Potsdam und Cottbus sind die größten Städte Brandenburgs. Während die eine wächst, leidet die andere an Abwanderung. Zwei Beispiele für die demografischen Entwicklungen im Land.von NINA APIN
Potsdam wächst. Die Stadt an der Havel ist mit gut 150.000 Einwohnern die größte kreisfreie Stadt des Bundeslandes. Und als Wohn- und Arbeitsstandort so beliebt, dass sie seit 1999 einen stetigen Bevölkerungszuwachs verzeichnen kann. Dank des regen Zuzugs aus anderen Teilen Brandenburgs und dem Bundesgebiet liegt das Durchschnittsalter bei 41,7 Jahren.
Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) kann sich also über eine junge und blühende Stadt freuen. Eine seltene Ausnahme in einem Bundesland, das ansonsten von Abwanderung geplagt wird. Während anderswo Grundschulen schließen, hat Potsdam seit Jahren einen Geburtenüberschuss zu verzeichnen. Die größten Herausforderungen, vor denen die Kommune steht, sind derzeit eine ausreichende Kinderbetreuung und genug bezahlbarer Wohnraum für Familien.
In Cottbus hat man ganz andere Sorgen: Ende 2007 lebten in der Stadt in der Niederlausitz noch 102.811 Einwohner, Tendenz fallend: Seit 1990 verlor Cottbus mehr als ein Fünftel seiner Bevölkerung. Immer noch wandern weit mehr Menschen in die alten Bundesländer, nach Berlin und ins Umland ab, als zuziehen.
Bei weiterer Abwanderung und dem Fallen der Einwohnerzahl unter 100.000 droht der Verlust des Großstadt-Status. Damit verbunden wäre ein Wegfall von Fördermitteln, der die Perspektive für die Verbliebenen noch schlechter machen würde als bisher.
Potsdam und Cottbus sind die markantesten Beispiele für zwei entgegengesetzte demografische Entwicklungen im Land. "Brandenburg ist extrem gespalten in einen an Berlin orientierten Speckgürtel und die ländliche Peripherie", sagt Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. "Das Bundesland besteht eigentlich nur noch aus Berlin und einem kleinen Rest mit wenigen schrumpfenden Städten."
Das Institut erstellte 2007 im Auftrag des Brandenburgischen Landtags ein Gutachten zum demografischen Wandel in Brandenburg. Darin skizzieren sie eine düstere Prognose: Brandenburg werde zwischen 2004 und 2030 rund 13 Prozent seiner Bevölkerung verlieren, bis 2030 werde sich die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter halbiert haben. Die Hauptlast dieser Entwicklung werde die ländliche Peripherie tragen, prophezeien die Demografen, die sich im Jahr nach der Veröffentlichung bereits von der Wirklichkeit überholt sehen.
"Auf dem Land galoppiert der Schwund noch schneller als erwartet", sagt Klingholz. Die Schuld dafür gibt er der Landesregierung, die zulässt, dass massiv Infrastruktur abgebaut werde. Wo Schulen, Banken und Ämter schlössen, zögen die Leute in die nächstgrößere Stadt. Sogenannte "Mittelzentren" wie Eisenhüttenstadt oder Oranienburg stabilisierten sich durch die "Ausblutung" des Umlands. Die Regierung, klagt Klingholz, befördere diese Entwicklung, indem sie ländliche Probleme einfach aussitze und sich einseitig auf die Förderung einiger weniger Kernregionen konzentriere.
Die Konzentration auf bestimmte Regionen ist Kernpunkt einer neuen regionalen Förderpolitik, die Ministerpräsident Matthias Platzeck 2005 ausrief. Unter der Maxime "Stärken stärken" identifizierte die Landesregierung sogenannte regionale Wachstumskerne, die bei der Entfaltung ihrer wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Potenziale unterstützt werden sollen. Neben Städten im Berliner Einzugsgebiet wie Schönefeld, Königs Wusterhausen und Potsdam gehören dazu auch entlegenere Zentren wie Cottbus, Eisenhüttenstadt und Schwedt/Oder.
In Cottbus fließen Fördermittel seitdem in Forschungsvorhaben an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) und Industrieprojekte wie den "Technologie- und Industriepark Cottbus". Trotzdem geht es nur langsam aufwärts mit der Stadt, die hauptsächlich für den FC Energie und die Spreewaldgurke bekannt ist. "Die Ausrichtung auf städtisches Wirtschaftswachstum ist falsch", kritisiert Demograf Klingholz. "Wenn nicht gleichzeitig das Umland gestärkt wird, steht Cottbus mittelfristig weitere Schrumpfung bevor."
Auch die Grünen sind mit der Platzeckschen Förderpolitik alles andere als zufrieden. Die einseitige Orientierung an "Wachstumskernen" führe dazu, dass ländliche Regionen allein aufgrund ihrer geografischen Lage von den Fördermitteln ausgeschlossen würden, sagt Landeschef Axel Vogel. "In einem Bundesland, das zu 80 Prozent aus Land besteht, ein fatales Signal."
Vogel kritisiert insbesondere den massiven Abbau von Infrastruktur in entlegenen Regionen, wo weiterführende Schulen und öffentlicher Personennahverkehr geschlossen werden. "Der Staat darf sich nicht aus den öffentlichen Grundversorgungsaufgaben zurückziehen." Vielmehr müsse man massiv in Bildung investieren, um die Abwanderung und die daraus folgende Überalterung zu stoppen. Brandenburg drohe ein Fachkräftemangel, bei gleichzeitiger massiver Jugendarbeitslosigkeit. Laut dem Grünen eine Folge davon, dass das Bundesland deutschlandweit am wenigsten Geld für die Berufsbildung ausgebe.
Vogels Vorstandskollegin Ska Keller fordert, auch den Kommunen abseits der "Kernregionen" Stärken zuzutrauen. "Anstatt von oben herab ,Leuchttürme' zu bestimmen, sollten Fördermittel denen mit dem besten Zukunftskonzept zugute kommen", sagt sie. Damit werde Eigeninitiative der Kommunen belohnt.
Für zukunftsweisend halten die Grünen eine gezielte Förderung von Frauen, die bislang besonders massiv aus Brandenburg abwandern. Dazu müsste das Angebot an ganztägiger Kinderbetreuung ausgeweitet werden, um auch Familien zu halten. Statt weiter Geld in defizitäre Großprojekte wie "Tropical Islands" zu versenken, solle die Landesregierung gezielt in die Förderung erneuerbarer Energie investieren. Dieser Sektor gilt als eine der wenigen Brandenburger Wachstumsmärkte und bietet bereits jetzt 5.000 Arbeitsplätze.
Bevölkerungsforscher Reiner Klingholz hat noch viel radikalere Lösungen für Brandenburg bereit. "Leuchttürme bringen uns nicht weiter", sagt er. Denn für jeden von ihnen ginge woanders das Licht aus. Sein Vorschlag: "Berlin und das große Umland ringsum müssen künftig gemeinsam verwaltet werden." Die demografische Entwicklung erzwinge eine Länderfusion. In Cottbus wird man das wohl lieber hören als in Potsdam.
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