Politikerbiographie

Kuschelrock vom Kuschellinken

Klaus Wowereit hat seine Autobiografie geschrieben. " und das ist auch gut so", ein Selbstporträt des Regierenden als kleiner Mann, der vom eigenen Erfolg überrascht ist. Und eine Werbebroschüre.

Die Bild-Zeitung sagt es mal wieder am knackigsten. "Ich komme von ganz unten", legte das Fachblatt für Gefühligkeit Klaus Wowereit gestern in den Mund. Und gleich darunter: "Wir waren arm, aber stolz." Die beiden Sätze fassen gut zusammen, was der Regierende Bürgermeister in seiner heute erscheinenden Autobiografie sagt. Sein Bucherstling "... und das ist auch gut so" wäre demnach nicht vieler Worte wert, wären die insgesamt fast 290 Seiten nicht auch noch etwas anderes. Nämlich eine geradezu unverschämt unverhohlene Bewerbung des Lichtenrader Jungen für höhere politische Ämter.

Der Untertitel des Werks könnte statt "Mein Leben für die Politik" auch "Ich will, ich kann" lauten. Wowereits Autobiografie strotzt vor Selbstbeschreibungen als Sohn einer meist allein erziehenden Mutter in Lichtenrade, dem nichts geschenkt wurde auf dem steten Weg nach oben. Der sich für nichts zu schade war, sich die Hände schmutzig gemacht hat und weiß, was der kleine Mann auf der Straße denkt. Das alles klingt über weite Strecken banal, und das soll es wohl auch sein. Koautor des Buchs ist der ehemalige Max-Chefredakteur und Spiegel-Mann Hajo Schumacher. Der hat sich bereits als Biograf von Roland Koch ("Verehrt und verachtet") daran versucht, aus einer ungebrochenen, jahrzehntelangen Berufspolitikerbiografie eine packende Lebensgeschichte zu formen. Bei Wowereit hatte Schumacher es einfacher: Dessen Laufbahn ist vorbildlich sozialdemokratisch und wird ausgiebig geschildert. Es ist die klassische Heldengeschichte.

Klaus Wowereit kommt 1953 als jüngstes von fünf Kindern in ärmlichen Verhältnissen in Lichtenrade zur Welt. Seine Mutter Hertha schuftet, um ihre Kinder, die sie von drei Männern hat, durchzukriegen. Ein Bruder stirbt früh, ein weiterer fällt bei der Arbeit von einem Gerüst und wird querschnittsgelähmt. Die Mutter erkrankt an Krebs, überlebt, bleibt aber zeitlebens geschwächt. Der jüngste Sohn bleibt bei ihr, lebt in ihrem kleinen Häuschen, organisiert die Pflege und hilft selbst mit.

Bilanz eines Strebers

Gleichzeitig studiert Wowereit als Erster in der Familie, macht das Jura-Examen und rutscht Anfang der 80er-Jahre in ein Beamtenverhältnis. Genosse ist er ohnehin, seit er 18 Jahre alt war. Bald erkämpft sich Wowereit den Fraktionsvorsitz in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof, wenig später ist er jüngster Bezirksstadtrat Westberlins und wird es elf Jahre bleiben, bis 1995. Im selben Jahr stirbt seine Mutter - an seinem 42. Geburtstag. Nebenan hatte der Jubilar gerade die Kaffeetafel bereitet.

Das alles kommt in einer Sprache daher, als habe Schumacher Gespräche mit Wowereit einfach mitgeschnitten und aufgezeichnet. Die Sätze klingen lakonisch, bleiben aber fast immer im Ungenauen. Oft widersprechen sich sogar Aussagen, die nur wenige Seiten auseinanderliegen. Wenn bereits dem Jugendlichen Klaus seine Homosexualität reichlich klar war und er nicht unter dieser Erkenntnis litt, warum hatte er dann zwei längere Beziehungen zu Frauen? Wenn der Jungsozialist Wowereit die Muffigkeit der satten Berliner SPD der 80er- und 90er-Jahre dermaßen erdrückte, warum erkämpfte er sich in ebendieser Partei mit zäher Beharrlichkeit den Weg nach oben? Inhalte waren für den selbst erklärten Gründer der pragmatischen "Kuschellinken" ohnehin bestenfalls zweitrangig.

Die Antwort klingt so banal wie die Sprache dieses Buchs: weil hier kein Privatmensch kritisch Bilanz zieht, sondern ein Spitzenpolitiker taktiert und um Zustimmung wirbt. Das Buch ist Eigenwerbung. Mit etwas Glück könnte Wowereit bei der übernächsten Bundestagswahl SPD-Kanzlerkandidat sein. Darauf - und auf den Bundesparteitag in wenigen Wochen - zielen Wowereits Worte. Das zeigt sich beispielsweise kaum verhüllt, wenn Wowereit vom Kriegstod des ersten Mannes seiner Mutter berichtet: "Wahrscheinlich ist er in Rumänien gefallen, wie der Vater von Gerhard Schröder."

Vor allem aber nutzt der Regierende seine Vita immer da, wo sich politische Entscheidungen mit persönlichen Erfahrungen aufhübschen lassen. Die von der Linkspartei durchgedrückte Einführung der Gemeinschaftsschule wird umgedeutet zur Einsicht des Arbeiterkindes, dass auch im ärmsten Kiez schlaue Köpfe stecken, die es zu fördern gelte. Ähnlich lautet die Erklärung, warum seine Regierung mehr in Forschung und Wissenschaft investiere. Immer muss der arme kleine Klaus aus Lichtenrade herhalten, um komplexen Koalitionsentscheidungen ein süßes Gesicht zu geben.

Doch es gibt auch Überraschungen. Wowereit wäre nicht Wowereit, bräche sich nicht sein aggressives Selbstbewusstsein immer wieder Bahn. Freigebig verteilt er Spott und Häme, zumeist unter Parteifreunden. Der einstige Tempelhofer Weggefährte Ditmar Staffelt, heute im Bundestag, wird abgewatscht als Karrierist. Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky kommt daher als dauerkrakeelende Kassandra, die Missstände wie an der Rütli-Schule anprangert, statt zu handeln.

Die Studentenbewegung schmäht Wowereit derart heftig, als habe er sich gerade ausgiebig mit dem ebenfalls kritisierten Helmut Schmidt unterhalten: "Achtundsechzig, das war zumindest in Berlin nicht der Aufstand des Proletariats, sondern vor allem ein Gesellschaftsspiel für betuchte Bürgerkinder, die es mit dem Studium nicht so eilig hatten."

Am meisten überrascht an diesem Buch, wie deutlich der Machtmensch Wowereit einige Gefährten lobt - und sich so demonstrativ an sie bindet. Seine Nibelungentreue gilt vor allem dem loyalen Partei- und Fraktionschef Michael Müller: "Wenn es ein Machtsystem Wowereit gibt, dann ist Michael Müller Ehrenmitglied." Das schönste Lob erntet sein Finanzsenator Thilo Sarrazin, ohne dessen arrogante Beharrlichkeit Rot-Rot die Haushaltssanierung kaum geschafft hätte: "Sarrazin war eine Art politischer Günter Netzer, bisweilen genial, gerne etwas lauter, aber nicht jeden Tag teamfähig."

Detailliertes Coming-out

Am besten, weil genauesten ist dieses Selbstporträt des Regierenden als junger Mann, wo es um sein Coming-out geht. Teilweise stundengenau schildert Wowereit die Tage im Juni 2001, als für ihn alles auf der Kippe zu stehen schien. Niemand konnte vorhersagen, ob sein Bekenntnis den politischen Absturz bedeutete. Stattdessen wurde aus dem unscheinbaren SPD-Fraktionsvorsitzenden eines Stadtstaats binnen 24 Stunden ein weltweites Symbol für ein liberal gewordenes Berlin und Deutschland.

Seither hat die Gunst der Öffentlichkeit den Selbstdarsteller Wowereit nie ganz verlassen. Der heute 53-Jährige kann sich Fauxpas erlauben, die anderen Politikern den Kopf kosten würden. Seine Doppelrolle als netter "Wowi" und knallharter Regierungschef füllt er aus - auch im Buch. Wer außer Wowereit könnte es sich erlauben, seine politische Autobiografie mit Fotos auszustaffieren, auf denen er und sein Lebenspartner TV-Frau Sabine Christiansen lächelnd die Köpfe auf die Schulter legen? Und wem würden Medienvertreter schneller verzeihen, dass er sie 15 Buchseiten lang als wankelmütig und halbwissend beschimpft? Dass er seinen Partner Jörn Kubicki seinen Hang zu "Kuschelrock"-CDs ausplaudern lässt, fällt da gar nicht mehr ins Gewicht.

Am Schluss denkt Wowereit öffentlich darüber nach, was einer Zukunft als Bundeskanzler entgegenstehen könnte. Die ausweichende Antwort: "Karrieresprünge geschehen oftmals überraschend." Nur an einem besteht dank der Werbebroschüre in Buchform kein Zweifel: dass Klaus Wowereit Kanzler werden will.

.

Jahrgang 1976. Seit 2005 bei der taz: erst Berliner Landespolitik-, ab 2008 Bundespolitik-Korrespondent. Schwerpunkte: politische Parteien, Geschichte, Männer & Frauen. Vor Kurzem erschien sein zweites Buch: "Der Film-Verführer - Warum Frauen Action lieben und Männer Romantik wollen". Anfang 2013 veröffentlichte er sein erstes Sachbuch "Milde Kerle - Was Frauen heute alles über Männer wissen müssen" bei S.Fischer/Krüger.

„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de