Verleger Jörg Schröder wird 70

Vorreiter der Business-Art

Mit dem März- Verlag war Jörg Schröder einer der Ideengeber und Sprachrohre der 68er-Bewegung - dann kam der Konkurs: Jetzt wird der Verleger und Erzähler 70 Jahre alt.von MATHIAS BRÖCKERS

Schröder erzählt: Barbara Kalender hört zu.   Bild:  b.hoffmann / deutsches literaturarchiv marbach

"Die Bismarc Media war eine kryptische Agentur mit einer Aura von Bedeutsamkeit. Schlichter gesagt: Es sollte weniger gearbeitet als hochtrabend und geheimnisvoll herumgeschwafelt werden. Zunächst ging es mir allerdings nicht um ,Busineß-Art' - zu der ist das Ganze erst geworden, als mein ursprüngliches Konzept nicht funktionierte. Denn ich wollte einen Medienladen aufbauen, und dazu brauchte ich Kapital […].

Ins Chefzimmer setzte ich den großschwafelnden Ernst Herhaus, der damals bevorzugt auf Business-Pfaden wandelte. Im Umfeld dieser Tätigkeit hatte Ernst einige Krisenberater kennengelernt, er pflegte Kontakte zu solchen Karrieristen und Wirtschaftsinnovateuren, besülzte sie in der Sprache der Kritischen Theorie. Er war ja mit Max Horkheimer befreundet und beherrschte die Wichtigtuer-Terminologie durchaus. Insofern war Ernst auch der richtige Mann für meine Bismarc Media."

Das war er nicht. Aber für Jörg Schröder, den Vorreiter der Business-Art, Pionier der digitalen Boheme und Großmeister in der Kunst des Scheiterns war Ernst Herhaus der richtige Zuhörer. Aus Bismarc Media wurde nichts, aber Schröder erzählte seine Lebensgeschichte - von der Buchhändlerlehre über die Werbeleitung bei Kiepenheuer & Witsch bis zur Gründung des linksintelektuellen März-Verlags im Jahre 1969, der sein politisches und literarisches Avantgardeprogramm aus den Erträgen des pornografischen OlympiaPress Verlags finanzierte.

So war "Siegfried" eine Geschichte aus dem bundesdeutschen Kulturbetrieb, die sich jeder Diskretion enthielt. "Das darf man eigentlich nicht erzählen, gerade deshalb muß man es erzählen" - diese Maxime brachte Jörg Schröder nicht nur Dutzende von Unterlassungsklagen und Verfahren ein, sondern auch den Status eines Helden, weil hier endlich einer Ross und Reiter nannte und dem Hässlichen und Gemeinen in der hochkulturellen Welt des "Wahren, Schönen, Guten" Gesicht und Namen gab.

Als Verleger politischer Literatur und Entdecker so unterschiedlicher Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann, Ken Kesey ("Einer flog übers Kuckucksnest") oder Carlos Castaneda hatte Jörg Schröder sich schon einen Namen gemacht.

Mit "Siegfried" avancierte er jetzt selbst zum Erzähler und Autor einer neuen Art Investigativliteratur, deren entlarvende Brillanz und hochkomischer Unterhaltungswert allerdings in krassem Gegensatz zu den Grenzen (und Kostensätzen) des Medien- und Persönlichkeitsrechts stand. Und eine Prozesslawine pro Kapitel hielt selbst der beste Bestseller nicht aus.

Nach dem Konkurs des großen März-Imperiums zog sich Schröder Anfang der 80er Jahre in ein Forsthaus im hohen Vogelsberg zurück, machte als Kleinverleger weiter anspruchsvolle Bücher, hatte weiterhin tolle Geschichten zu erzählen - und die taz war kurz zuvor angetreten, die Grenzen der Presse- und Satirefreiheit neu auszustecken.

Aus einem nächtlichen Gespräch, das ich zusammen mit Helmut Höge, Jörg Schröder und seiner Frau Barbara Kalender führte und das von den beiden zu einem Monolog redigiert wurde, entstand die Reihe "Schröder erzählt", deren erste Folgen dann 1983 in der taz erschienen. Um die ungekürzten Versionen zu verbreiten, erfand der Medienmagier Schröder später den "März Desktop Verlag", der weitere Folgen der Reihe nur auf Subskription ausliefert.

Seitdem hat er seiner Frau mehr als 50 lange Geschichten erzählt und sie in bibliophiler Aufmachung an 300 Subskribenten versendet.

Eine limitierte Kassette mit der Gesamtausgabe der Serie, die am 24. Oktober zum 70. Geburtstag Jörg Schröders erscheint, (2.800 Seiten, 1.750 Euro) wurde von der Library of Congress in Washington geordert, auch die Unibibliothek Iowa will ihren Germanistik-Studenten diesen Hunter S. Thompson des deutschen Kulturbetriebs offenbar nicht vorenthalten.

Das Blog schroederkalender, das Schröder & Kalender seit zwei Jahren schreiben, wird vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach archiviert und zählt zu den am meisten gelesenen auf taz.de. Die Inhalte und das gelb-rote Design der Bücher, die er verlegte, waren prägend für eine Generation. Seine Erzählungen aus dem wirklichen Leben, die er seit 1990 publiziert, sind ein einzigartiges Porträt des Buch-, Literatur- und Mediengewerbes. Als die VG Wort Schröders Werke aus Kostengründen als "Belletristik" einstufen wollte, unterlag sie 2004 vor dem Oberlandesgericht München. Womit quasi amtlich beglaubigt ist: Schröder erzählt Fakten. Unerhört und unverzichtbar.

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