Podiumsdiskussion zu Israel-Boykott

Die unbeliebte Synagoge

Auf der Ruhrtriennale wurde über die „Freiheit der Kunst“ diskutiert. Doch blieb ein Dialog mit Unterstützern der BDS-Bewegung weitgehend aus.

Die sieben Teilnehmer der Podiumsdiskussion

Das hochkarätig besetzte Podium in der Bochumer Turbinenhalle Foto: Caroline Seidel/Ruhrtriennale 2018

Der britische Comedyautor David Schneider erzählte letztens auf Twitter einen Witz. Ein schiffbrüchiger Jude wird von einer einsamen Insel gerettet. Seine Retter sind verwundert. Er hat ein Haus und zwei Synagogen gebaut. „Warum zwei Synagogen?“, fragen sie. Er antwortet: „In der einen bete ich, in der anderen will ich auf keinen Fall gesehen werden.“

Schneider zeigt damit die Haltung vieler diasporischer Juden gegenüber Israel. Für die einen ist der Staat ein Zufluchtsort, andere kritisieren seinen „Zionismus“ und unterstützen zum Teil die BDS-Bewegung („Boycott, Divestment and Sanctions“), die einen ökonomischen und kulturellen Boykott Israels verfolgt.

Am Samstag bei der Ruhrtriennale in Bochum war aber klar, welche die unbeliebte Synagoge war: die, in der die Kritiker des BDS beten. Seit Wochen stehen das Theaterfestival und seine Intendantin Stefanie Carp in der Kritik, weil sie die schottische Band Young Fathers, die ebenfalls den BDS unterstützt, erst ein-, dann aus-, dann wieder eingeladen hatte. Schließlich sagte die Band den Auftritt ab.

Stattdessen organisierte die Ruhrtriennale am gleichen Tag eine Podiumsdiskussion über die „Freiheit der Kunst“. Auf dem Podium saß Carp gemeinsam mit der NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen, Michael Vesper von den Freunden der Ruhrtriennale, dem Musiker Schorsch Kamerun, der Tanz-Dramaturgin und BDS-Unterstützerin Hildegard de Vuyst sowie dem Musiker Elliott Sharp. Sharp war lange Teil der „Radical Jewish Culture“ des Free-Jazz-Musikers John Zorn, mittlerweile hat er öffentlich damit gebrochen und unterstützt ebenfalls den Boykott. Jüdische Kritiker des BDS waren in der Jahrhunderthalle also zum Zuschauen verdammt.

Draußen vor der Halle war das anders. Etwa zwei Dutzend BDS-Unterstützer standen über 200 Demonstranten gegenüber, die „keinen Platz für kulturellen Antisemitismus“ forderten. Auf dem Podium war der antisemitische Charakter der BDS-Bewegung aber nicht das dominante Thema. Stattdessen drehte es sich erst mal darum, ob BDS-Unterstützer denn per se antisemitisch seien – was eine andere Frage ist. Für die Young Fathers gelte das nicht, waren sich etwa Ruhrtriennale-Chefin Carp und der Hamburger Musiker Schorsch Kamerun einig. Letzterer fand jedoch, dass Künstler solche Konflikte lieber in der Kunst thematisieren sollten, anstatt nur politisch Position zu beziehen.

Dominant waren identitätspolitische Argumente auf beiden Seiten

Dominant waren jedoch identitätspolitische Argumente – egal, ob für oder gegen den BDS. „Wir Deutschen können nicht die Bilder unserer Väter und Großväter aus der Vergangenheit herausnehmen, die Schilder mit ‚Kauft nicht bei Juden‘ aufgehängt haben“, sagte Michael Vesper. „Muss man als Deutscher eine Ausnahme in der internationalen Beurteilung des ungesetzlichen Verhaltens von Israel sein?“, fragte Hildegard de Vuyst zurück. Elliott Sharp führte dagegen seine Mutter, eine Holocaustüberlebende, als Beispiel an. Ein in den USA geplantes Gesetz könne eventuell bald dafür sorgen, dass sie sich strafbar macht, wenn sie BDS unterstützt, so Sharp: „Soll ich sie dann bei der Polizei anschwärzen?“

Der Dialog blieb weitesgehend aus

Schlauer war dagegen Moderator Norbert Lammert. Er thematisierte einen Widerspruch in der BDS-Ideologie: Warum die Bewegung nur Israel boykottiere und nicht etwa auch andere Länder, in denen Menschenrechte verletzt würden, fragte er Hildegard de Vuyst. Die drückte sich um eine Antwort herum. „Juden wollen auch reden“, rief eine Frau mit russischem Akzent aus dem Publikum dazwischen: „Sie bringen uns nicht zum Schweigen.“

Auf dieses Stichwort hatte de Vuyst gewartet. Sie übergab das Mikrofon an Udi Aloni, einen jüdisch-israelischen BDS-Aktivisten. Er setzte zu einem fünfminütigen Redeschwall an, sprach von „fünf Millionen Palästinenser ohne Menschenrechte“ in Israel und beschuldigte zum Schluss die BDS-Kritiker, ihm vorzuschreiben, was es bedeute, ein Jude zu sein. Lammert durchschaute die Schimäre: „Niemand hier am Podium hat Ihnen gesagt, wie sie sich verhalten sollen.“

Es war der Tiefpunkt eines Nachmittags, an dem ein Dialog über weite Strecken ausblieb und durch das Verlesen von Positionen ersetzt wurde. Freuen dürften sich darüber zuerst die BDS-Aktivisten. Sie kamen durch die Debatte, ohne eine einzige an sie gerichtete Frage wirklich beantwortet zu haben.

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