Kommentar Ehe für alle in den USA

Übernehmen Sie, Frau Merkel!

Das US-Urteil zur Ehe für alle ist ein großer Erfolg für die stärkste Bürgerrechtsbewegung der letzten Jahrzehnte. Der Entscheid ist richtungsweisend.

AktivistInnen vor dem Gerichtsgebäude

Freude vor dem Supreme Court: Befürworter der Ehe für alle feiern das Urteil. Foto: dpa

Manchmal liegen das Schlechteste und das Beste, das ein Land zu bieten hat, verwirrend nah beeinander. So wie jetzt in den USA, wo zwischen der mörderischen rassistischen Gewalt in Charleston und der historischen Anerkennung aller Ehen – inklusive der gleichgeschlechtlichen – durch das Oberste Gericht nur wenige Tage vergangen sind.

Die Entscheidung, die Ehe für alle in allen 50 Bundesstaaten anzuerkennen, ist der krönende Erfolg für die stärkste Bürgerrechtsbewegung der letzten Jahrzehnte. Sie ist das untrügliche Zeichen, dass die Rechte von Homosexuellen in der US-Gesellschaft ganz oben angekommen sind: beim obersten Gericht, wo die konservativen Richter die Mehrheit stellen.

Die Entscheidung ist die Einlösung des US-amerikanischen Mottos „E pluribus unum“ (Aus vielen eines). Sie ist die Umsetzung des daseinsberechtigenden Slogans des Obersten Gerichtes: „Equal Justice under Law“ (Gleiches Recht für alle). Und sie wird den Alltag von Millionen von Menschen in den USA – Frauen, Männer und Kinder – radikal und positiv verändern.

Jenen, die seit Jahrzehnten für gleiche Rechte für Homosexuelle kämpfen, mag der Weg lang und voller Hindernisse vorgekommen sein. Doch im historischen Vergleich war er rasant. Andere Minderheiten, die seit Jahrhunderten für gleiche Rechte kämpfen, sind immer noch nicht angekommen.

Das Recht auf Ehe für alle, überall in den USA, ist ein historischer Entscheid. Es wird in die Geschichtsbücher eingehen. Und der Weg dahin wird anderen Bewegungen als Vorbild dienen. Sowohl in den USA als auch im Rest der Welt.

Für Deutschland bedeutet dies: Ganz egal, wie man/frau über die Institution der Ehe denkt, und ganz egal, welche Vorbehalte man/frau gegenüber anderen Dingen „made in America“ haben mag – dieser Entscheid aus Washington ist richtungweisend. Er ist zur uneingeschränkten Nachahmung empfohlen. Bitte übernehmen Sie, Frau Merkel.

 

Kommt aus Köln. Ihre früheren journalistischen Stationen waren Mexiko-Stadt, Berlin und Paris. Seit 2010 ist sie taz-Korrespondentin in den USA. Sie lebt in New York.

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