Protokoll eines Deutscharabers

"Weniger Sex als im Libanon"

Die Islam-Debatte hat Auswirkungen in den deutschen Schlafzimmern. Mohammed sagt, deutsche Frauen wollten nicht mit einem Muslim schlafen. Also tarnt er sich.

Nicht die muslimischen Frauen sind unerreichbar, sondern die deutschen, französischen und amerikanischen. Bild: dpa

"Jules sagt jetzt immer, er sei Franzose. Er hat halt Glück mit seinem Namen, der muss sich nicht angewöhnen, auf einen anderen zu hören. Und Ziad, der ist sein 'amerikanischer Kumpel' und heißt dann Nick. Die Libanesen können echt froh sein, dass sie Englisch und Französisch so sprechen, dass sie den Deutschen was vorspielen können. Ich frag mich, was die Syrer machen, wo die so schlecht Englisch können. Wahrscheinlich reden die sich ein, dass es ja sowieso eine Sünde ist, rennen jeden Tag in die Moschee und kriegen das Ganze damit irgendwie in den Griff.

Aber wir? Wir haben längst begriffen, dass es keine ist. Zu lügen, das ist eine Sünde. Aber was bleibt uns anderes übrig? Ziad gehts nicht gut damit. Außerdem hat er keinen Bock, einen Amerikaner spielen zu müssen. Aber wenn du als Araber bei einer deutschen Frau landen willst, dann musst du lügen. Entweder du wechselst die Nationalität oder du hast keinen Sex mehr. So einfach ist das.

Ich weiß, du denkst, wir übertreiben. Aber du müsstest sie sehen! Wie sie dich anschauen, wenn du sagst, wo du herkommst. Du lernst eine Frau kennen, du unterhältst dich nett, du merkst, dass sie dich gut findet? Und dann kommt der Moment, in dem sie kapiert, dass du Moslem bist. Dann ist es gelaufen. Sie hat plötzlich keine Zeit mehr, sie muss sich ganz dringend um die Freundin kümmern, die sie vorher total ignoriert hat.

Ich weiß nicht, was in ihrem Kopf passiert. Wahrscheinlich läuft irgend so ein Film ab und sie denkt, sie bringt sich mal lieber in Sicherheit, bevor sie mit einem im Bett landet, der bestenfalls bloß ihre Kinder entführt und schlimmstenfalls den Bundestag in die Luft sprengt.

Jules sagt, seit er den Franzosen spielt, läuft es ziemlich gut. Aber mehr als zehn Nächte hält das keiner durch. Irgendwann musst du wieder aus ihrem Leben verschwinden. Die Wahrheit kannst du nicht mehr sagen. Sonst würdest du unser Image ja noch mehr ruinieren!

Weiterlügen kannst du auch nicht. Weil irgendwann wünscht sich doch jeder, er könnte Sex haben als der, der er ist. Und vielleicht auch mal geliebt werden, von einer, die weiß, wen sie vor sich hat. Womöglich von einer Deutschen, die sich nicht irremachen lässt. Eine, die kapiert, dass du du bist und nicht bloß einer von denen.

Die sich vielleicht auch eines Tages traut, sich vor ihre Eltern zu stellen und zu sagen: Darf ich euch vorstellen: Das ist mein Freund, er kommt aus dem Libanon.

Weißt du, am meisten zum Kotzen ist der Teufelskreis: Wenn wir lügen und ein paar schöne Nächte mit einer Frau verbringen, die keine Ahnung hat, dann können wir auch nie beweisen, dass wir nicht so sind, wie sie denkt. Das Klischee lebt weiter. Aber wenn wir nicht lügen, dann bekommen wir gar nicht erst die Chance, irgendwas zu beweisen.

Manchmal - entschuldige, dass ich das jetzt einfach so sage, aber ich war ja nun wirklich lang genug in Deutschland -, da liegst du nachts im Bett und machst es alleine - und dann denkst du dir: Hey, das darf doch nicht wahr sein! Ich lebe in Deutschland, im ach so freizügigen Deutschland! Und ich hab weniger Sex als im Libanon! Matthias müsste man sein, oder Michael. Aber ich, ich bin Mohammed."

Als der dritte Deutscharaber um die 30 ihr das gleiche Leid klagte, wusste unsere Autorin: Das ist mehr als nur eine individuelle Geschichte. Mohammed (Name geändert) ist Architekt und lebt in einer deutschen Großstadt im Süden des Landes. Stephanie Dötzer arbeitete bis vor kurzem beim Nachrichtensender al-Dschasira und ist inzwischen als Freiberuflerin tätig.

 

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