst einmal wisse, wo sich der Benutzer befinde, seien ortsbezogene Dienste vom Restauranttipp um die Ecke über den Fahrplan der aktuellen Bushaltestelle bis hin zum aufs Display gelieferten Sonderangebot des Elektrofachmarkts auf der gegenüberliegenden Straßenseite gar kein Problem mehr. Lange Zeit gab es Geräte, die so etwas beherrschten, gar nicht auf dem Markt. Hinzu kam die niedrige Ausbaustufe der Mobilfunknetze mit wenig Internet-Bandbreite und schlechter Ortung. Dank Handys wie Apples neuem "iPhone 3G" mit eingebautem Navigationschip und immer schneller werdenden UMTS-Netzen wird die lange vorhergesagte Zukunftstechnik nun tatsächlich zur Realität. Die Anbieter müssen sich dabei allerdings die Frage stellen lassen, ob sie dabei tatsächlich den Privatsphärenschutz der Nutzer einkalkuliert haben. "Loopt", ein so genanntes mobiles soziales Netzwerk, dessen Software es kostenlos für verschiedene Handys gibt, will laut eigenen Angaben "Freunde im echten Leben zusammenbringen": Die US-Firma ermittelt per GPS-Satellitensignal, wo sich andere Nutzer im Umkreis einer Person befinden und zeigt das dann auf einer Karte für spontane Treffen an. Die erste Version des Programmes für das iPhone sorgte nun aber für einen hübschen Datenschutz-GAU: Die Software verschickte ungefragt Einladungs-SMS an das gesamte Adressbuch eines Nutzers - eventuell geheime Handy-Nummer und Positionsangaben inklusive. Justine Ezarik, bekannte US-Bloggerin und YouTube-Größe, die wegen Stalkern bereits mehrfach ihre Telefonnummer wechseln musste, gehörte zu den Betroffenen: "Eigentlich fand ich den Dienst ja gut. Bis er meine gesamte Kontaktliste zuspammte." Loopt hat sich inzwischen für das Vorgehen entschuldigt und will das Problem gelöst haben. Die Vorstellung, dass einmal zugelassene Internet-Bekanntschaften stets über die eigenen Positionsdaten informiert sind, schockt Datenschützer weiter. Geräte wie das iPhone senden diese Informationen zwar nicht ungefragt ins Netz - man muss den Versand mindestens einmal bestätigt haben. Ganz klein ist die Wahrscheinlichkeit allerdings nicht, dass sich dies über die Ausnutzung von Sicherheitslücken umgehen lassen könnte, fürchten IT-Security-Forscher. Immerhin ist der GPS-Chip ganz abschaltbar. Die speicherbaren Positionsangaben von iPhone und Co. sind je nach Ort erstaunlich genau: Befindet man sich nicht gerade in der Innenstadt, kann ein solches GPS-Handy sogar die richtige Straßenseite feststellen, auf der man läuft. Selbst Experten stolpern über die Fallen, die ortsbezogene Dienste haben können, die automatisiert Positionsdaten ins Netz posaunen. Ein Manager der deutschen Nokia-Tochter Plazes, die einen solchen Dienst anbietet, ließ sich im Sommer 2007 vom eigenen Angebot "erwischen": Der Mann sollte eigentlich auf einer Konferenz sein und sagte sie aus persönlichen Gründen ab. Den Konferenzveranstaltern fiel dann auf, dass er zu einer anderen Konkurrenzveranstaltung gegangen war - nachzulesen im Internet. Noch sind keine Fälle bekannt, bei denen Einbrecher ortsbasierte Dienste genutzt hätten, um bei fortschrittlichen Mobilfunknutzern in Ruhe in die Wohnung einzusteigen. In einigen Jahren dürfte das aber kein Science Fiction mehr sein. Selbst der Arbeitgeber könnte eines Tages ablesen, wo sich seine potenziell faulen Mitarbeiter gerade tummeln und ob sie die Mittagspause vertrödeln. Auch der Staat interessiert sich unterdessen zunehmend für Positionsangaben. Im Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung ist festgehalten, dass stets die Funkzelle mitgespeichert werden muss, aus der Mobiltelefonate erfolgten. Das ist in Innenstädten mit vielen Funkstationen erstaunlich genau, auf dem Land weniger. Gut möglich, dass die neuen "Location Based Services" mit genauen GPS-Handys deshalb bald Begehrlichkeiten bei den Beamten wecken.
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