Bilals neues Soulalbum

Psychedelik für die Couch

Komplex inszeniert wie eine HBO-Serie: Das Album "Airtights Revenge" von Bilal enthält viele Referenzen an das Goldene Zeitalter der Black Music.

Bilal stellt sein selbstproduziertes neues Album, "Airtights Revenge", vor. Ein Soulalbum, das am besten auf der Wohnzimmercouch zu genießen ist.  Bild: promo

Von allen Rollen im Musikgeschäft ist die des "Musician's Musician" eine der undankbarsten. Der Preis für eine kleine Schar devoter Fans und Respekt aus dem Kollgenkreis ist hoch: Der große Erfolg bleibt in der Regel aus.

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Bilal Oliver kennt diese Rolle nur zu gut. Jahrelang war er der Name hinter dem "featuring" auf den Alben seiner Freunde Common und Erykah Badu. Dort setzte er mit seiner Falsettstimme Akzente, lieferte sich fabelhafte Gesangsduelle, bevor sein Debütalbum seinen Ruf weiter zementierte.

Anfang des Jahrtausends war dies, HipHop war damals die dominante Jugendkultur und vielfältig wie nie zuvor und jemals wieder: Gangsta und nerdiges Bastlertum existierten friedlich nebeneinander. Mittendrin arbeiteten Bilal, Common und Erykah Badu an ihrem Remix von Soul und HipHop mit Geschichtsbewusstsein und politisch bewusstem Erziehungsauftrag, ohne jedoch jemals militant zu werden.

Jetzt, zehn Jahre später, sitzt Bilal in einer Kölner Hotellobby und spricht über sein neues Album "Airtight's Revenge": "Airtight, also Luftdicht, ist ein alter Spitzname von mir. Und ,Revenge' ist eine Anspielung auf den ganzen Bullshit, der mir in den letzten Jahren passiert ist."

Der Bullshit - das sind ein mutwillig geleaktes Album und eine Plattenfirma, die daraufhin keinen Platz mehr für den Sänger hatte. Eine typische Geschichte über die Hilflosigkeit der Musikindustrie gegenüber dem Internet, doch für Bilal ein Neuanfang. Sein neues Label ist Plug Research, ein unabhängiges Label aus Kalifornien, das durch experimentelle Elektronik bekannt geworden ist.

Auf den ersten Blick wirkt Bilal dort wie ein Fremdkörper. "Airtight's Revenge" ist ein klassisches Soulalbum, maßgeschneidert auf eine Frontfigur und ihre Stimme. Aber es ist auch eine Rückbesinnung auf die afro-futuristische Psychedelic der frühen 1970er - als Zitat, nicht als Methode.

Bilal selbst hat das Album produziert, dabei geholfen haben ihm eine Reihe von Produzenten. Auch Shafiq Husayn, der Hausproduzent von Erykah Badu, ist dabei, der letztes Jahr mit der Band Sa-Ra Creative Partners das Erbe von Sly Stone unter digitalen Vorzeichen angetreten hat.

Nichts stört sein Falsett

Und Bilal geizt nicht mit Referenzen an diese fruchtbare Epoche afro-amerikanischer Musikgeschichte. "Airtight's Revenge" ist zwar mit einer traditionellen Band aufgenommen. Dennoch morphen die Instrumentalspuren über das gesamte Soundspektrum, bis sich die Frage nach ihrem Ursprung in einer psychedelischen Ursuppe aufgelöst hat.

Psychedelic mit Consciousness, der Trip als Schulausflug. Dabei bleibt das Soundgewand größtenteils frei von digitalen Artefakten, kein Autotune stört die Kreise von Bilals Falsett. Doch auch ohne Effekte füllt seine Stimme die Leerstellen seiner Arrangements, schlängelt sich um die Instrumente und erzählt in einfachen Worten von Trennung und Unsicherheiten.

"Wenn ich einen Song mache, schlüpfe ich in eine Rolle", erzählt Bilal. "Pillow ist der Charakter für die Ladies. Airtight dagegen ist ein Con Man - ein Hochstapler, der mit Zuhältern rumhängt und sie aufs Glatteis führt."

Aber Bilal ist kein Originalgangster, die Unterwelt kennt er nur aus Büchern. Sein Figurenkabinett aus Con Men, Pimps und Hustlers entstammt den Pulp-Krimis von Donald Goines und Iceberg Slim, in denen auch Airtight seinen ersten Auftritt hatte. In seinen Songs mutieren all diese Kleinkriminellen jedoch zu recht konventionellen Typen, die vor Liebeskummer oder Sorge um die kranken Söhne kaum zum Hustlen kommen.

Ähnlich ist es mit dem Cover. Bilal steht im Anzug vor einem Fenster mit roten Vorhängen, in der rechten Hand hält er einen Mikrofonständer, mit der linken schiebt er vorsichtig die Vorhänge beiseite und riskiert einen Blick nach draußen. Das Cover zitiert ein klassisches Foto des afroamerikanischen Aktivisten Malcolm X, der sich 1964 für die Zeitschrift Ebony in der gleichen Black-Power-Pose mit einem Maschinengewehr ablichten ließ. "Malcolm war bereit, für seine Ansichten zu kämpfen. Genauso denke ich über meine Musik."

Wille zur großen Erzählung

Ein Spiel mit Zitaten aus dem militanten Arm der Bürgerrechtsbewegung wird so zum persönlichen Kraftspender. Trotzdem ist Bilal nicht unpolitisch. "Zumindest in den Staaten denken alle, man könne über Nacht reich werden, wenn man nur die richtigen Ideen hat", sprudelt es aus ihm heraus, sobald Politik zur Sprache kommt. "Aber das ist eine Falle, die meisten Leute enden ganz unten!"

Der amerikanische Traum funktioniert also nicht - wer würde dem nicht zustimmen? Nur so richtig Neuigkeitswert hat das nicht. Trotz aller Sozialkritik ist "Airtight's Revenge" dann auch kein HipHop als Gegenöffentlichkeit, das oft zitierte und von Public-Enemy-Rapper Chuck D herbeibeschworene "CNN der Schwarzen", sondern erinnert eher an eine maßgeschneiderte HBO-Serie.

Komplex erzählt, reich an Referenzen und Details und mit dem Willen zur großen Erzählung. Ein Album, das seine Hörer nicht in den Club, an den Schreibtisch oder auf die Straße drängt. Sondern auf die Wohnzimmercouch.

 

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