Firmen tarnen sich als Bürgerinitiativen

Kunstrasen aus der Industrie

Wo „Bürgerinitiative“ draufsteht, sind nicht immer auch Bürger drin. Es können auch gut getarnte Unternehmen sein.

Maschinen im Braunkohletagebau

Wenn man nur will, kann man sich den auch schön lügen: Braunkohletagebau in Brandenburg.  Foto: dpa

BERLIN taz | Sie ist schlicht, die Webseite der Initiative „Bürger für Technik“: gelb-blaues Design, kleine Schrift, viel Weißraum. Der ganze Auftritt wirkt leicht unprofessionell, zeigt aber doch eine erstaunliche Vielfalt an Themen. Allerdings kommen Windkraft, Solarenergie und Biogas in den Beiträgen und Leserbriefen durchweg schlecht weg.

Und die Namen im Impressum und einige der Autoren von Leserbriefen sind langjährige Mitarbeiter aus der Kerntechnik oder Chemie sowie Mitglieder der Kerntechnischen Gesellschaft und des Deutschen Atomforums.

Immer wieder sieht es vor allem bei Auftritten im Netz nur auf den ersten Blick so aus, als würden hier interessierte Bürger eine Meinung abseits des doch eher grünen Mainstream vertreten. Bürgerinitiativen – oder Graswurzelbewegungen, um den englischen Begriff grass root campaign zu übersetzen – haben einen guten Ruf. Man unterstellt ihnen, den Willen der Bevölkerung unverfälscht darzustellen. Daher werden ihre Ursprünge und Motive weniger oft hinterfragt.

Genau das versuchen manche Unternehmen und Verbände zu nutzen. Dafür gibt es sogar schon einen Begriff: Sie säen „Kunstrasen“. Eine Kunstrasenbewegung, englisch Astroturf, wolle den Anschein einer „wild gewachsenen, bunten Wiese erwecken, ist aber strategisch initiiert worden“, erklärt Ute Bertrand von der Aktionsgemeinschaft Robin Wood.

Gemeinsam mit anderen Initiativen beobachtet sie diese Bewegungen genau. „Astroturfing ist zwar legal, aber moralisch fragwürdig, denn hier wird bewusst ein falscher Anschein erweckt“, sagt sie. Hier müsse die Bevölkerung aufgeklärt werden.

Ute Bertrand, Robin Wood

„Hier wird bewusst ein falscher Anschein erweckt.“

Das Image eines Konzerns anonym aufpolieren

Nicolas Wendler vom Deutschen Atomforum weist die Vorwürfe im Zusammenhang mit der Website von Bürger für Technik allerdings zurück. Er sagt, ihm sei deren Auftritt zwar bekannt, auch wisse er, dass es sich nicht um Laien handle. Allerdings sei die Initiative deren „Privatsache“ und stehe in keiner Verbindung zum Forum.

Nach Informationen von Robin Wood gibt es jedoch einige Beispiele für diese Form von Public Relation. Die Organisation glaubt, bei verschiedenen Pro-Kampagnen zum Ausbau des Frankfurter Flughafens, bei Stuttgart 21 und dem Braunkohleabbau in der Lausitz die Handschrift von Politik und Wirtschaft wiedergefunden zu haben. Manchmal reichten wenige Klicks im Impressum, so Ute Bertrand. Oft sei jedoch eine tiefer gehende Recherche notwendig, die eine Privatperson kaum leisten könne.

Gerade in der Zeit der sozialen Netzwerke nimmt Astroturfing zu, auch in kleinerem Maßstab: Arbeiter aus der Atomenergie sollen, so die Vorwürfe von Robin Wood, von ihren Arbeitgebern dazu angehalten werden, für die Branche negative Berichte im Internet schlecht zu bewerten und zu kommentieren. Facebook, Twitter und ähnliche Seiten bieten hierbei einfache Möglichkeiten, das Image eines Konzerns anonym aufzupolieren.

Den Spieß umdrehen

„Generell ist es das gute Recht von Wirtschaftsverbänden, ihre Interessen zu vertreten“, sagt Bertrand. Problematisch werde es erst, wenn sie dies verdeckt tun und so den guten Ruf von Graswurzelbewegungen ausnutzen. Dies sei vor allem dann kritisch, wenn die entsprechenden Initiativen als Stimme der Bevölkerung etwa bei Anhörungen mitmachen könnten. „Beim Verbraucherschutz sagt man: Es muss drinstecken, was draufsteht. Das sollte bei Bürgerinitiativen auch so sein.“

Gegen falsche Etikettierung helfe vor allem Transparenz. Daher will Robin Wood gemeinsam mit Lobbycontrol und anderen Initiativen auf die Täuschungen durch Astroturfing hinweisen. Am kommenden Samstag veranstalten sie in der Berliner Humboldt-Universität ein offenes Forum, das sich diesem Thema widmet.

Ein kritisches Bewusstsein sei das beste Instrument gegen Kunstrasenbewegungen. Es sei immer wichtig, sich zu fragen, wie eine Initiative entstanden ist und welche Ziele sie verfolgt, so Bertrand. Den Anspruch des Forums fasst sie so zusammen: „Die Lobbyverbände gucken den Bürgerinitiativen auf die Finger, analysieren jeden Schritt. Jetzt wird es Zeit, den Spieß umzudrehen.“

 

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