Binnenmigration und Sklaverei in Nigeria

Die Mutter, die ihr Lachen verlor

Tausende Einwanderer suchen in Nigeria ihr Glück statt sich von Schleppern locken zu lassen. Innerafrikanische Migration ist selten Thema.

Eine Frau steht mit verschränkten Armen vor einem Haus

„Ob sie mir geglaubt hätten?“ Charity Wilfried vor ihrem Haus Foto: Katrin Gänsler

MAKURDI taz | Charity Wilfried hat einen starren, durchdringenden Blick. Sie sitzt auf einer wackeligen Holzbank im Schatten eines großen Baumes. Manchmal schaut sie zu ihrem kleinen Wohnhaus herüber. Es ist eins von sechs Häusern, die gemeinsam ein kleines Gehöft bilden.

Ab und zu dringt der Lärm eines Autos herüber, das auf dem Weg nach Anyiin ist, die nächste Kleinstadt, knapp zehn Kilometer entfernt. Dort ist immer freitags Markttag. Vor allem lange, erdige Yamswurzeln liegen auf großen Haufen zusammen.

Der Bundesstaat Benue im Osten Nigerias wirbt gerne mit dem Slogan, „Brotkorb der Nation“ zu sein. Hier arbeitet ein großer Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft oder baut zumindest neben seinem eigentlichen Job Gemüse und Getreide an.

Auch die 23-jährige Charity Wilfried ist so aufgewachsen. Wirklich Geld hat die Mitarbeit auf dem Feld der Eltern aber nicht eingebracht. Es war zu klein und die Erträge zu niedrig.

Besonders schwierig wurde es, als der Vater vor ein paar Jahren starb. Als dann auch noch ihr heute drei Jahre alter Sohn Daniel auf die Welt kam, musste sie eine Entscheidung treffen. „Yoruba-Land“, sagt sie knapp und zieht mit den Spitzen ihrer Flipflops ein paar Linien im hellbraunen Sand.

Vom Osten in den Südwesten

Mit Yoruba-Land ist der Südwesten Nigerias gemeint, wo die Yoruba die größte ethnische Gruppe bilden. Dort liegt Lagos, die größte Stadt Afrikas, eine dynamische, weltoffene Metropole. Die Flächen, die landwirtschaftlich bewirtschaftet werden, sind im Südwesten Nigerias um viele Hektar größer als in Benue. Angebaut werden Ölpalmen und Kautschukbäume. „Yoruba-Land“ – das klingt in ärmeren Teilen Nigerias nach Sehnsucht, Geld und Zukunft.

„Es hat jemanden gegeben, der mir dort Arbeit versprochen hat“, erinnert sich Charity Wilfried in kurzen Sätzen. Über Details will sie nicht sprechen. Sie sagt aber, dass die Person sogar das Geld für die rund 700 Kilometer lange Strecke bezahlt hat.

Arbeitsmigration vom Osten in den Südwesten gibt es innerhalb Nigerias seit Jahrzehnten. Für Farmarbeiten werden besonders gerne Menschen angeworben, die aus dem „Brotkorb der Nation“ stammen. Es heißt, sie würden schnell und zuverlässig arbeiten.

Was noch in den 1980er und 1990er Jahren als gute Möglichkeit galt, um in relativ kurzer Zeit viel Geld zu verdienen und wohlhabend in die Heimat zurückzukehren, hat sich für viele Betroffene zum Albtraum entwickelt. „Es ist eine Form des inländischen Menschenhandels geworden“, sagt Valentine Kwaghchimin, der in der Provinzhauptstadt Makurdi für das Caritas-Komitee für Gerechtigkeit, Entwicklung und Frieden (JDPC) arbeitet und 2016 erstmals Daten dazu erhoben hat.

Denn der erhoffte Lohn für Arbeit in der Landwirtschaft bleibt in vielen Fällen aus. Als Charity Wilfried im Südwesten ankam, wusste sie nicht einmal genau, in welchem Dorf sie sich befand. Gemeinsam mit fünf anderen Personen musste sie sich einen Raum teilen, auf dem Boden schlafen. Sanitäranlagen gab es nicht.

Der Gang zur Polizei war unmöglich

„Jeden Morgen haben sie mich um 5.30 Uhr geweckt. Kochen musste ich. Häufig hatte ich bis zum Abend keine Pause. Wenn ich nicht schnell genug war, haben die anderen Frauen mit mir geschimpft“, erzählt sie. Dann schweigt sie und überlegt lange, ob sie über ihre größte Demütigung sprechen soll.

Irgendwann nickt sie fast unmerklich: „Sie haben gesagt, ich soll jemanden heiraten. So einen jungen Mann. Das wollte ich auf gar keinen Fall.“

Valentine Kwaghchimin, Caritas

„Den Menschen werden Grundrechte genommen. Sie haben keine Möglichkeit, die Plantage zu verlassen“

Die Vorstellung sei für sie noch schwerer zu ertragen gewesen als die Vergewaltigungen, die es auch gab. „Eine der Frauen hat manchmal Männer geholt. Es war zwecklos zu sagen, dass ich das nicht will.“ Charity Wilfried versucht, so teilnahmslos wie möglich zu klingen, als ob das alles einer dritten Person passiert sei.

Dabei ist die junge Mutter in ihrer Heimat. Sie hat ihr ganzes Leben in Nigeria verbracht, hat nigerianische Papiere. Trotzdem war eine Flucht oder der Gang zur Polizei unmöglich. Wie die übrigen auch durfte sie das Gelände nur unter Aufsicht verlassen. Sie hatte weder Geld noch ein Handy. Niemand hätte ihr sagen können, wo die nächste Polizeistation ist. „Und ob sie mir da geglaubt hätten? Ich hatte doch noch nicht einmal einen Namen oder Beweise.“ Sie zuckt mit den Schultern.

Der Caritas-Forscher Valentine Kwaghchimin nennt das alles „moderne Sklaverei“. Er sagt: „Den Menschen werden Grundrechte genommen, und sie haben keine Möglichkeit, das Gebäude, in dem sie untergebracht sind, oder die Plantage zu verlassen.“ Er hat versucht, die Kleinbusse zu zählen, die jede Woche aus Benue in Richtung Südwest aufbrechen. Schließlich ist alles genau organisiert: vom Anwerben über Bekannte, über den Transport bis hin zum Leben auf den Plantagen.

Moderne Sklaven

Kwaghchimin geht davon aus, dass jährlich mindestens 11.000 Personen Menschenhändlern zum Opfer fallen und zu modernen Sklaven werden. Vermutlich liegt die Dunkelziffer weitaus höher.

Dabei gibt es Naptip, Nigerias staatliche Agentur gegen Menschenhandel. In deren Fokus stehen jedoch Anwerber, die jungen Frauen aus dem Süden Nigerias Ausbildungs- und Arbeitsplätze in Europa versprechen, sowie Schlepperbanden, die die Opfer quer durch das Land nach Niger bringen, zur Weiterfahrt Richtung Libyen und Mittelmeer.

Dieses System der organisierten Emigration besteht in Nigeria seit Jahrzehnten. Doch seit 2015 hat die Migrationsdebatte in Europa den Druck erhöht, in den afrikanischen Herkunftsländern etwas zu tun, damit Opfer und Täter Europa gar nicht erst erreichen. Vor allem Nigeria, Afrikas bevölkerungsreichstes Land, aus dem aktuell die größte Zahl der Migranten kommt, muss demonstrieren, dass etwas unternommen wird.

Migration Control: Auf einer eigenen Webseite hat die taz eine umfassende Dokumentation der EU-Migrationskontrolle in Afrika erstellt: taz.de/migcontrol mit Länderreports, Hintergrundtexten und Originaldokumenten. Fünf Monate lang wurde dafür in 21 Ländern recherchiert. Die Seite ist auch auf Englisch und in Kürze auf Französisch verfügbar.

taz-Serie: Vom 17. November bis 15. Dezember 2016 wurden Recherchen wöchentlich in der taz veröffentlicht, am 16. Dezember folgte ein taz-Dossier mit den wichtigsten Ergebnissen. Weitere Reportagen erschienen in der taz.am wochenende am 17. Dezember und am 28. Januar 2017. Auch ein Jahr später verfolgen wir die Entwicklungen weiter und treten in eine erneute Serie von Beiträgen zur europäischen Migrationskontrolle auf dem afrikanischen Kontinent ein.

Charity Wilfried und all die anderen, die nur innerhalb Nigerias unterwegs sind, haben indes keine Lobby.

Im Naptip-Regionalbüro in Makurdi sitzt Daniel Atokolo hinter einem großen, dunklen Schreibtisch. Aus seiner Schublade kramt er eine Postkarte, die er wie ein Schiedsrichter hochhält. Damit soll dem Menschenhandel die rote Karte gezeigt werden.

„Es ist nicht gut, was dort passiert“, sagt er über das Netzwerk zwischen Benue und dem Südwesten. „Manche Opfer haben sich mit dem HI-Virus infiziert und bringen ihn hierher. Wir sagen den Leuten deshalb: Wenn ihr Landwirtschaft machen wollt, dann bleibt hier. Die Regierung versucht gerade eine ganze Menge: Sie kauft euch zum Beispiel den Cassava, den ihr anbaut, ab.“ Von einem solchen Programm hat Charity Wilfried noch nie gehört. Auch von Naptip nicht.

Daniel Atokolo betont, seine Mitarbeiter seien ständig in den Dörfern unterwegs und würden über das Phänomen „Yoruba-Land“ aufklären. Aber Charity Wilfried ist letztendlich nur mit viel Glück zurück in ihr Heimatdorf gekommen. „Eines Tages hatte der Mann, der uns beaufsichtigt hat, Mitleid. Er hat mir das Geld für die Fahrt gegeben.“

Zurückgekehrt ist sie mit leeren Händen, mit dem Gefühl, versagt zu haben. Und mit der Ungewissheit, wie sie jetzt die Schule für ihren Sohn Daniel finanzieren soll.

Charity Wilfried hat den ganzen Vormittag über kein einziges Mal gelächelt.

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