Litauisches Partisanen-Massaker: Staatsanwaltschaft auf Abwegen
In Litauen wird gegen ehemalige Partisanen, darunter mehrere Juden, ermittelt. Sie sollen im polnisch-litauischen Koniuchy ein Massaker verübt haben. Was steckt hinter den Vorwürfen?
Bild: reuters
Soll die litauische Hauptstadt Vilnius 2009 wirklich europäische Kulturhauptstadt werden? Diese Frage verneinen die deutschen Erstunterzeichner eines offenen Briefes, der zurzeit kursiert und Anfang September dem Europaparlament zugeschickt werden soll. Hintergrund sind Ermittlungen der litauischen Staatsanwaltschaft gegen Partisanen unter sowjetischem Kommando, denen vorgeworfen wird, 1944 im polnisch-litauischen Dorf Koniuchy ein Massaker verübt zu haben. Bereits im Februar 2001 hatte das polnische Institut für Nationales Gedenken eine Untersuchung in dieser Sache angekündigt. Auf der Website des Instituts ist über konkrete Fortschritte des Vorhabens allerdings wenig zu erfahren.
Während Polen und Litauer den Partisanen Terrorismus vorwerfen, stellten diese den Fall stets anders dar. Im Dorf sei eine deutsche Garnison gewesen. Erst nach dem Angriff, dem 38 Dorfbewohner, unter ihnen Kinder, zum Opfer fielen, habe man erkannt, dass sich keine deutschen Truppen mehr im Dorf befunden hatten. Laut der polnischen Darstellungen hatte jedoch eine "Selbstschutzgruppe" der Bauern Widerstand geleistet.
In den litauischen Medien kursieren seit Beginn der Ermittlungen vor allem die Namen der ehemaligen jüdischen Partisanen Yitzhak Arad, Fania Brantsovsky und Rachel Margolis. Margolis soll befragt werden, weil sie in ihren Memoiren die Aktion erwähnte, an der sie nicht teilgenommen hatte. Sie lebt heute, wie Yitzhak Arad, in Israel. Brantsovsky soll laut Berichten einer Zeitung an dem Überfall beteiligt gewesen sein. Arad, der ehemalige Direktor der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem, wird von litauischen Medien bezichtigt, für den NKWD, das sowjetische Volkskommissariat für Inneres, gearbeitet zu haben - was dieser bestreitet. Die Behörden haben Brantsovsky und Arad hingegen versichert, sie sollten als Zeugen befragt werden.
Die Untersuchung beschädigt paradoxerweise die Bemühungen einer vor einigen Jahren von der Regierung eingesetzten internationalen Kommission, die die Verbrechen von Nazis und Sowjets in Litauen gleichermaßen untersuchen soll. Deren Vorsitzender, Emmanuelis Zingeris, hält die Kampagne laut einem Bericht der BBC für einen Versuch nationalistischer Kreise, die Arbeit der Kommission zu sabotieren. Das bisherige Kommissionsmitglied Arad hat sich ebenso aus ihr zurückgezogen wie der britische Historiker Sir Martin Gilbert, der die Untersuchung "pervers" nannte. Kritiker wie die Unterzeichner des offenen Briefes werfen den Litauern unter anderem vor, sich auf jüdische Partisanen zu konzentrieren, die den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung nur im Widerstand überleben konnten. Während des Krieges wurden ungefähr 95 Prozent der litauischen Juden ermordet. Zu den Tätern zählen zahlreiche litauische Kollaborateure. Kein einziger von ihnen sei seit der Unabhängigkeit Litauens verurteilt worden.
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