Überfischungs-Stopp

Angela Merkel will die Fische retten

Nord- und Ostsee sind leer gefischt. Die Bundeskanzlerin will die Plünderung auf hoher See stoppen. Am Mittwoch legt sie dem Kabinett eine Strategie zum Schutz der Meere vor.von HANNA GERSMANN

Die wenigsten Deutschen haben jemals einen Stör gesehen. Die Weibchen sterben, wenn der Kaviar aus ihrem Bauch herausgeschnitten wird. Hierzulande war der "König der Fische" auch als Speisefisch beliebt. So wurde er in Nord- und Ostsee spätestens in den 1970er Jahren ausgerottet. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will diese Plünderung der Meere stoppen.

Am heutigen Mittwoch präsentiert sie im Kabinett eine "Nationale Strategie für die nachhaltige Nutzung und den Schutz der Meere". Das 86-seitige Papier - es liegt der taz vor - wurde im Hause von Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) erarbeitet. In einem Brief an das Kanzleramt schreibt er, der Text werde von "allen betroffenen Ressorts" getragen. Es gebe eine "ausgewogene Balance zwischen Nutzungs- und Schutzinteressen".

Umweltschützer sehen das allerdings anders. Thilo Maack, Meeresbiologe bei Greenpeace: "Die Natur steht zurück." Der Schiffsverkehr werde nicht genug eingeschränkt. Dafür ist Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) zuständig. Kiesgruben, Öl- und Gasfelder breiteten sich aus, ergänzt Maack. Es ist Wirtschaftsminister Michael Glos von der CSU, der die unterseeischen Rohstoffe verwaltet. Und der Agrarminister ist in Maacks Augen auch nicht als Retter von Kabeljau oder Seezunge bekannt: Horst Seehofer (CSU) erlaubt gemeinsam mit seinen EU-Kollegen jedes Jahr, mehr Fisch zu fangen, als Wissenschaftler für gut halten.

Auf den ersten Blick liest sich die Strategie aber tatsächlich, als wolle sich die Regierung ändern, grüner werden. "Wir dürfen nicht ,auf Pump' der Meere leben" - das ist einer der ersten Sätze. Denn die See liefere Nahrung, fungiere als Klimaanlage und Apotheke. Der "Druck auf die Meere" aber sei "besorgniserregend". Zu den Übeln gehörten: "massive Überfischung", "klassische Meeresverschmutzung", "zunehmender Schiffsverkehr" und Stress durch "Klimawandel". Die Kabinettsvorlage belegt, dass es viel zu tun gibt.

Die Arbeitsaufträge für die Minister bleiben jedoch unverbindlich. Ein Beispiel: Die Regierung will die "Aufklärungsarbeit der Umweltverbände (..) unterstützen" und von Wirtschaftsverbänden die "ausgewogene Berücksichtigung von Nutzungs- und Schutzinteressen" einfordern. Wie, bleibt offen.

Anderer Vorsatz: Beifänge sollen "durch die Entwicklung und Einführung selektiver Fangtechniken deutlich vermindert" werden. Fischer werfen etwa für ein Kilo Seezunge bis zu neun Kilo anderes Meeresgetier wieder über Bord. Das überlebt es meist nicht. Ob die Regierung Geld gibt für bessere Technik oder Strafen einführen will - darüber verliert sie kein Wort.

Und noch ein Problem: Dünger, den Bauern auf ihre Äcker streuen, wird mit dem Regen weggespült und gelangt über Bäche und Flüsse ins Meer. Algen blühen und trüben das Wasser. Um diese Entwicklung zu stoppen, verspricht die große Koalition eine "engagierte Umsetzung" der EU-Agrarpolitik sowie eine "konsequente Umsetzung und Anwendung" der EU-Gewässerschutzrichtlinie. Neue Ideen entwickelt sie nicht. Merkel kann bei ihren Kabinettskollegen nur darauf pochen, längst beschlossene Vorgaben ernst zu nehmen.

Gelegenheit gibt es dafür genug. Die EU-Fischereiminister einigten sich erst am Montag, die Brüsseler Fischereipolitik bis 2011 zu reformieren. Und das Bundesamt für Seeschifffahrt erarbeitet derzeit einen "Plan zur Raumordnung in Nord- und Ostsee". Darin werden zum Beispiel Plätze für Windparks vor der Küste und Schiffspassagen festgelegt. Der Umweltverband WWF kritisiert bereits: "Mehrere Routen laufen direkt durch Schutzgebiete." Es gebe keine "intelligente Verkehrsführung" auf See. Und der Sand- und Kiesabbau im Schutzgebiet Sylter Außenriff werde auch nicht begrenzt. Schweinswale und Seevögel würden "unnötig beeinträchtigt".

Immerhin soll bald ein Siegel für Öko-Fisch entwickelt werden. Und der Stör hat Glück. Die Regierung will Wissenschaftler fördern, die ihn wieder heimisch machen in Nord- und Ostsee.

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