„Grapscher“-Vorwurf an Gauck

Mann kann auch fragen

Eine Autorin berichtet, Ex-Bundespräsident Gauck habe sie unangenehm berührt. Dessen Anwalt verteidigt die Geste als „fotoüblich“.

Fünf Männer im Anzug nebeneinander

Legt niemandem den Arm um die Hüfte: Ex-Bundespräsident Joachim Gauck Foto: dpa

BERLIN taz | Ein „Grapscher“ sei Ex-Bundespräsident Gauck. Das berichtet die Autorin Zana Ramadani in ihrem neuen Buch. Gauck habe ihr bei einem Fototermin die Hand um die Hüfte gelegt, sie habe sich unangenehm berührt gefühlt. Gleichzeitig sei er ein „Gentleman“, hätte sie sicher losgelassen, falls sie darum gebeten hätte. Mit #MeToo habe das alles nichts zu tun, sie wolle auf keinen Fall auf einen „Empörungszug“ aufspringen, sagte Ramadani.

Es passt alles nicht so recht. Ramadani will keine Empörung, schreibt den Vorfall aber in ihr Buch. Sie will kein #MeToo, dabei geht es in dieser Debatte doch ganz explizit auch um unbewusste, aber eingeübte Grenzverletzungen. Und da kommen wir auch zum eigentlich interessanten Aspekt dieses Vorfalls; zur Äußerung von Gaucks Anwalt, der jedes Fehlverhalten weit von seinem Mandanten weist.

„Liest man ihren Text genau, steht da lediglich, dass Herr Gauck für ein Foto fotoüblich seine Hand um sie gelegt hat“, erklärte besagter Anwalt in der Berliner Zeitung. Aber warum eigentlich soll es „fotoüblich“ sein, dass ein Mann, kaum ist eine Kamera in der Nähe, ganz selbstverständlich seine Hand irgendwo zwischen Brust und Hintern einer Frau platziert?

In westlichen Ländern gilt das Händeschütteln als der höfliche Gruß, der auch unter Fremden ausgetauscht wird. Eine Umarmung hingegen ist etwas viel Intimeres. Verständlich, denn man kommt sich körperlich viel näher. Beim Hand-um-die-Hüfte-Legen kommt nun dazu, dass es eine einseitige Geste ist: Eine Person ist aktiv, umfasst die andere, hält sie. Die andere wird gehalten, ist passiv.

Es ist eine dominante Geste. Nicht umsonst legen in der Regel Männer für ein Foto ihre Hand um Frauen. Dass eine Frau die Hüfte eines Mannes an sich zieht, ist viel seltener, ebenso, dass ein Mann die Taille eines anderen Mannes umschlingt.

Der Fall George Bush senior

Bevor jetzt jemand ruft: „Was darf man denn überhaupt noch?“ – dieser Text hier fordert kein Verbot davon, dass irgendwer seinen Arm um irgendwen legt. Das kann eine sehr nette Geste sein, ein Ausdruck von Vertrautheit, es mag Menschen geben, die damit auch bei Fotos mit ­ihnen nicht persönlich nahestehenden Personen kein Problem haben. Dann ist es auch kein Problem.

Kaum ist eine Kamera in der Nähe, platziert Mann ganz selbstverständlich seine Hand irgendwo zwischen Brust und Hintern der Frau

Anders sieht das aus, wenn von einer Frau verlangt wird, dass sie doch bitte mit einer Hand an ihrem Körper einverstanden sein muss, immerhin sei das „fotoüblich“. Dass man sich nicht die fünf Sekunden Zeit nimmt, um einmal zu klären, ob der Mensch neben einem eigentlich berührt werden möchte.

Im Herbst 2017 wehrte sich George Bush senior gegen Sexismusvorwürfe; Schauspielerinnen hatten ihm vorgeworfen, sie bei Fotoaufnahmen betatscht zu haben. Die Entschuldigung aus seinem Büro: Im Alter von 93 Jahren und an den Rollstuhl gebunden, fielen seine Arme nun mal „unter die Taille von Menschen“, mit denen er Fotos mache.

Es ging also gar nicht anders. Na ja. Vielleicht doch: Bush hätte sich einfach mal vergewissern können, ob seine Foto-Partnerinnen überhaupt umarmt werden möchten. Falls ja, wären damit alle Missverständnisse aus der Welt geräumt gewesen. Falls nein, hätte er seine Arme einfach bei sich behalten und sich neben den Frauen fotografieren lassen können. Das wäre der bessere Standard für jedes Foto.

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