Mythos Woodstock-Festival

Mission in Marihuana

In Woodstock wurde die alternative Bewegung geboren. Alles wurde besser. Doch dieser Glauben daran, bessere Menschen zu sein, konnte einem auch auf die Nerven gehen.von JAN FEDDERSEN

"Sie müssen wissen, damals war man hier politisch etwas rechts … von Attila dem Hunnen", sagt Sam Yasgur eher lapidar in die Kamera. So feinsinnig hat niemand vor ihm die Gemengelage rund um dieses Wochenende im August 1969 umschrieben. Stefan Morawietz hat ihn für seinen Dokumentarfilm ausfindig gemacht, den Sohn des Bauern, der 1969 der "Woodstock Nation" seine Wiese zur Verfügung stellte, ohne zu wissen, dass er damit dem Kern einer Generationenerfahrung einen inzwischen mythisch umwobenen Ort gab.

In Wahrheit spielt die Musik, also die prominentesten Ikonen von dem, was man Woodstock nennt, eher eine beiläufige Rolle. Worum es ging, war eine kulturelle Revolte gegen eine Mentalität der Ledernacken, der Haudraufmentalität, der Cowboyatmosphäre und einer Vorstellung vom guten Leben, das sich wie Ruhe und Ordnung buchstabiert. Eine Fülle von Zeugnissen werden in diesen Wochen abgelegt zu dem Fest des Anderen, das vom 15. bis 17. August unter metereologisch apokalyptisch anmutenden Umständen stattfand: "Woodstock".

Dabei wollte der gleichnamige Ort das Happening gar nicht, der Rat der Gemeinde in den Catskill Mountains lehnte ab, man befürchtete Lärm und Staus und verwüstete Vorgärten. Woodstock war eine Art Künstlerkolonie in den milden Hügeln zwei Stunden von Manhattan entfernt, wo auch Bob Dylan sich vom Schock erholte, seine Arbeit von der akustischen zur elektrischen Gitarre umgestellt zu haben. Aber dieses Woodstock war schon damals so satt und fertig wie Worpswede bei Bremen: Orte des Kunstgewerbes, nicht der hungrig gestimmten Kunsteroberung.

Also fiel die Wahl auf Bethel, eine Autostunde weit weg, genauso hübsch gelegen. Eine waldige Kulturlandschaft mit Seen, kein Gebirge, eine Art Phantasieparadies für weiße Amerikaner, locker die Bauernhöfe über das Land verteilt, schön weit weg vom babylonischen Gewirr einer Metropole wie New York City. Bethel und Max Yasgurs Wiese machten, wenn man so will, Karriere. Ein ödes Kaff, dessen Einwohner von der Angst vor dem Einfall der Moderne lebten, die sich artig und fleißig empfanden, und es bestimmt auch waren. Es muss ein bisschen so gewesen sein, wie es Reinhard Mey in seinem Lied "Musikanten sind in der Stadt" drei Jahre später formulierte: Klappt die Bürgersteige hoch, nehmt die Wäsche von der Leine, holt eure Kinder ins Haus - fahrendes Volk droht uns zu überschwemmen.

Heute ist von diesem Horror nichts mehr zu vernehmen. Woodstock lebt vom Mythos, den es nicht beherbergen wollte; und bei Bethel, in der Nähe von Yasgurs Farm, steht ein multimediales Museum. Was es zeigt, sind Videoclips und Fotografien jener Tage, Dokumente eines Willens zur "Vergemeinschaftung" der alternativen Generation, wie der Chronist Wolfgang Kraushaar neulich anmerkte. Ein Fest, so lassen sich die Erinnerungen der Frauen und Männer in Morawietz' Film einen, das allen irgendwie signalisierte, nicht allein zu sein. Für Frauen, so wird es überliefert, sich dem Terror der Barbiepuppenkultur der all american girls zu verweigern, für Männer, sich nicht als Soldaten fühlen müssen, um als Männer zu gelten. Es war ein Festival der Unschicklichkeit, und die Ängste des konservativen Amerika wurden zurecht gehegt, denn was in "Woodstock" zum erfühlten Begriff kam, war die Fähigkeit einer kritischen Generation, gegen das Establishment sich nicht vereinzelt zu empfinden, nicht allein auf weiter Flur zu stehen.

Die Musik spielte allenfalls eine katalysatorische Rolle. Bis heute ist nicht geklärt wer wann eigentlich spielte. Sicher ist nur, dass viele auf der Bühne standen. Janis Joplin, Luxusmädchen, ließ sich mit dem Heli Delis einfliegen; die Who benahmen sich gröhlend unhippiesk; Santana konnten keinen besseren Karriereeinstand haben; Joan Baez, die Maria Magdalena der Bürgerrechtsbewegung, musste immer dann auf die Bühne, wenn gerade der geplante Künstler vollgedröhnt unpässlich war. Nicht zu vergessen Jimi Hendrix und seine elektrisch dargereichte Version der Nationalhymne seines Landes - im später veröffentlichen Film wurde eilends in seinen Sound des Krieges der USA in Vietnam hineingehört. Abbie Hoffman, der Rudi Dutschke der USA, bekam im Übrigen, wie man inzwischen wissen kann, Geld zugesteckt, damit er das Wochenende nicht mit allzu politischen Botschaften stört. Ach ja, Joe Cocker wurde auch durch "Woodstock" berühmt - sein "With a little help from my friends" war so sehr im Stil der damals immer populärer werdenden Rockmusik gehalten, so ekstatisch, wie es Weiße immer an ihren afroamerikanischen KollegInnen beneideten.

Das alles war auch "Woodstock", aber dass heute die Hinterwäldler im Staate New York, im benachbarten Vermont oder überhaupt in den Provinzen nicht mehr durch die Bank verstockt wirken, hatte natürlich auch mit Respekt vor der Arbeit an "Woodstock" zu tun. Lässt man, schaut man den Film, mal die Perspektive auf die Musik weg, sieht man, wie in anderen Dokumenten aus dieser Zeit auch, die alternative Kultur in ihrer ersten populären Ausprägung. Denn so sagte man ja auch jenen, die die Idee hatten, ein Festival an der Ostküste des Landes zu organisieren, nicht im bereits hippiesatten Kalifornien: Ihr habt keine Chance, also nutzt sie! So wurde so chaotisch wie effizient eine Bühne der modernsten Art installiert; Sicherheitskräfte rekrutiert, die nicht mit dem Schlagstock als Argument operieren; ein fast ökologisch orientiertes Catering; schließlich auch der Kraft des Faktischen nachgegeben, das Konzert "for free" zu geben - man konnte nicht das Gelände für 500.000 Menschen umzäunen.

Und zu lernen war auch, dass man ein Festival, zumal eines der ästhetischen Selbstbehauptung, auch ohne millionenteures Marketing bekannt machen kann - einfach durch die Szene selbst, durch Flyer, Mund-Propaganda und durch eine Form des Gemurmels, so dass jedem klar war, dass es an diesem Wochenende darauf ankommt, dabei zu sein.

Nur Joni Mitchell hatte zu sehr auf ihren Manager gehört. Der legte ihr nahe, doch auf einen Auftritt in Bethel zu verzichten, weil er ihr endlich einen Platz in der Dick-Cavett-Show gesichert hatte. Als sie dann, ahnend, dass sie da gerade einen Karrierefehler machen könnte, ins Fernsehen guckte und die Massen, friedlich auf Yasgurs Wiese einströmen sah, war es zu spät. Sie hätte es nicht mehr pünktlich zu irgendeinem Auftritt geschafft. Aus Kummer schrieb sie das Lied zum Fest, das sie selbst nur imaginieren konnte: "Woodstock".

Wobei gerade dieses alles auch enthielt, was später an Alternativen und Ökos und Hippies so auf die Nerven gehen konnte: diese selbstbetrunkene Beseeltheit, dieser zweifelsfreie Glauben daran, bessere Menschen zu sein, dieses Missionsglühen im schlierigen Marihuanaqualm - Klugscheißerei, gehüllt in Batiktextilien, dieses Weltgeisthafte, das ewig' innere Jugend für sich beanspruchte.

Und was bleibt? Dass das alternative Amerika nicht mehr randständig ist; dass in Deutschland der Kulturkampf ums Andersseindürfen, wenn auch mit leichter Zeitverzögerung, weitgehend gewonnen wurde. Wer in Bethel dabei war, bezieht meist Rente. Ins Woodstock-Museum kommt er mit ermäßigtem Eintritt. Viele sind auch tot: Haben die angeblich dauertranszendierende Kraft der Drogen etwas zu stark auf die Probe gestellt. "Woodstock", das sind Oldies.

Fährt man aus Manhattan Richtung Kanada mit dem Auto und stellt das Radio ein, hört man Grateful Dead, Creedence Clearwater Revival oder Melanie Safka und all die anderen fast als Dauerschleife. Keine schlechte Bilanz des Versuchs, so etwas wie eine Gemeinschaft der Alternativen zu gründen: Man hat es in den Kanon geschafft.

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