José Mourinho triumphiert mit Inter an alter Wirkungsstätte. Mailand schlägt den FC Chelsea mit dessen Mitteln.von TOM MUSTROPH

Mann des Abends an der Stamford Bridge: Samuel Eto'o. Bild: ap
Selbstbewusstsein ist eine schöne Sache. Man kann aber auch mit einer Überdosis davon versehen sein. "An der Stamford Bridge verliere ich nie", tönte José Mourinho nach dem Sieg seines aktuellen Klubs Inter Mailand über seinen früheren Arbeitgeber FC Chelsea im Achtelfinale der Champions League. Nun ja, das 1:0 hat ein gewisser Samuel Eto'o nach traumhaftem Pass von Wesley Sneijder erzielt.
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Julio Cesar hat einmal den schon auf dem Weg ins Tor befindlichen Ball aus der Luft gefischt, die südamerikanische Abwehrhünenfraktion aus Lucio, Samuel und Maicon das Leder oft erst im allerletzten Moment aus dem Strafraum bugsiert. Und der Rest der Truppe zog zuweilen ein solch elastisches wie kraftvolles Kurzpassspiel auf, das man von Männern in den schwarz-blauen Trikots seit Jahren nicht gesehen und das ihnen demzufolge auch niemand zugetraut hatte. Nicht einmal der frühere Superstar Zlatan Ibrahimovic, der sich im Sommer vor allem wegen der mangelnden Spielkultur nach Spanien verabschiedet hatte.
Der Gerechtigkeit halber sei gesagt, dass das, was diese Elf auf dem einstmals heimischen Geläuf ihres Trainers bot, eindeutig dessen Handschrift trug. Typisch Mourinho war die offensive Aufstellung mit den drei Angreifern Pandev, Milito und Eto'o sowie dem 10er Sneijder kurz dahinter. Typisch Mourinho war es auch, keine weitere Offensivkraft mehr auf der Bank zu haben. Balotelli hatte er aus disziplinarischen Gründen zu Hause gelassen.
Dieser Ausschluss, auf taktischer Ebene eine enorme Selbstverstümmelung, produzierte indes eine geradezu rituelle Kraft: Wer nicht so tickt, wie José Mourinho es will, bekommt keine Auftrittsmöglichkeit. Die, die auserwählt sind, müssen hingegen mit ihrem Einsatz das Fehlen der absenten Kollegen kompensieren und die Fehler der präsenten Mitspieler ausbügeln. "Die Spieler von Inter sind gerannt, wie wir das sonst nur von englischen Mannschaften kennen", staunte der Beobachter der Gazzetta dello Sport.
Ergebnisse Rückspiel [Hinspiel]:
AC Florenz - München 3:2 [1:2]
FC Arsenal - FC Porto 5:0 [1:2]
***
Real Madrid - Olympique Lyon 1:1 [0:1]
Manchester United - AC Mailand 4:0 [3:2]
***
FC Chelsea - Inter Mailand 0:1 [1:2]
FC Sevilla - ZSKA Moskau 1:2 [1:1]
***
Bordeaux - Olympiakos Piräus 2:1 [1:0]
FC Barcelona - VfB Stuttgart 4:0 [1:1]
***
Gefettete Teams sind weiter.
Die Schwarz-Blauen wetzten nicht nur, als wollten sie sich für die Premier League empfehlen. Sie brannten Mitte der zweiten Halbzeit sogar ein Feuerwerk an kurzen Pässen ab. Die Geschmeidigkeit der Sneijder, Thiago Motta, Zanetti, Cambiasso und Eto'o erinnerte an die Eleganz der rivalisierenden Vettern vom AC Mailand. Die hatten ihr Kombinationsspiel ausgerechnet unter dem gegenwärtigen Chelsea-Coach Carlo Ancelotti einmal in höchster Vollendung betrieben. Doch diese Ancelotti-Prägung war bei Chelsea jetzt nicht zu bemerken.
Der Mourinho-Stil bei Inter schon. Bemerkenswert war vor allem die Haltung, mit der seine Spieler zu Werke gingen. Bis in die Haarwurzeln konzentriert, stets aufmerksam, vor allem aber von einem den Göttern abgelauschten Selbstbewusstsein angetrieben, kontrollierten sie über weite Strecken das Geschehen. Chelsea hätte nach der Ringkampfeinlage von Samuel gegen Drogba einen Elfmeter erhalten können, gut. Spielerisch waren die Blues aus London den Nerazzurri aus der Lombardei aber unterlegen.
Ins Triumphgeheul der italienischen Fußballöffentlichkeit mischt sich nur ein banger Unterton: Es waren ja gar keine Italiener unter den Protagonisten dieses Abends: Der Trainer ist ein Portugiese. Die Mannschaft hat ein argentinisch-brasilianisches Gerüst, das mit Perlen vom Balkan, aus dem Land vor den Deichen und aus Afrika verziert ist. Materazzi, der einzige echte Italiener, durfte nur in der Nachspielzeit seine schönen gelben Schuhe auf den Rasen bringen. Daher sind der Stolz und die Erleichterung, wenigstens mit einer Mannschaft noch in der entscheidenden Phase der Champions League vertreten zu sein, in Italien momentan etwas gedämpft.
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