Christian Specht wird 40

Der Hans Dampf der linken Szene

Christian Specht ist in Stadt und taz bekannt wie ein bunter Hund: Der amtlich anerkannte Analphabet und Politaktivist wird heute 40. Herzlichen Glückwunsch!

Firework for Christian Bild: AP

Die taz sucht gerade zwei Redakteure für "soziale Bewegungen". Einen Bewegungsjournalisten und -melder hat sie schon lange: Christian Specht. Er schreibt allerdings nicht selber: Er lässt schreiben.

Christian Specht kann einem gefährlich nahe kommen. Manchmal endet solch eine Begegnung mit einem Schmatzer auf der Wange. Das mag nicht jeder. Öfter aber endet sie mit einem politischen Appell. Das gefällt vielen noch weniger. Denn Christian Specht ist laut. Er lässt sich nur selten etwas sagen und erst recht nicht den Mund verbieten. Kurz gesagt: Christian Specht nervt. Zum Glück!

Denn Specht ist Politaktivist mit Herz. Nicht einmal für ein Zirkusticket würde er von einer seiner vielfältigen Überzeugungen abrücken. Er ist nicht korrumpierbar - nicht von seinen politischen Gegnern, und erst recht nicht von seinen Freunden. Das mussten schon sehr früh die Grünen erfahren. Als er sich 1995 bei einer Landesdelegiertenkonferenz als potenzieller Regierender Bürgermeister vorstellte, plädierte er ausgerechnet für eine Koalition aus CDU und PDS. Den Grünen fehlte Humor wie Weitsicht, sie verzichteten komplett auf einen Bürgermeisterkandidaten. Noch kurzsichtiger reagierte die FDP. Sie forderte Specht 1996 zum Austritt auf, nur weil der auch Mitglied der Grünen, der SPD und der PDS war.

Dabei steht bei Specht stets die Position über der Partei. Nach einem Streit mit den Grünen über den Bundeswehreinsatz im Kosovo kandidierte er für die PDS in Kreuzberg. Und später für die Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit in Neukölln. Heute überlegt er, das Neue Forum wiederzubeleben. Oder eine Partei namens PDS zu gründen. Da sollen dann nur echte Linke rein dürfen. Christian Specht also.

Vor allem aber müsste sie sich für Radiosender einsetzten. Denn Multikulti, dt64 oder Radio 100 waren für Specht stets mehr als eine Leidenschaft. Sie waren seine Informationsquelle. Schließlich kann der stets gut informierte Aktivist kaum lesen. Schon deshalb wird Specht vielfach als Politclown verkannt. Dabei nimmt kaum jemand sein politisches Engagement so ernst wie Christian Specht.

Mit seiner direkten Art hat er die linke Szene Berlins geprägt - wie kein anderer. Das kann kaum jemand von sich behaupten. Zum 40. Geburtstag kann man ihm nur wünschen, dass er sich unbeirrbar treu bleibt. Nicht obwohl, sondern weil er immer wieder nervt.

GEREON ASMUTH

Zwar hat der frühere "Holzjournalist" inzwischen aufgerüstet: Auf seinem Schreibtisch stehen zwei Telefone und ein Computer. Aber ebenso wie sein früheres Journalistenequipment aus Holz ist auch dies ein Fake: die Geräte sind alle nicht angeschlossen. Christian kann sowieso nicht schreiben: Da "alles Geschriebene eine Sauerei ist", wie bereits Antonin Artaud erkannte, und man lieber sein soziales Vermögen entwickeln sollte, hat er seinen schriftlichen Ausstoß auf Flugblätter und Unterschriftenlisten reduziert - und die muss immer jemand in der taz für ihn anfertigen. Christian Specht layoutet die Texte dann nur noch so, wie er sie haben will.

Schere und Pritstift, das ist also sein eigentliches, mehr politisches als journalistisches Handwerkszeug. Es drängt ihn sowieso in die Landespolitik: Erst arbeitete er für die Grünen, dann kandidierte er für die PDS, nun versucht er über das Neue Forum ins Parlament zu kommen, wobei er jedoch alles selber machen muss, denn auch diese Partei ist mittlerweile fast ein Fake. Dazwischen, das heißt zwischen seiner Holzjournalistenkarriere und seiner politischen, war er eine Zeit lang als DJ unterwegs auf Partys und Straßenfesten: Er legte Volksmusikgesang auf und übermalte diesen mit seinem.

Ich traf Christian Specht 1986 zum ersten Mal in der U-Bahn, wo er mit einem Tonband nebst Mikrofon aus Massivholz einige Fahrgäste interviewte. Zum Glück nicht mich! Er war von schwerer Statur und so impertinent, dass viele der Interviewten sich arg bedrängt fühlten: augenscheinlich ein Verrückter! Aber wie harmlos?

Seit ihrer Gründung war die taz immer auch Obdach und sogar Büro für irgendeinen draußen über Gebühr Gemaßregelten. Mit Christian Specht kam 1987 zum ersten Mal jemand, der draußen nicht gescheitert war, sondern im Gegenteil immer wieder einen direkten Bezug zu sozialen und Protestbewegungen herstellte: Bei jeder Demonstration, Hausbesetzung oder Massenveranstaltung war Christian dabei. In den ersten Jahren meist ausgerüstet mit ZDF-Kamera, -Mikrofon und -Tonband aus Holz ("Man kann mit einer Kamera eine ganze Stadt in Schach halten!", sagt Wim Wenders). Dazu besaß er noch echte Presseausweise, die ihm die taz-Kunstredakteurin Sabine Vogel regelmäßig neu ausstellte - er verlor sie immer wieder. Es kam deswegen sogar einmal zu einer kleinen Anfrage der CDU.

Aber auch ohne dieses alberne Politecho war Christians Holzjournalisten-Phase ziemlich genial. Der Antidesigner Stiletto interviewte Christian Specht rechtzeitig für den Merveband "Berliner Design" und nahm seine Holzausrüstung in Kunstverwahrung. Für Christian war dieses von einem Tischlerkollektiv hergestellte "Handwerkszeug" einfach irgendwann abgelebt, und er wechselte zu Symbolen, Fahnen und Parteien. Der taz hielt er weiterhin die Treue, immer wieder fand und findet sich dort ein Mitarbeiter, der seine Parolen und Ideen vervielfältigt. Auch Christians Geldsammlungen für Veranstaltungen beginnen meistens in der taz. Denn mit der Bewegung in Kontakt zu bleiben, das kann teuer werden: Als ihn einmal die Autonomen nach einem Streit nicht in ihrem Bus zur Antifa-Demo nach Plauen mitnehmen wollten, nahm er ein Taxi für 500 DM.

1996 drehten Imma Harms und Thomas Winkelkotte einen Film über ihn - in seiner DJ-Phase: "Oh Mitternacht, Oh Sonnenschein". Seitdem hat er seine Kontakte zu den Parteien noch ausgebaut. Selbst die "Zivis", "Zivilbullen" im Polizeijargon genannt, kennt er fast alle - und enttarnt sie auf Demos immer wieder gerne, indem er sie bittet, sich auszuweisen. Manchmal fühlte er sich auch gezwungen, sie anzuschreien. Dafür wurde er aber auch von ihnen schon öfter zusammengeschlagen. In einem taz-Interview hieß es dazu einmal: "Dein Verhältnis zur Polizei ist aber besser geworden. Zum 30. Geburtstag hat sie dich zu einem Konzert des Polizeiorchesters eingeladen. Hat dir das gefallen?" - "Ich fand das sehr gut. Auch die Musik, die die gespielt haben. Da gabs Evergreens, Frank Sinatra und alte Lieder wie die ,Berliner Luft'."

Einige Polizeikontakte von ihm werden im Film von Harms/Winkelkotte mit wackeliger Kamera genüsslich mitverfolgt, daneben zeigt er ihn als einen tendenziell von "Ausgrenzung" bedrohten Behinderten. Hierzu werden neben dem taz-Empfangskollektiv ehemalige Lehrerinnen sowie die Oma des amtlich als Analphabet Anerkannten zitiert. Der Film macht auch deutlich, wie wichtig Christians Arbeit an und mit den etablierten Parteien ist, die ihn wie die taz als "Quelle" schätzen und ihn auch finanziell unterstützen.

Derzeit ist er jedoch vor allem damit beschäftigt, für die Weiterexistenz des vom RBB schnöde abgewickelten Radio Multikulti zu kämpfen. Er hat schon fast sein Hauptquartier auf dem Sendeschiff in Treptow und wünscht sich, dass auch Behinderte, Schwule und so weiter mitsenden - eine Art Sound-Patchwork der Minderheiten. So etwas schwebte ihm bereits vor, als er sich für den Erhalt von "Radio 100" und dann auch für "dt 64" engagierte. Von der taz wünscht Christian sich den Empfang des nunmehrigen Online-Offshore-Senders Multicult 2.0 auch im taz-Konferenzsaal, wo sein Schreibtisch steht.

Die Grünen richten ihm seine Geburtstagsparty in der Werkstatt der Kulturen aus: Heute ab 19 Uhr, Wolfgang Wieland hält die Laudatio. Die Partei Die Linke beteiligt sich ab 20 Uhr. Und die Treptower Antifa ab 21 Uhr. Während der ganzen Zeit spielt die "Radio-Multikulti-Band".

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