Kolumne von K.-P. KLINGELSCHMITT
Schieb dir deinen Koran doch in den Arsch! Diesen Satz durfte eine Autorin in Deutschland nicht in ihr Romanmanuskript hineinschreiben. Denn eine solche Äußerung könnte ja die religiösen Gefühle Rechtsgläubiger verletzten, mutmaßte ihr tolleranter Verleger, der aber nur ein armseliger feiger Zensor ist. Schieb dir deinen Koran doch in den Arsch. Oder die Bibel. Oder das Parteiprogramm der NPD. Genau das den Eiferern aller Glaubensbekenntnisse ins Gesicht sagen und auch schriftlich mit auf ihren weiteren Lebensweg geben zu dürfen, ist ein Grundrecht (Artikel 5).
Doch tollerante Intendanten sagen aus Angst oder gut gemeinter Rücksichtnahme inzwischen sogar Theaterabende ab. Andere kritisieren Filme, in denen etwa die Perser 1.200 Jahre vor der Erfindung des Islam von den Griechen aus mutmaßlich religiösen, respektive rassistischen Gründen an den Thermopylen diskriminiert würden. Hä!? In vorauseilendem Gehorsam räumen die Tolleranten Positionen selbst aus dem Zeitalter der europäischen Aufklärung, in dem ein Molière mit seinem Tartüff die (religiöse) Heuchelei seiner Epoche noch mutig - es bestand tatsächlich Gefahr für Leib und Leben - attackierte. Ein Bühnenwerk von beeindruckender Aktualität übrigens, das sich gerade Europapolitiker (wieder) einmal ansehen sollten. Denn wer katholischen Gottesstaaten wie Polen und Irland nicht nur bei der Abtreibungsgesetzgebung von der liberalen Norm in der EU abweichende Sonderrechte einräumt, verliert das Recht, islami(sti)sche Gottesstaaten und ihre Apologeten hier zu kritisieren.
Das aber wollen wir von der Generation 50 plus links uns nicht nehmen lassen - schon gar nicht von den Tolleranten, die auch noch Verständnis dafür aufbringen, dass überall in Europa bizarre Parallelgesellschaften entstehen, in denen das Religiöse in seiner aggressiven (missionarischen) Ausprägung - verbunden mit antisemitischen Ressentiments, einer ausgeprägten Homophobie und einem archaischen Verständnis von der Rolle der Frau in der Gesellschaft - als Gegenentwurf zur laizistischen westlichen Zivilgesellschaft das Leben der Menschen zu dominieren versucht.

Klaus-Peter Klingelschmitt ist Korrespondent der taz in Frankfurt. Das Bild zeigt ihn als Gitarrist der Rockgruppe Dreadful Desire im Jahre 1969. Foto: privat
Dass jetzt ausgerechnet auch noch der Regisseur Roland Emmerich in seinem Katastrophenfilm "2012" aus Angst vor einer Fatwa islamischer Fundamentalisten (Emmerich) nur die Zerstörung von Bauten der Christenheit zeigt, die Kaaba beim Inferno aber heil bleibt, ist allerdings Beleg dafür, dass es den irren Gotteskriegern längst gelungen ist, mit ihren Hasstriaden und Drohungen in die Gehirne selbst renommierter Kulturschaffender einzudringen und dort die Abteilungen Courage und demokatische Gesinnung auszulöschen; eine echte Katatstrophe.
Wir Älteren, die wir uns als weltoffene Citoyens begreifen, sind nun (wieder) gefordert, die von uns post 68 mit aufgebaute liberale und säkulare Civitas, in der wir eigentlich in Ruhe alt werden wollten, zu verteidigen - auch wenn uns die Tolleranten einzureden versuchen, dass wir mit unserer Religionskritik nur unsere Islamophobie zu kaschieren versuchten. Das aber ist Quatsch pur! Denn wir verurteilen einen sich auf das Christentum berufenden gefährlich infantilen neuen Fundamentalismus (Kreationismus) genauso scharf wie den seit der Spätantike latent lebensgefährlichen Katholizismus oder die Tollheiten orthodoxer Oberpopen, die den Evangelischen jetzt den Dialog verweigern, weil deren Synode es wagte, die geschiedene Frau - Jetzt dreimal das Kreuz schlagen! - Käßmann zur Bischöfin (Kreisch!) zu wählen. Sie alle mögen zu IHREN jeweiligen Höllen fahren! Aber subito!
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Leserkommentare
06.12.2009 17:47 | Helen
Endlich ist dank Herrn Klingelschmitt die taz wieder zu ihren urechten 68er-Wurzeln zurückgekehrt! ...
05.12.2009 08:17 | vic
Köstlich Herr Klingelschmitt. Schöner kann man das nicht formulieren. ...
04.12.2009 17:30 | Karl
@ Klasse, ...