Debatte Europas Flüchtlingspolitik

Sie sind Deutschlands Zukunft

Europa braucht Einwanderer. Warum es klug ist, bei Flüchtlingsfragen nicht länger zu moralisieren. Eine ökonomische Argumentation.

Fünf junge Männer und ein Kind hocken auf einer Wiese

Die neuen Bürger*innen. Foto: dpa

Das Geheimnis des Machterhalts der CDU ist ein schlichtes: Die Partei nimmt die Tatsachen des Lebens ernst. Politisch, gesellschaftlich und am Ende auch kulturell. Ostpolitik, Frauenpartizipation, Atomausstieg, Wehrpflichtabschaffung, in Bälde vermutlich auch die Ehe für alle. Man regiert nicht gegen das Volk, so Helmut Kohl.

Jüngst ließ Kanzlerin Angela Merkel sanfte Selbstkritik im Hinblick auf einen anderen Aufreger in konservativen Milieus erkennen. Ihre Partei, so war zu lesen, sei ja nicht gerade berühmt für die Anerkennung dessen, was Deutschland eben längst ist: ein Einwanderungsland. Es war der nötige Akkord in der von Generalsekretär Peter Taubert für wichtig erachteten Debatte über ein neues Einwanderungsgesetz. Das brauche Deutschland, und daran müsse gearbeitet werden.

In der Tat weiß man auch in der Parteizentrale in Berlin, was die mittelständische Wirtschaft, was die Kader der Konzerne als Sorge vortragen: dass Deutschland dringend mehr Menschen braucht, um etwa die in Rente gehenden Facharbeiter*innen zu ersetzen. Ausbildungsplätze aber bleiben unbesetzt. „Deutschland schafft sich ab“ – des Rechtspopulisten Thilo Sarrazin hysterische Weissagung trifft ja, in demografischer Hinsicht, in gewisser Weise zu.

Die Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung stehen natürlich immer unter Vorbehalt. Um es mit dem verstorbenen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher zu sagen: Die Weissagungsfähigkeit zur demografischen Entwicklung sind im Sinne der Kristallkugel immer 100 Prozent treffgenau. Gleichwohl: Die deutsche Urbevölkerung schrumpft.

Ausgebildet

Nachdem das für Frauen exklusiv nützliche Schwangerschaftsverhütungsmittel, die Pille, auf dem Markt kam – und zwar gegen den eisigen Widerstand der katholischen Kirche –, ist die Geburtenrate so gesunken, dass Familien mit mehr als drei Kindern eher zur irgendwie bedauerten Ausnahme gehören. Kein Familienförderungsprogramm seither hat geholfen, auch nicht das jüngst vom Bundesverfassungsgericht abgeschaffte Betreuungsgeld, in Fülle deutsche Frauen zu bewegen, mehr als ein Kind oder derer gleich drei zur Welt zu bringen. Tun sie aber nicht, das Volk lässt sich ethnisch inspirierte Bevölkerungspolitiken nicht mehr einschwören.

Das demografische Downsizing dessen, was einst die deutsche Familie war – der Mann berufstätig in der Welt, die Frau als Amme und Managerin des Alltags daheim, die Kinder aufziehend –, war und ist einer, wenn man so will, Graswurzelbewegung gebärfähiger Frauen zu verdanken (oder geschuldet, je nach Lesart und weltanschaulicher Perspektive). In keinem Jahr wurden so viele Kinder in der Bundesrepublik geboren wie 1964. Von 1965 sanken die Geburtenraten von deutschen Familien (besser: Frauen).

Dass die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik – und damit die ökonomische Potenz gerade im Facharbeiter- und Angestelltensektor – trotzdem stabil blieb, lag einzig und allein an jenen, die Gastarbeiter genannt wurden. Männer und Frauen aus Italien, Spanien, Portugal, Jugoslawien und der Türkei, die geholt wurden, um in der Bundesrepublik die Schmutzarbeit zu verrichten. Die eingeborenen erwachsenen Deutschen stiegen massenhaft in Büroberufe auf. Seit den frühen siebziger Jahren wurde klar, dass jene, die man nach getaner Maloche wieder ins Geburtsland zurückgeschickt hätte, bleiben wollten. Deutschland war ihnen längst zur zweiten und eigentlich ersten Heimat geworden.

Alles änderte sich mit den neuen Bürger*innen – und ihrem Nachwuchs. Noch in den sechziger Jahren gehörten Kinder von Gastarbeitern in den Schulen zur krassen Minderheit; Anfang der achtziger Jahren waren Kinder, die Goran, Ayşe oder Marija oder Gökhan hießen, in großstädtischen Schulen üblich. Die Arbeit an ihrer Integration hatte längst begonnen, nur durfte sie nicht so heißen. Noch vor 15 Jahren machte der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers einen allerdings erfolgreichen Wahlkampf mit der Parole „Kinder statt Inder“. Es war die demagogische Kritik an rot-grünen Vorschlägen, dringend benötigte Jobintelligenz im IT-Sektor durch Anwerbeprogramme in Indien zu rekrutieren.

Energisch

Aber Deutschland hatte sich längst geändert; am Ende, siehe Angela Merkel jüngst, hatte der ökonomische Kraftprotz Europa genügend Einsicht, wider allen völkischen Mob, die ins Land kommenden Flüchtlinge zu lassen und sie mit bürokratisch hohem Aufwand zu versorgen. Und das hat selbstverständlich auch mit weitgehend funktionierenden Behördenstrukturen zu tun – etwa auch im Vergleich mit Griechenland oder den osteuropäischen EU-Ländern –, aber auch mit dem Bewusstsein, dass Menschen in Not Hilfe brauchen, keine weitere Bedrohung.

Historisch gesehen macht Deutschland als Einwandererland keine neue Erfahrung. Preußen holte Hugenotten ins Land, durchaus auch, um die märkischen Bauern auf höhere Zivilisationsstufen zu heben. Im Ruhrpott wimmelt es noch heute von Menschen, deren Familienname irgendwie polnisch klingt.

Es war die Kohle, die Arbeiter aus dem agrarischen Polen anwarb – und aus der nicht sehr hübschen Landschaft Westfalens ein gigantisches Industrieareal machte. Letztlich kennen Bundesdeutsche das, was Integration genannt werden kann, sehr genau: Auch nach 1945 waren Millionen an Vertriebenen aus Schlesien und Pommern zu integrieren – und das lief mitnichten immer reibungsfrei ab.

Jene, die in den vergangenen Monaten nach Deutschland wollten – über das Mittelmeer, über Landrouten durch das ehemalige Jugoslawien – oder noch einwandern, werden bei uns als Flüchtlinge gesehen. Immer noch aber wird so getan, als würden sie irgendwann wieder gehen. Davon abgesehen, dass das ganz unwahrscheinlich ist, denn die neue Heimat für die allermeisten jener, die bis zur Erschöpfung und mit finanziellen Aufwänden, die tiefe Verschuldung bedeuten, ist ja attraktiv.

Interessant

Der ökonomische Rahmen in Deutschland ist attraktiv, die Institutionen des Alltags sind im Vergleich zu jenen in Syrien, dem Libanon, Libyen, Sudan oder Togo nachgerade paradiesisch. In Berlin zumindest – aber auch in Großstädten wie Hamburg, München, Stuttgart oder Köln – sah man in den Siebzigern im Straßenbild Menschen, die irgendwie nicht so straßenköterblond aussehen wie das Gros der Deutschen. Sie sahen eher südländisch aus. Eine ähnlich andere Optik ist jetzt zu bemerken. Deutschland wird anders, weil man plötzlich im Straßenbild sehr dunkelhäutige Menschen sieht, Afrikaner vom Ursprung – und jetzt hier, neue Bürger*innen.

Wer nach Deutschland – oder nach Schweden, ein ähnlich attraktives Ziel für Menschen aus Afrika und aus muslimischen Ländern – kommt, tut dies mit einem Ehrgeiz, mit einer Energie und mit einer Aufstiegskraft, die in der traditionellen Bundesrepublik eher selten geworden ist. Aller Motto scheint zu sein: Ich werde ein neues Land finden und mich dort durchsetzen, mit Arbeit, mit Ideen – denn etwas Besseres als den Tod wird es dort geben.

Es könnte klug sein – etwa seitens der SPD, auch der Grünen und Linken –, Flüchtlingsfragen nicht länger zu moralisieren. Nicht mehr zu sagen: Oh, die Armen müssen ein Dach überm Kopf haben. Sondern: Super, Flüchtlinge, das kriegen wir organisiert. Das können wir Deutsche. Menschen, die es so unbedingt ins überalterte Europa (und Deutschland) schaffen wollen, haben genau jene aggressive Aufstiegsenergie, an der es der urdeutschen Bevölkerung so oft fehlt. Jene, die kommen, sind solche, die nicht schon bei der Geburt mit akademischen Träumen versehen sind, mit Sparverträgen und der halbwegs sicheren Aussicht auf Jobversorgung.

Paul Scheffer hat die Entwicklung vor fast zehn Jahren in seinem Buch „Die Eingewanderten“ auch historisch aufgefächert. Migration, so der niederländische Soziologe und Publizist, ist kein multikulturelles WG-Plenum, sondern eine im günstigsten Fall gesellschaftliche und vor allem ökonomische Erneuerungsbewegung, die nicht ohne Konflikte abgeht. Es kommen in die neue Heimat nicht gute oder schlechte Menschen, sondern Menschen in Not und/oder Lust auf neue Horizonte. Mit Absichten, Hoffnungen und Plänen.

Weniger nachkriegsdeutsch

Der als Welt-Herausgeber tätige Thomas Schmid schrieb neulich, dass das zu organisierende sichere Geleit über Grenzen – und das Mittelmeer – organisierbar sein. Ökonomisch könne das Europa der EU noch viele Millionen „verkraften“. Nur müsse dies politisch kommuniziert werden – und demokratisch mit Wahlen legitimiert. Das scheint dann doch zu schmal argumentiert.

Eine kluge Politik nimmt Einwanderung nicht als Schicksal hin und tut so, als sei es eine humanitäre Geste, Migranten aufzunehmen. Es bliebe eine Politik der Fürsorge. Im Sinne demografischer Prognosen müsste eine Politik klug werden mit dem Hinweis, dass Einwanderung im Massenmaßstab erwünscht ist, dass sie zu organisieren ist und im Übrigen das Land belebt. Neue Bürger*innen machen alles interessanter, vitaler, weniger einfarbig nachkriegsdeutsch.

Flüchtlinge sollten begrüßt, willkommen geheißen werden. Sie sind in jeder Hinsicht jene, die die Zukunft Deutschlands verkörpern werden.

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Weltweit sind mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Verfolgung und Armut. Im Mittelmeer sterben Zehntausende. Und die EU setzt auf Abschottung.

Postbote, Möbelverkäufer, Versicherungskartensortierer, Verlagskaufmann in spe, Zeitungsausträger, Autor und Säzzer verschiedener linker Medien, etwa "Arbeiterkampf" und "Moderne Zeiten", Volo bei der taz in Hamburg - seit 1996 in Berlin bei der taz, zunächst in der Meinungsredaktion, dann im Inlandsressort, schließlich Entwicklung und Aufbau des Wochenendmagazin taz mag von 1997 bis 2009. Seither Kurator des taz lab, des taz-Kongresses in Berlin, sonst mit Hingabe Autor und Interview besonders für die taz am Wochenende. Interesse: Vergangenheitspolitik seit 1945, Popularkulturen aller Arten, besonders der Eurovision Song Contest, politische Analyse zu LGBTI*-Fragen sowie zu Fragen der Mittelschichtskritik. Er war HSV- und ist jetzt RB Leipzig-Fan. Und er ist verheiratet seit 2011 mit dem Historiker Rainer Nicolaysen aus Hamburg.

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